Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1897-03-29 · Heft 25 (29.3.1897) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 25 (29.3.1897)
Date
1897-03-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448705-2448730--43636-2492694
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

lA W! 477 allein auf der weiten Gotteswell; eine undurchbrechliche Scheidewand trennt Dich von Deinen Blutsverwandten und in diesem Augenblick fühle ich doppelt die ganze Größe Deines Unglückes! „Ich sehe Deinen tiefen Kummer, Deine Schwermuth; ich sehe den Kampf Deiner Seele, die durch lügenhafte Gerüchte in Dir heraufbeschworen wurden; ich sehe, wie der Gram an Deiner Brust zehrt, nnb so reifte der Entschluß in mir, Dir, gegen den Wunsch und Willen Deiner Mutter, noch vor Erreichung Deines zweiundzwanzigsten Lebensjahres Deine Abstammung mitzutheilen. Sollte indeß der göttliche Rathschluß mich noch früher von dem Schauplatze meines Dulderlebens abrufen, so soll Dir mein Tagebuch, das ich hier mit einschließe, Aufschluß über Deine Familie geben. „Ich beginne darin mit meinem eigenen Leben. Nicht etwa, weil ich Dir zuerst mittheilen will, wer ich bin, sondern weil Dein Leben eine Fortsetzung des Trauerspieles ist, das mit dem meinigen seinen Anfang genommen. „Sei stark, mein Kind! Laß Dich nicht von Leid und Mißgeschick übermannen; wahre Seelengröße zeigt sich erst im Unglück! Gottes Segen begeleite Dich auf Deinem Lebenspfade, und die reichste Fülle seines höchsten Gückes möge von nun an Dein steter Genoste sein! Es ist der Segen, den Dir Dein verstorbener Pflegevater aus den Gefilden des Todes sendet. Samuel Löwenstein." Heiße Thränen perlten in' den Augen Alfreds, er küßte die Buchstaben, welche die geliebte Hand geschrieben. „Ach, mein geliebter, guter Vater!" murmelte er tief bewegt. „Warum haben jene Mordgesellen nicht auch meinem qualvollen Leben ein Ende gemacht? Was habe ich von dem Dasein zu erwarten? Nur Elend und Pein. Heimathlos und verlassen! Welches Meer von Jammer und Elend ist in diesen beiden Worten ausgesprochen! — Aber was Ihne ich Undankbarer?! So wenig Anklang finden die großherzigen Worte meines Vaters in meinem Herzen?! Das Leben habe ich mir nicht selber gegeben und habe auch kein Recht, sein Ende herbeizuwünschen. Ich will es versuchen, in Deinem Sinne, unvergeßlicher Vater, mit dem Leben zu ringen und zu kämpfen, jede That, mit der meine Bemühung gekrönt wird, soll mir als Erfolg Deiner Erziehung, als Vermächtniß Deiner Großherzigkeit theuer und heilig sein!" Er verfiel in tiefes Sinnen. Blässe und Röthe wechselten jäh auf seinem Antlitz. Das Blut jagte mit rasender Eile durch seine Adern und in seinen Schläfen hämmerte es gewaltig. Sollte er noch das Tagebuch lesen? Er warf einen Blick aus die kleine zierliche Schrift. „Nein, nicht jetzt!" flüsterte er mit halbgeschloffenen Augen. „Dr. Frankenheim hat Recht. Ich fühle, wie jede Gemüthsbewegung meine Kraft lähmt." Wohlthätiger Schlaf nahm seine Sinne gefangen, und ein schöner, herrlicher Traum verklärte seine schönen Züge. Ein Wirbelsturm erfaßte ihn und trug ihn auf einen hohen Berg. Quälende Angst lähmte seine Glieder, als er von der schwindligen Höhe in die steilabsinkende Tiefe hinabschaute. Er wollte sich an den einzigen Baum, der auf dem Berge zu sehen war, festklammern; aber zu spät. Der Sturm entwurzelte den Baum und rollte ihn mit schrecklichem Getöse in den gähnenden Abgrund. Er schloß die Augen und empfahl Gott seine Seele. In diesem Augenblicke fühlte er sich von einer starken Hand ergriffen; er schlug die Augen aus und ein Jubelruf entfuhr seinen Lippen. Neben ihm stand sein Pflegevater in königlichen Prachtgewändern. Ueberirdischer Glanz, himmlische Verklärung strahlte von seinem Angesichte. An seinen Arm lehnte sich eine wunderschöne Frau, die ihn lächelnd mit liebevollen Blicken betrachtete. Ihm wurde so wohl, so weich um's Herz, als er die Frau anblickte. Sind ihre Gesichtszüge nicht die seiner Mutter? — „Mutter!" — rief er aus und streckte ihr seine Hände entgegen. Da erscholl eine wunderbare, unsichtbare Musik. Die Zaubcrtöne hallten zuerst in der Ferne, kamen aber immer näher und näher, bis sie sich in einem brausenden Aceord auflöften. Und als er wiederum aufschaute, da stand neben seiner Mutter ein Mann in goldgesticktem Waffenrock und gab ihm ein Zeichen, näher zu treten. Sein Pflegevater war verschwunden. Er wollte näher treten, da legte sich eine düstere Wolke zwischen ihn und seine Mutter. Vergebens suchte er die lichtvollen Gestalten zu erhaschen, sie waren seinem Blicke verschwunden. Verzweiflungsvoll rang er die Hände und weinte bitterlich. Da legte sich eine weiche, schlanke Hand auf seine Stirn, er schlug die Augen aus und erwachte. An seinem Lager stand Pua und trocknete die Schweißtropfen von seiner Stirn.--- Aus dem Häuser-Gewirr des vornehmen Viertels der Gouvernementsstadt O. . . . erhebt sich mit seinen Thürmen und Erkern, Giebeln und Kuppeln das Hotel de la rille Saint?et6i8donip;. Es ist ein stolzer stattlicher Bau, der schon sehr hohe Persönlichkeiten in seinen Räumen gesehen. Mit nicht geringem Stolze erzählt der Wirth, daß selbst der Czar seinem Hause die hohe Ehre seines Besuches erwiesen. Er habe ihm damals huldvollZ'auf die Schulter geklopft und dabei gesagte: „Daß Du eine gute Küche führst, merkt man an Deiner runden Gestalt, daß Du aber auch einen vorzüglichen Wein führst, war mir neu!" Manches Jahr war seitdem dahingegangen und mancher Ziegel von dem Dache

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.