Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 25 (29.3.1897)
- Date
- 1897-03-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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476 hinaus auf Feld und Garten, um unter seiner Leitung alle landwirthschaftlichen Arbeiten selbstständig auszuführen. Die Kolonie hat zu diesem Zwecke einen Platz von ca. einem Hektar angewiesen, auf dem die Schulknaben bis jetzt ringsherum eine Reihe von acacia mimosa pharnesiana und zwei Reihen des Wunderbaumes Eucajbyetus angepflanzt, um nunmehr das Land mit diesem Spatenstich von dem Insekte der gefürchtetsten Art der hiesigen Quecke (Kriticum repens) gründlich zu reinigen. Man wird sodann das Land mit Weinreben, Orangen, Citrusäpfeln (Ethrogim), Mandeln und andern Fruchtbäumen anpflanzen und so allmählich durch diese Kinderarbeit eine gute Baumschule schaffen. Die Einnahmen aus dieser Baumschule werden dazu verwendetwerden, für die Kinder gute Garteninstrumente und Turngeräthe zu erwerben. Selbstverständlich ist es, — und hoch klopft das jüdische Herz dabei auf, daß die Kinder an ihren Leiter alle ihre Fragen in klassischem Hebräisch richten, um in derselben Sprache die Antwort zu erhälten. So werden Geist und Körper, Judenthum und landwirthschaftlicher Sinn zugleich gekräftigt und gestärkt, und man muß dem leitenden Gärtner von Rehobhoth, Herrn A. Eisenberg aus vollem Herzen Dank wiffen, daß er diese vortreffliche Einrichtnng getroffen und vortrefflich durchgeführt hat. Zugleich werden auch die Mädchen der Kolonie zu solcher Arbeit dadurch mit herangezogen werden, daß man auf dem oben bezeichnten Versuchsgarten auch Gemüse baut, und die zukünftigen Kolonistinnen werden damit schon jetzt jene auch für sie zugänglichen Arbeiten praktisch lernen, wie sie jede Bäuerin in den mitteleuropäischen Ländern zu thun gewöhnt ist. Außerdem lernen sie dann den Umgang mit dein Milchvieh und die ganze Milchwirtschaft. Auch sie sprechen mit dem Leiter der Arbeit,^ wie unter einander die reine hebräische Sprache. Die Bedeutung dieser neuen Einrichtung wird uns völlig klar, wenn wir bemerken, daß die andern Kolonien sich ein Muster daran nehmen und sich mit Freuden beeilen/dieser so eminent wichtigen Einführung auch bei sich Geltung zu verschaffen. So ist die Kolonie Katra (Gedscal) schon dabei, für ihre Knaben eine ähnliche Baumschule, sowie einen Turnplatz einzurichten. Die ohnehin gesunde und kräftige Jugend unserer Dörfer hat so Gelegenheit, im engsten Anschluß an die Arbeit der Eltern sich zu stärken und zu stählen. — Literarische Notiz Die am 7. April stattfindende Kiddusch ha Chamah hat eine zahlreiche Literatur hervorgerufen. In Berlin, Frankfurt a. M., Pesth, Warschau, Amsterdam sind eine Reihe von Büchern und Tabellen erschienen, die sich theilweise auf die feierliche Begehung dieses Aktes, theilweise auf dessen homiletische und kalendarische Erklärung beziehen. Ein uns in jeder Hinsicht am geeignetsten erscheinendes Büchlein ist bei Eduard Molk in Warschau, Georgienstraße Nr. 36 erschienen. Daffelbe enthält in hübschem Druck die Vorschriften über Birchath Hachamah, die Psalmen über Kiddusch Lewanah, sowie sonstige werthvolle Beigaben. Der Verfaffer liefert das Werkchen zum billigen Preise von 17* Kopeken das Stück, bei größeren Bezügen noch Ermäßigung des Preises. Auch bei Josef Fischer, Krakau, Grodgaffe 62, ist ein ähnliches Werkchen erschienen. Feuilleton. Getreu bis trt den Tod. Von Maurice Mavorr ii) Ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Brust und beklommenen Herzens erbrach er das Siegel. Ein ziemlich umfangreiches Heft mit enger, dichter Schrift fiel aus dem Couvert. An demselben war ein Blatt in Form eines Briefes befestigt. Alfred löste dasselbe ab und und begann zu lesen. „Wenn diese Zeilen in Deinen Besitz gelangen, werde ich nicht mehr unter den Lebenden weilen, mein Alfred. Und doch spricht meine Seele zu Dir in diesem Augenblicke, mein liebes Kind, mein Herz war mit so engen Banden der Liebe an Dich geknüpft, daß die Erstarrung des Todes dieselben nicht zu lösen vermag. „Ich sitze am offenen Fenster, schaue zum klaren wolkenlosen Himmel empor. Die Luft ist milde und lind. Der kühle Abendwind treibt süßen Blumenduft in mein Zimmer. Ein eigenthümlich wehmüthiges Gefühl beschleicht mein Inneres, und eine Empfindung der Sehnsucht durchrauscht meine kranke Brust. Wonach? Ja wonach? Ich mußte über meine Thorheit lachen. Da sehe ich ein kleines Vöglein, das noch kaum seine Flügel zu gebrauchen versteht, von einem Zweig zum andern Hüpfen und das dabei gar jämmerlich zwitschert. Es wird seine Eltern verloren haben und sich in Sehnsucht nach ihnen verzehren. „Während ich so dem kleinen Wesen zusehe, wird es mir immer wehmüthiger und beklommener um's Herz, als steige allmählig eine dunkle Wolke aus der Tiefe meiner Seele, mein Herz beengend, mein Denken verdüsternd und den Strom von Schwermuth in mein Inneres leitend. „Ich weiß, weshalb jene Betrachtung mich so mächtig bewegt. Bist Du nicht, mein Liebling, eine treue Abbildung jenes kleinen Vogels? Bist Du nicht ebenfalls verlaffen und heimathlos, wie jenes Wesen dort? Ja, Du bist noch viel schlimmer daran! Du hast Vater und Mutter, welche in einem anderen Staate zu der bevorzugten Ctaffe gehören, und doch bist Du eine Waise. Du befindest Dich allein, ganz