Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1897-04-05 · Heft 27 (5.4.1897) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 27 (5.4.1897)
Date
1897-04-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448705-2448732--43671-2492731
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

510 wo sie, die häufig ebenso vorzügliche Musiker als Cantoren sind, weder bei den auf der niedrigsten Bildungsstufe stehenden Mitgliedern ihrer Gemeinde Verständniß finden für ihre Leistungen, noch ernste Anregung zur Fortbildung und zum Stu ium oder gar ausdrückliche Gelegenheit zu weiterer Vervollkommnung! Ich kenne solcher vorzüglichen Kräfte eine ganze Anzahl, deren Träger in Gefahr sind, daß ihre Fähigkeiten infolge des geringen Verständnisses, welches man ihnen entgegenbringt, total verkümmern, die schließlich mürrisch und verbittert werden in der ahnungsvollen Voraussicht, vielleicht niemals aus der fruchtlosen Oede des Dorflebens erlöst zu werden, wo sich ihnen und ihrer Kunst so gar nichts bietet! Und was ist Schuld daran? Nichts anderes, als die Gewohnheit der großen Städte, ihre Cantoren immer wieder aus größeren Städten zu holen, als ob nur in solchen die guten Vorbeier geoeihen könnten. Was nützt er solch einem fähigen jungen Manne, wenn er seine Bewerbung einreicht? Er mag ein noch so vorzüglicher Vorbeier sein, es mögen ihm noch so gute Zeugnisie zu Gebote stehen, sobald seine Bewerbung au- Eichdorf oder Wallstetten kommt und nicht aus Frankfurt oder Düsieldorf rc., so ist ihm alle Aussicht auch nur auf einen Probevortrag so gut wie abgeschnitten. Auf diese Weife bleibt inmitten der deutschen Cantorenwelt ein ganz gewaltiges Feld von gesanglichen Kräften brach liegen, nur deßhalb, weil unsere Großgemeinden, die ja meist auch tüchtige Stätten zur Fortbildung in der Musik in ihren Mauern bergen, in dem thörichien Wahne befangen sind, als müßten sie die Vorzüglichkeit der Cantoren nach der Einwohnerzahl der Städte messen, in denen sie wirken. Würden unsere bedeutenden Gemeinden sich entschließen, bei ihren Berufungen durchaus diesen rein äußerlichen Maßstab fallen zu lassen, der ja eine Garantie für zufriedenstellende Erledigung der Vacanzen absolut nicht bietet, würden sie nicht nach den Poststempeln der eingesandten Bewerbungen sehen, sondern mehr nach den Zeugnissen, die in ihnen enthalten sind, wie manche Perle könnte ihnen zufallen, wie würden sie staunen, daß auch aus kleinen Orten grobe Vorbeter und große Sänger hervorgehen. Dann aber wäre Beiden geholfen, den Gemeinden, die gute Cantoren, und den Cantoren die große, zur Fortbildung aneifernse Gemeinden erhielten. Möge in dieser Sache recht bald Wandel eintreten. W. Sack. Chordirigent. Kronach Heute me nenc, hielt Sr. Chrw. Herrn Distr.-Rabbiner Herr Dr. Goitein aus Burgkundftadt in hiesiger Gemeinde, die dessen Nabbinate angehört, seine Antritlspredigt. Gestützt aus Kap. 10, Vers 10 und 11 der heutigen n-nc: dk rrrn^ Tinten pn «eon pw ‘nnn pai umpn pe bmrtb: "iw v'pnn Se n« us wußte der gewandte Kanzetredner in dreiviertelstündiger Rede die Aufgabe eines pflichttreuen Seelsorgers zu entrollen und gelobte an gottgeweihter Stätte nur seinem heiligen, beseeligenden Berufe obliegen und seinen Gemeinden auch in der That mit dem Beispiele eines frommen, tugendhaften Wandels vorangehen zu wollen. Mit der an die versammelte Gemeinde gerichteten Bitte, ihn in der Ausübung seines Berufes nach Kräften unterstützen zu wollen, schloß die herrliche Rede. Die andächtigen Zuhörer, darunter auch Nichtisraeliten hiesiger Stadt und benacharter Orte, waren sichtlich ergriffen durch die zu Herzen gesprochenen Worte und jeder war voll des Lobes über die nach Form und Inhalt gelungene Predigt. W.-r. Aus Sachsen-Weimar Durch das Ableben der Großherzogin Sophie von Sachsen-Weimar, das so jäh und unerwartet erfolgt ist, hat sich eine schwere Trauer über das weimarische Land verbreitet. Der Verlust, den das Land erlitten, ist ein ungemein großer, vielleicht ein unersetzlicher. Die vortreffliche Fürstin besaß einen großen Geist und ein großes Herz. Ihre Fürsorge für die Wohlfahrt der Landesbevölkerung, ihre Wohlthätigkeit kannten keine Grenzen. „Soviel Klugheit, Umsicht und Wohlthätigkeit," wurde von ihr geschrieben, „findet sich selten auf dem Throne vereint" — wir Israeliten müssen als viertes hinzufügen: so viel Toleranz. Eine duldsame, liebevolle Gesinnung gegen Andersgläubige hatte sie als ein Erbtheil des Königshauses der Niederlande, dem sie entsprossen war, mit nach Weimar genommen, und in dem wrimarischen Fürstenhause, dem sie über 54 Jahre angehört hatte, vorgefunden. Sie wandte wiederholt kleinen, jüdischen Gemeinden zum Aufbau und zur Erhaltung ihrer Synagogen hohe Beiträge zu und unterstützte häufig hilfsbedürftige Israeliten. Ihrer humanen Gesinnung hatte die Frau offenen Ausdruck verliehen in der Glückwunsch-Audienz, die Herr Landrabbiner Dr. Salzer im Jahre 1892 anläßlich der goldenen Hochzeit des großherzoglichen Paares bei demselben hatte. Der Gratulant hatte der Großherzogin besonders für die Gnadenbezeugungen gedankt, die sie seinen Glaubensgenossen erwiesen. Daraufhin nahm die hohe Jubilarin Veranlassung, nach den Dankesworten des Großherzogs ebenfalls zu erwidern. Indem sie Bezug nahm auf die Aeußerung des Großherzogs, daß seine Fürsorge sich auf alle feine Landeskinder erstrecke, sprach sie mit gehobener Stimme in Gegenwart des ganzen Hofstaates: Wir kennen keinen Unterschied unter unseren Landeskindern. Um ihrer Treue und Liebe zu der hohen Ver-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.