Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 24 (25.3.1897)
- Date
- 1897-03-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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456 fallt mir da ein geistvolles Wort des Täuflings Heinrich Heine ein, welcher den Juden mehr Gerechtigkeit widerfahren läßt als mancher unserer „jüdischen" Lehrer. Die modernen Juden, so schreibt Heine, schaden den alten. Wenn es heute in Europa keinen Juden gäbe und man wüßte, daß irgendwo auf einer verschollenen Insel des stillen Ozean einige Exemplare dieser edlen Raee existiren, mau würde, keine Mühe scheuen und die halbe Welt würde eine Wallfahrt zu ihnen unternehmen, um sie zu bewundern. So lautet der Sinn seiner Worte, in welchen eine große Wahrheit ruht. Aber nicht nur den alten Juden, auch ihrer, resp. unserer Literatur schaden wir modernen Juden. Denn, wenn es heute keine Juden und also auch keinen Antisemitismus geben würde, dann würde man in den Bildungsanstalten aller Völker die Jugend nicht Latein und Griechisch, nicht Homer, Aeschilos, Horatius und Virgil, sondern Jesaias, Hiob, Psalmen, Schir-Haschirim undJirmijahu lehren. Nun gut — wir können schließlich der christlichen Gesellschaft nicht unsere Schatzkammer mit ihrem unmeßbaren Reichthum an geistigen Goldbarren aufnöthigen und wenn ihr ihre Antipatie gegen uns Juden mehr gilt als die Anerkennung der Meisterschöpfungen der Weltliteratur, so geht das nur sie selbst an. Aber — was den Antisemiten recht ist, sollte das auch dem jüdischen Lehrer billig sein dürfen? „Nee" — dürfte da ein Berliner sagen, „det is man doch zu dumm!" Müßte vielmehr nicht ein jeder ehrliche Schulmann es als unschätzbaren Vortheil der jüdischen Schule anerkennen, daß in derselben dem jüdischen Kinde durch den, wenn auch anfänglich bloß mechanischen Unterricht im Lesen der Gebetstücke und der Bibel sozusagen spielend der Schlüssel zu einem unschätzbaren Culturgebiet an die Hand gegeben wird, welches für die ganze übrige Welt ewig verschlossen bleibt? Und wenn nun, wie unsere fin de -sieele-Pestalozzis sagen, dieser Unterricht das Kind nicht bis zu dem Verständniß des Gelesenen bringt (sie kennen ja nur zu gut ihre eigenen Leistungen, um diese Behauptung mit allem Recht wagen zu dürfen!) was hinwieder die höchst betrübende Thatsache zur Folge hat, daß ein großer Theil der Heranwachsenden Generation die hebräischen Gebete nicht versteht — was folgt hieraus? daß Sie meine Herren Lehrer, Ihre Pflicht nicht erfüllen, daß die durch Sie geleitete Schule nicht aus der Höhe ihrer Aufgabe steht und nicht etwa, wie Sie in trauriger Verblendung fordern, daß unsere ehrwürdigen hebräischen Gebete, unsere hebräische Bibel verbannt, vernichtet und durch ungarische, deutsche oder französische Uebersetzungen ersetzt werde! Wahrlich, Aehnliches hätte selbst ein Pfefferkorn schwerlich gefordert! Der hebräische Unterricht muß vertieft, erweitert werden — damit dies aber möglich sei, müssen Sie selbst vorerst vom Schauplatze der jüdischen Schule verschwinden und solchen Lehrern Platz machen, die auch im Staude sind, gründlichen hebräischen Unterricht zu ertheilen! Damit das Unglück vollkommen sei, sind die Meisten dieser Menschen von einem unbeschreiblichen Hochmuth erfüllt, der sie aus alles, was nicht den staubigen Schulzopf trügt, mit einer geringschätzigen Verachtung herabblicken läßt. Ein jeder dieser Herren hält sich überzeugt in der Präparandie den Stein der Weisen erworben zu haben und nicht der Himalayagipfel gilt ihnen für den höchsten Punkt der Erdkugel, sondern das Schulkatheder. Es sei ferne von mir, den hochverdienten Stand der Lehrer herabsetzen, seine Verdienste um die menschliche Gesellschaft schmälern zu wollen! Jedoch ich halte dafür, die unleugbarsten Verdienste berechtigen nicht, sich über die Schranken aller Bescheidenheit hinwegzusetzen mib thut man dies ja und gerirt sich in jeder Beziehung als Monstrum der Vollkommenheit, so können einem die unleugbarsten Verdienste nicht davor bewahren, daß man dem Fluche der Lächerlichkeit anheimsällt. Und gerade die letztgenannte Geneigtheit, sich in jeder Beziehung als das höchste Forum zu betrachten, findet sich als hervorstechende Charaktereigenheit bei den in Rede stehenden Elementen unseres Lehrerstandes. Denn nicht nur den Patriotismus wollen diese Herren in Generalpacht besitzen, sondern auch die höchste Weisheit, von der universellsten Bildung gar nicht 511 reden. Nur ein Olympier, ein Genosse des donnernden Zeus, der die verheerendsten Donnerkeile schlettdern sah, könnte sich vielleicht eine richtige Vorstellung von der Entrüstung machen, mit welcher ein Herr Lehrer jenem unglücklichen Rabbiner begegnen würde, der es wagte, z. B. in Sachen des hebräischen Unterrichtes anderer Meinung zu sein, trotzdem der Herr Lehrer vielleicht erst grün aus der Schule der Präparandisteu bervorgekrochen sein dürste, während der Rabbiner bereits auf ein im Diettste der Wissenschaft ergrautes Leben zuruckblickt. Ja, seitdem das Gesetz die Lehrer unter seinen Schiltz genommen und ihre Stellung nur noch im Disziplinarwege angreifbar ist, setzeil die Lehrer, und die am wenigsten Berufenen unter ihnen thun das am meisten, jeder in noch so guter Absicht versuchten Beeinflussung einen wahrhaft empörenden Trotz entgegen. Wehe der Gemeinde, die sich in der Wahl ihres Lehrers geirrt und den Unterricht ihrer Kinder irgend einem frechen crrp'cx anvertraut hat. Unabschüttelbar wie ein Vampyr sitzt er ihr im Nacken und saugt mit sichtlichem Wohlbehagem den Kindern den letzten Tropfen jüdischen Bewußtseins aus dem Herzen. — Bloß ein einziges trauriges Mittel giebt es, um sich von dem drückenden