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Der Israelit · 1897-03-18 · Heft 22 (18.3.1897) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 22 (18.3.1897)
Date
1897-03-18
Page
– (sequence 19)
Language
German
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•'Ai-'J* 425 schläfchen. Da schreckte ihn ein Nus aus seinem Hindämmern auf. „Jakob!" klang es scharf und deutlich. „Ja! ich komm' schon Zettel." War's schon Mittagszeit? Er dehnte und reckte sich und war gerade im Begriff sich zu erheben, als es noch einmal mit gleicher Schärfe erklang: „Jakob!" „Ich komm' ja schon!" sagte er erstaunt und blickte in die Höhe. Wo war denn nur seine Frau? Ihm schien doch, als kq^ne die Stimme von oben, und auf dem Lindenbaum würde Zettel doch nicht sitzen. Und während er dieser Unbegreiflichkeit noch nachsann, hörte er den hohen Diskant seiner Frau vom Hause her mit der Dienstmagd schelten, und in dem gleichen Augenblick erklang es über seinem Haupte. „Jakob, wo bist Du?" Mit einem Aechzen sank Silberberg auf seinen Sitz zurück, jedes Haar auf seinem Kopfe sträubte sich, die Pfeife fiel klirrend zu Boden. „Der Malach Hamowes ruft Dich!" klang es schauernd durch sein Hirn und angstvoll barg er sein Haupt in den Händen. „Jakob!" erklang es zum dritten Male. „Hier!" sagte er kaum hörbar. Die Zunge klebte ihm am Gaumen, kalte Schweißtropfen standen auf seiner Stirn. „Spitzbub! Spitzbub!" rief es aus der Höhe. „Wieso?" fragte Jakob schwach. Aber von oben ward keine Antwort und er mußte sich sie selbst aus seinem Innern holen. Was meinte der Engel? Vielleicht den letzten Terminhandel, wo er sich durch einen Geschäftskniff die billige Lieferung verschafft hatte? War das nicht erlaubt? Und im Geiste sah er den Besitzer wieder vor sich, wie er sich in die Haare fuhr und schwor, daß er bei diesem Handel den Rest seines Vermögens zusetze. Nein, es war schlecht und unerlaubt gewesen! gestand er sich zähneklappernd. „Lump! Lump!" schrie es von oben. „Ja, ja," ächzte Jakob, „schön war es ja nicht, aber bei den schlechten Zeiten, wo man selber kaum sein Durchkommen hat. —" „Spitzbub!" — Gellend klang es ihm in die Ohren, und er beugte schuldbewußt und tief aufseufzend sein Haupt. Natürlich war er ein Spitzbube, das zu behaupten, er, der sein Schäfchen längst im Trocknen hatte! „Jakob, wo bist Du?" Die Stimme kam jetzt aus größerer Nähe, wie vorher und tönte ihm, wie die Posaune des jüngsten Gerichts in die Ohren. Jetzt kam das Strafgericht wegen seiner Lästerung des göttlichen Namens und der höhnischen Verunglimpfung des frommen Urahn des abgewiesenen Freiers. Wie grenzenlos nichtig erschienen ihm angesichts seiner letzten Stunde die Gründe seiner Abweisung! O, wie recht hatte der junge Mann gehabt, als er sagte: „Gott wird ein Wunder thun und uns zusammenstthren!" — Hier war das Wunder, was zögert er noch? Wie lange blieb ihm überhaupt noch Zeit zur Umkehr, wenn der Sendbote des Himmels ihn schon umschwebte? Eine faffungslose Reue überkam ihn, er warf sich schluchzend zu Boden. „Ja, ja, ich bin schlecht und herzlos gewesen. Was nützt das tägliche Beten, wenn das Herz nicht weiß, was der Mund spricht! Was nützt Dein Fasten, wenn es nicht im Sinne des Allmächtigen geschieht! „Ist das ein Fasten, das Ich verlange? Wo sich der Mensch kasteit und auf Sack und Asche lagere? Ist doch das ein Fasten, das Ich verlange: öffnen die Schlingen des Frevels, lösen die Bande des Joches, den Hungrigen Dein Brod brechen. —" Wieso fiel ihm der Bibelvers, den er gedankenlos so oft gesprochen, in seiner ganzen schönen Bedeutung jetzt erst ein? Lag er nicht auch im Banne des Joches der Herzlosigkeit, der Habgier und des Dünkels? „Ich will gut machen, ich will gut machen, was ich gefehlt," murnielte er unter aufrichtigen Thränen. „Laß mir nur Zeit, Allmächtiger, zur Reue und Einkehr und rufe Deinen Boten wieder zurück." Tief beugte sich sein Haupt, und ihm war, als flöge etwas über ihn hinweg, dann hörte er aus größerer Entfernung noch einmal den schwachen Ruf: „Jakob! Jakob!" — Es klang wie ein Abschiedsgruß und in sein Herz zog Frieden ein und eine Freudigkeit, wie er sie noch nie empfunden. Ja, er wollte gut machen. Ermattet von der seelischen Erschütterung sank er auf die Bank zurück und schloß erschöpft einige Augenblicke die Augen. Indessen war seine Gattin leise herangekommen und stand vor dem anscheinend Schlummernden. „Jakob!" rief sie leise und berührte seinen Arm. Er schlug die Augen ans, und sie verwunderte sich über den fremden Ausdruck in seinen Mienen, der sie ganz verschüchterte. „Jakob, ist Dir wieder wohl? Komm zu Tisch!" „Noch nicht," erwiederte er hastig. „Schick' schnell einmal zum jungen Braun und laß' ihm sagen, er möcht' herüberkommen. Das Wunder ist geschehen, das er erwartet hat, ich will ihm unsere Rosa zur Frau geben." Die Frau traute ihren Ohren kaum. Die Nachricht klang ihr aber selbst zu freudig und willkommen, als daß sie über die Ursache mehr als flüchtig nachgedacht hätte. „Gott muß es ihm im Schlafe eingegeben haben," sagte sie als einzige Deutung zu ihrer überglücklichen

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