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Der Israelit · 1897-03-29 · Heft 25 (29.3.1897) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 25 (29.3.1897)
Date
1897-03-29
Page
– (sequence 10)
Language
German
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4801 durch Ihre Geistesgegenwart und muthige Entschlossenheit, vom sicheren, gräßlichen Flammentod erretteten. Sie waren es Herr Reutlinger, welcher uns der durch den Schrecken und die Todesangst hervorgerufenen Erstarrung durch den Hoffnungsruf: „Hier ist noch eine andere Thüre", entrissen. Sie waren es, welcher die Thal dem Worte folgen ließen, diese Thüre sprengten und uns 36 Unterzeichnete und wohl noch viele andere dem Tode entrissen, dem so viele unserer Brüder und Schwestern unterlagen. Mir, dem mitunterzeichneten Hauboisten Günther, haben Sie zweimal das Leben gerettet. Nachdem ich durch die von Ihnen erbrochene Thüre entkommen war, fiel ich auf der Treppe besinnungslos nieder und wäre verloren gewesen, hätten Sie mich nicht auf Ihren Schultern aus dem brennenden Hause getragen. Erlauben Sie Herr Reutlinger, daß wir öffentlich unseren tiefgefühlten innigen Dank hiermit aussprechen und glauben Sie unserer Versicherung, daß unsere Dankbarkeit nur mit unserem Leben aufhören wird. (Folgen 36 Unterschriften). Herr Reutlinger, Vater des jetzigen Möbelhändlers Reutlinger, ist noch am Leben, er wurde damals allgemein mit dem Ehrennamen „M enschenretter" bezeichnet. Seine That wurde neuerdings vom Großherzog durch Verleihung eines Ordens anerkannt. Solche Thaten verdienen im Gedächtnis der Nachwelt aufgefrischt zu werden. W. Stratzbttkg, 24. März. Bei den Berathungen für das nächstjährige Budget haben 11 Guneinderäthe durch den Stadtrath Paris folgenden Antrag einbringen lassen : „Der Gemeinderath wolle gütigst in Uebereinstimmung mit der städtischen Verwaltung die Trennung der Mittelschulen nach Konfessionen veranlassen und baldigst vernehmen." Der große Theil der hiesigen israelitischen Gemeinde, der diesen in das innere jüdische Leben tief eingreifenden Antrag mit außerordentlicher Begeisterung begrüßt, ist sehr gespant, recht bald zu erfahren, welche Stellung die israelitischen Gemeinderathsmitglieder, besonders das Gemeinoerathsmitglied, Herr Dr. Levy, Präsident des israelitischen Consistoriums des Unter-Elsaß, zu diesem Antrag nehmen wird. Diese Spannung ist umso berechtigter, als unter den Unterzeichneten Gemeinderathsmitgliedern kein einziger Name der drei israelitischen Gemeinderathsmitglieder verzeichnet steht. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien. Der bekannte Schriftsteller Eduard Kulke ist am 20. d. M, Nachts, in seiner Wohnung, Mariahilferstraße Nr. 70, nad) längerer Krankheit im 62. Lebensjahre gestorben. Am 28. Mai 1831 in Nikolsburg geboren, erwarb sich Kulke schon in jüngeren Jahren einen namhaften Ruf als Novellist, und seine vielen Erzählungen aus dem jüdischen Volksleben feines Heimathlandes Mähren, von denen der „Kunstenmacher" auch in den von Paul Heyse herausgegebenen „Deutschen Novellenschatz" ausgenommen wurde, lassen ihn als bedeutenden Ghetto-Schilderer erscheinen. Auch auf dramatischem Gebiete versuchte sich Kulke und schrieb die Tragödien „Don Perez" und „Korah", das Lustspiel „Der gefiederte Dieb" x. Durch viele Jahre stand der Verstorbene in engeren Beziehungen zu Friedrich Hebbel, und er veröffentlichte auch ininteressante „Erinnerungen" an den Dichter der „Nibelungen". Der „Israelit" mußte in den sechziger Jahren leider öfters Gelegenheit nehmen, die höhnische und satirische Art, mit der der Verblichene die Einrichtungen und Gebräuche des gesetzestreuen Judenthums schilderte, scharf zu geißeln. Bedauerlich ist, daß confervativ sein wollende jüdische Blatter und Volksbibliotheken in Ermanglung von etwas Besserem diese alten Geschichten wieder ausgegraben haben. Man sieht daraus, wie sehr in unserer Zeit die jüdische Belletristik im Argen liegt. Wien, 24. März. Gelegentlich der Reichsrathswahlen veröffentlichte der katholische Schriftsteller Julius Lang an die Wähler Wiens ltnb Niederösterreichs einen „Christlichen Mahnruf gegen den unchristlichen Antisemitismus", in welchem er auf die Ungerechtigkeit und Schädlichkeit der antisemitischen Bewegung hüuveist. „Der Antisemitismus, wie er sich in Wien geoffenbart und enthüllt hat", heißt es in dem Aufrisse, „entspricht weder der Tradition unserer Kaiserstadt, noch den Charaktereigenschaften des Herzens und der Gemüthstiefe der echten Wiener, noch den christlichen Grundsätzen der Lehre unserer Religion." Der Verfasser des Aufrufes führt unter anderem eine Aeußerung an, welche Kardinal Fürst Schwarzenberg kurz vor seinem Hinscheiden ihm gegenüber über den Antisemitismus gemacht habe. „Der Antisemitismus, wie er in Wien getrieben wird", sagte der Kircheusürft, „stößt mir ernste Bedenken und Besorgnisse ein. Das ist ein leidenschaftlicher Kampf gegen alle Inden, ja gegen das alte Testament selbst, welches ja die Basis des neuen Bundes ist. Dadurch werden die Fundamente unserer heiligen Religion und unserer heiligen Kirche selbst unterwühlt, und die Patriarchen sowie die großen Propheten, welche Gott der Herr erweckt hat, erschüttert. Ich warne Euch dringend, Euch von dieser Bewegung hinreißen zu lassen, sie ist nicht mehr allein gegen das Judenthum gerichtet, sie bedroht auch die Kirche, indem sie die Autorität der heiligen Schrift, die Tradition erschüttert!" Schweiz. Basel. Die „Rationalztg." schreibt: Hinsichtlich der Wirkungen des Schächtverbots liest man

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