Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 29 (12.4.1897)
- Date
- 1897-04-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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547 ließ. Wer darf daran zweifeln, daß die edle Absicht der jüdischen Wohlthäterin da nicht ebenso schmählich gefälscht werden wird, wie in so manchen anderen Fällen? Haben wir denn nicht vor Kurzem erst von einem noch empörenderen Attentat des antisemitischen Stadtrathes auf Recht und Gesetz gehört? Haben wir denn nicht das Unglaubliche aus dem Munde des Bürgermeisters Strohbach bestätigen gehört, daß seine Parteigenoffen in der That den nichtswürdigen Versuch unternommen hatten, ein ausdrücklich für arme Israelitinnen bestimmtes Legat der Klostervorstehung „Zum guten Hirten" zuzuwenden? Der crafse, mir durch das Dazwtfcheutreten der Behörden vereitelte Mißbrauch der Amtsgewalt, den der antisemitische Stadtrath in diesem Falle sich zu Schulden kommen ließ, gehört zu jenen Erscheinungen unseres öffentlichen Lebens, die man in civilisirten Ländern einfach für unmöglich halten müßte. Aber was ist den Antisemiten nicht möglich? Was gilt ihnen für heilig? Nehmen wir den allerdings undenkbaren Fall an, die Kultusgemcinde hätte den Versuch gemacht, den von einem Testator christlichen Armen zugedachten Betrag einem jüdischen Wohlthätigkeits- Institute zuzuwenden. Was hätte die öffentliche Meinung, nachdem sie Kenntniß von diesem Mißbrauche erlangt, gesagt? Man hätte zweifellos Alle, die an dieser That nritgewirkt — und zwar mit Recht — als Elende und 'Unwürdige bezeichnet, die keine Empfindung für Recht und Anstand besitzen und von dem Platze, den sie einnehmen, weggesegt werden müßten. Man hätte sich wohl auch nicht mit dieser wörtlichen Stigmatifirung begnügt, man hätte sicherlich den Staatsanwalt angerufen, der die Gesetzesverhöhnung ahnden müßte. Das wäre geschehen, tvenn Juden die Strafbaren gewesen wären. Antisemiten scheinen jedoch das Privilegium zu haben, Vieles ungestraft zu thuu, wofür Andere büßen müssen. Ist cs aber, fragen wir, angemessen, in dieser Zeit ver Competenz der antisemitischen Machthaber es ihnen anheimzustellen, über Gelder zu verfügen, die „ohne Unterschied der Konfession" vertheilt werden sollen? Müßten nicht vielmehr die jüdischen Wohlthäter angesichts des Druckes und des namenlosen Elends, von dem die armen Juden heimgesucht sind, darauf achten, daß die Letzeren nicht auch dort verkürzt werden, wo ihnen Hilfe zugedacht war? Ist es nicht die heilige Pflicht der reichen und bemittelten Juden, in erster Reihe an die durch die antisemitische Hochfluth doppelt bedrängten jüdischen Armen zu denken, die einen zweifach harten Kampf ums Dasein führen müssen? Die Roth unter den armen Juden Wiens ist eine erschreckend große geworden. Herzzerreißend ist die Lage unendlich Vieler, die an die KultuSgemeinde um Hilfe appelliren und abgewiesen werden müssen, weil ihre Mittel zu gering sind, llm allen Anforderungen zu entsprechen. Ist es in solchen Tagen, fragen wir daher noch einmal, an der Zeit, dem antisemitischen Stadtrath das Verfügungsrecht über Legate für Arme „ohne Unterschied der Konfession" einzuräumen? England. London. Vor einigen Tagen fand die allmonatliche Zusammenkunft der jüdisch - englischen Alliance (Anglo Jewish Association) statt. Anwesend waren : Präsident Claude G. Montefiore, Sir Philipp Magnus, Dr. Gaster und De. Löwy, die Herren E. N. Adler, I. Simon, Selim S. Solomon rc. re. Die Versammlung bot diesmal ein eigenartiges Interesse durch die Anwesenheit eines hervorragenden mohamedanischen Bewohners von Jerusalem, Aoussuf Pascha, ehemaliger Bürgermeister von Jerusalem und Vertreter der Stadt in dem Parlamente in Constantinopel unter Midhat Pascha. Aoussuf Pascha hat den Wunsch ausgesprochen, mir dem Verwaltungsrathe der jüdisch-englischen Alliance, von dessen Wirken in Palästina er genaue Kenntniß habe, zusammenzutreffen. Voussuf Pascha, der ausgezeichnet englisch spricht, machte den Anwesenden interessante Mittheilungen. Er sprach von Palästina als einem fruchtbaren Lande, das sich noch weit blühender entfalten würde bei genügender Bewässerung, bei Ausdehnung des Eisenbahnnetzes rc. Als ein Beispiel führte er den Drangenhandel von Jaffa an, der ein jährliches Einkommen von 150,000 Pfund ausmache. Die Wiedergeburt des Landes wäre gesichert, wenn Mohamedaner, Juden und Christen in vereintem Streben daran arbeiteten. Die Juden, für die er große Sympathie besitzt, nannte er die „Vettern" der Mohamedaner; er erinnerte die Anwesenden, daß die Mohamedaner den Juden stets freundlich gesinnt gewesen feien und daß sie dieselben, als sie von Spanien vertrieben wurden, in der Türkei mit offenen Armen empfingen. Dr. Gaster und Mr. Leopold Schloß dankten dem Gaste und sprachen ihre Freude über die freundliche Behandlung aus, die den Juden überall im Reiche des Sultans zu Theil werde. Der Präsident dankte? im Ramett des Verwaltungsrathes und Poussuf Pascha versprach, der Alliance nach seiner Rückkehr aus ^Jerusalem LBerichteZzu schicken, die für dieselbe von Interesse seien. Hierauf verlas der Sekretär den Bericht des Executiv- ComittzS.