Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 25 (29.3.1897)
- Date
- 1897-03-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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475 Rußland. Spola, 15. März. lieber die Judenhetze bringen nun auch die ..P.t. Med." einen längeren Bericht, dein wir Nachstehendes entnehmen: Die neuen Nachrichten über die Katastrophe im Süden, welche durch die äußerste Zuspitzung der wirthschaftlichen und nationalen Feindschaft zwischen den Bauern tmd Juden entstanden ist, entwerfen ein düsteres Gemälde. Obgleich Spola ein Flecken ist, so übertrifft es doch hinsichtlich seiner Einwohnerzahl, unter der sich 4000 jüdische Familien befinden, sowie hinsichtlich seines Handels und (Gewerbes manche Kreisstadt. Besonders blüht derHandel mit Manufactur-,Galanterie- und Eisenwaaren. Bei der Katastrophe wurden aus den zerstörten Buden die Maaren auf die Straße geworfen und mit Petroleum begossen; an anderen Stellen warf man Sammet, Seide und theuere Rauchwaaren in mit Baumöl gefüllte Fäsier. Fässer mit Mein wurden auf die Straße gewälzt und dort zertrümmert. Während sich ein Theil des Haufens mit den Buden beschäftigte, begab sich ein anderer Theil in die Häuser, zertrümmerte Spiegel und Möbel, zerzauste das Bettzeug und stahl Werthsachen und Geld. Bei einem Herrn Raffalowitsch allein wurden 6000 Rubel in baarcm Gelde uub 7000 Rubel in Werthsachen geraubt. Gleichzeitig plünderte man elegante Handlungen und elende Buden, so das; sich den Blicken der Personell, die drei Tage nach der Katastrophe in Spola eintrafen, ein Chaos darbot, das aus einen; Gemisch von Zucker, Petroleum, Wein, theuern Stoffen, Butter, Daunen und verschiedenem Hausgeräthzusammengesetzt zu sein schien. Die Plünderung hörte erst auf, als der Viee-Gouverneur mit Kosaken eintraf. Gegenwärtig befindet sich in Spola der Gouverneur von Kiew und der Prokurator des Umanschen Bezirksgerichts. Ein großer Theil der Schuldigen wurde sofort mit Ruthen bestraft, in Fesseln geschlossen und nach Swenigorodka abgefertigt. Aus llman wurde von den Juden telegraphisch der vereidigte Rechtsanwalt Sernizki berufen, um, wie es heißt, Material zur Anhängigmachung von Civilforderungen zu sammeln. Auf eine telegraphische Bitte des Rabbiners von Spola wurde in den Nachbarstädten eine Kollekte zum Besten der Geschädigten eröffnet uub schon am nächsten Tage traf ein Transport von hundert Pud Getreide und eine größere Geldsendung ein. Wie man annimmt, beläuft sich der Verlust auf über eine Million Rubel. Charakteristisch ist der Umstand, daß während der Plünderung die Bauern laut ihr Bedauern äußerten, es wäre schade, daß die Hetze nicht am 27. Mai veranstaltet worden wäre, an welchem Tage irr Anlaß der Zarenkrönung Volksbelustigungen veranstaltet wurde, wobei die Bauern mit den Juden Streit begannen. Die Juden gaben indeffen nach, verließen den Ort der Belustigungen und beugten damit groben Ausschreitungen vor. Allgemein nimmt man an, daß die Hetze schon früher beschlossen, durchdacht und vorbereitet worden war. Ein trauriges Bild der Zerstörung bilden die reichen Häuser der Herren Brodski, Raffalowitsch, Tschernobylski und anderer. Die Fenster und Thüren, das kostbare Ameublement, werthvolle Spiegel und Pianinos bilden einen Haufen von Trümmern und Scherben, mit denen die Trottoirs bedeckt sind. Im Garten liegen in wüster Unordnung Kiffen, Pfühle, theuere Bücher und Journale, zerrissene Rechnungen u. s. w. untereinander, dicht nebenan — Brechstangen, Aexte als sprechende Zeugen des nächtlichen Ueberfalles. In der frühen Morgenstunde des 3. März erschienen als Ersatz der bereits erschöpften Plünderer neue Haufen und vollendeten das Merk der Zerstörung. Selbst die Synagogen wurden bis auf den Grund zerstört. Um die Mittagsstunde des 3. März gab es bereits fast nichts mehr zu zerstören. Indeffen sammelten aus den benachbarten Dörfern sich immer größere Banden an und begaben sich mit Körben, Säcken und Stricken in die Läden, von wo sie schwer beladen mit Maaren zurückkehrten. Von einer fürchterlichen Panik ergriffen, verlieben die Juden Spola; die beiden Bahnhöfe des Fleckens (der Fastow-Bahn und der Süd-Mest-Bahn) waren mit Juden überfüllt; da sah man Frauen mit Säuglingen an der Brust und größeren Kindern an der Hand. Die Nachricht über die Plünderung Spolas ilnd das Gerücht, das Gesetz verbiete es nicht, die Juden ihres Eigenthums zu berauben, verbreitete sich mit Windeseile, bis selbst zu entfernteren Ortschaften, und am 4. März trafen hunderte von Männern und Weibern ein, um die Plünderung fortzusetzen; doch stießen sie bereits aus Widerstand. Als der Geistliche mit dem Kreuze in der Hand die Menge ansichte, das gotteswidrige Werk zu laffen, wurde ihm die Antwort zu Theil: „Väterchen, laß uns doch das Vergnügen!" Die „Pet. Wed." sprechen zum Schluß die Ueberzeugung aus daß die Judenfrage im Süden die gewissenhafteste Erforschung und Behandlung verlange. P a l ä st i n a. Rehovhoth, 12. Adar-scheni. Jeder Besucher dieser Kolonie müßte unbedingt auch die Schule besuchen, da sie ein Muster für derartige Anstalten in unseren Dörfern zu werden bestimmt ist. Abgesehen davon, daß die junge Heranwachsende Generation in den Geist des Hebräischen als ihrer Muttersprache eingeführt wird, hat man hier zuerst daran gedacht, daß diese Anstalten nicht nur jüdische Kinder, sondern jüdische Bauern kinder erziehen sollen. Jeden Nachmittag gehen fünf Knaben der obersten Schulklaffe unter Aufsicht eines tüchtigen und geübten Arbeiters