Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 24 (25.3.1897)
- Date
- 1897-03-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXVIII. Jahrgang. Erste Beilage zu J\s 24 des „Israelit". Leitender Artikel. Mehr Licht! Von S. B. R., alls Ungarn. II. Noch nie vielleicht ist die von mir gegeißelte Hypokrosie so schauderhaft grell in ihrer ganzen Naktheit beleuchtet worden, als vor einiger Zeit auf dem in Budapest abgehaltenen Eongreß der jüdischen Lehrer. Von einem Mitgliede des Eongreffes Herrn B. Schön nämlich, wurde der Versammlung eine Resolution vorgelegt, welche in einigen Punkten die Ausgabe der jüd. konfessionellen Schule kennzeichnen sollte. Einer dieser Punkte enthielt die Pflege und Kräftigung des jüdischen Bewußtseins, im Vereine mit bcm ung. patriotischen. Und da geschah das Unglaubliche, daß ein sich jüd. nennender Lehrer aufstand um im Namen des vielleicht noch nie derart mißbrauchten Patriotismus gegen die Pflege des jüd. Bewußtseins in der jüd. Schule zu protestiren!! Sollte jener Mensch sich wirklich klar bewußt gewesen sein, was er that? Was wollte er eigentlichSollte er vielleicht, wissend, daß man auch durch Tempelschändung unsterblich werden kann, sich auf diesem Wege, den Kranz der Unsterblichkeit haben verschaffen wollend Der Congreß hat, indem er die Resolution des Antragstellers mit großer Majorität zum Beschluß erhob, sich glücklich vor dem Schandmal des Herostratenthums bewahrt; es gab dort aber auch eine lärmend protestirende Minorität, und diese Thatsache verdient auf einem schwarz geränderten Blatte der Annalen des ung. jüdischen Lehrerstandes verzeichnet zu werden! — Was soll die nichtjüdische öffentliche Meinung sagen, wenn das jüdische Bewußtsein von jüdischen Lehrern als dem patriotischen Gefühle zuwiderlaufend hingestellt wird? Nun denn, die Früchte jenes nieder — stimmenden Auftretens haben nicht lange auf sich warten lassen. In einer der letzten Nummern eines politischen Tageblattes bespricht ein bekannter, ernster ungarischer Gelehrter die Vorgänge auf jenem Congreffe und spricht, wenn auch in sehr maßvollem Tone, sein Bedauern darüber aus, daß der „patriotische" Protest erfolglos blieb und die „minder patriotische" Resolution angenommen wurde! — Aber nicht bloß das jüdische Bewußtsein ist dem feilen Fünfzigkreuzer — Patriotismus dieser Herren ein Dorn im Auge, es ist dies auch die hebräische Sprache. Arme hebräische Sprache! Weder Dein ehrwürdiges Alter, noch Deine bis in die Wolken ewigen Ruhmes reichenden Schöpfungen lassen Dich Gnade finden in den Augen dieser gestrengen allweisen Herren! Wohl erklingst Du bereits, da im Weltraum noch das Donnergetöse des sich zu Elementen klärenden Schöpfungschaos kaum verhallt ist; wohl tönst Du bereits in edler, harmonischer Hoheit zu einer Zeit, da auf dem größten Theil des Erdenrunds die menschliche Zunge nur ein rohes, den Naturlauten abgelauschtes Lallen vernehmen läßt; wohl spendet uns Dein Füllhorn all die Blumen in herrlichster Farbenfttlle, die wir in den Wunder- Gärten Roms und Hellas' zu suchen gewohnt sind. Der mächtige Sang Homeros, Pindars und Tyrtäos, die zartsüße Schalmei Anakreons, Horatius Flaeeus stolzen zu Wolkenhöhe sich erhebenden Hymenäen, Tacitus tiefsinnige, die Jahrhunderte in ihrem Flug festbannende Rede, das Donnerprallähnliche, völkerhinreißende Wort Demosthenes — das alles bietest Du uns in nimmererreichter Vollendung — gleichviel. Du wirst geächtet! Und das von Menschen, die vor allen andern vor Dir anbetend in die Knie sinken sollten, wenn sie in Wirklichkeit das wären, wofür sie so gerne gelten möchten: von den edelsten Inten tionen durchglühte Jugendbildner. Eine unbeschreibbares Gefühl, ein Gemisch von Entrüstung und tiefem Bedauern erfüllte mich, als ich vor einiger Zeit von einem jüd. Lehrer die These aufstellen hörte, die hebräische Ursprache sei aus den jüdischen Schulen zu verbannen und sowohl Bibel als die Gebete seien bloß in der Uebersetzung zu lehren. Es war mir, als sähe ich einen ungerathenen Jungen einen achtzigjährigen Greis, der noch dazu sein Urahne ist, muthwillig am weißen Barte zupfen. Ich will absehen davon, daß man von einem Lehrer vielleicht mit einigein Recht erwarten dürfte, er solle es im Blute und im Herzen fühlen, was für ein Unterschied es sei, ob das jüdische Kind im Tempel wan oder „Vater unser" auf ungarisch „miatyaek" bete; ich will es ferner unseren Duodez—Pestalozzis verzeihen, wenn sie selbst vom Standpunkte des Juden keine Distinktion zu machen im Stande sind, zwischen unserer hebräischen und irgend einer anderen antiken, keine actuelle Bedeutung besitzenden Sprache; daß sie es nicht wissen, daß während z. B. der Katolicismus mit dem Lateinischem absolut nichts zu schaffen hat, unsre Religion von der hebräischen Sprache unzertrennlich ist, in ihr athmet, lebt und ohne ihr, wenigstens im glaubenstreuen Sinne, ab- 'terben müßte. Was ich ihnen aber nicht verzeihen kann, ist, daß sie so tief unter dem Niveau der wahren Bildung stehen, um nicht die immense culturelle Macht der hebräischen Literatur zu begreifen. Es