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Der Israelit · 1897-03-18 · Heft 22 (18.3.1897) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 22 (18.3.1897)
Date
1897-03-18
Page
– (sequence 18)
Language
German
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424 flammten den alten Cyniker zornig an. Die Sprache versagte ihm im ersten Augenblick der Empörung, dann aber brach es aus ihm hervor. Der ganze Schmerz, seine Liebe verkannt und in den Koth getreten zu sehen, zitterte in seinen Worten. „Herr Silberberg," sagte er mühsam nach Athem ringend, „Ihre Auffassung ist so niedrig und so entwürdigend sür Sie, daß ich mich in Ihre Seele hinein schäme. Aber das Eine schwör' ich Ihnen, Rosa wird meine Frau. Gott wird ein Wunder an uns thun und uns zusammenführen." „Hören Sie mal," lachte amüstrt der Alte auf, „Sie muffen schöne Connerioneu haben da oben. War nicht Ihr Urseide ein „gutter Jüdd'"? Nu, da sind Sie natürlich bei der himmlischen Reichsbank gut accreditirt und können schon ein Neß (Wunder) für sich allein beanspruchen." „Mann, Sie lästern Gott und die ehrwürdigen Todten im Grabe," schrie außer sich der junge Mann. „Fürchten Sie denn nicht das Strafgericht Gottes, wenn einst aus des Ewigen Mund der Ruf erschallt: „Wo bist Du, der Du meinen Namen gelästert hast?" Möge Ihnen der Todesengel um Ihrer Frau und Tochter willen in Ihrer letzten Stunde gnädig sein und Ihre Sündenniaaß nicht vor Gottes Thron tragen." Mit diesen in wilder Empörung hervorgestoßenetl Worten, ergriff der junge Mann seinen Hut, stürzte hinaus und ließ die Thür donnernd hinter sich in's Schloß fallen. Auf dies Geräusch hin kamen Frau und Tochter herbeigerannt, die Letztere mit einem ängstlich fragenden Ausdruck in den hübschen Zügen und rothgeweinten Augen. „Warum ist der junge Braun so fortgelaufen? Was hast Du ihm denn gesagt?" forschte die Frau. Dann blickte sie ihm in's Gesicht und erschrack vor der fahlen Bläffe desselben. Silbermann saß fassungslos und zitternd in seinem Stuhl. Die Wucht der gehörten Worte hatte ihn völlig betäubt. Der Aberglaube war stärker in ihm entwickelt als der Glaube und mit Furcht und Grauen hatte er den gereizten Freier angehört, dessen Worte ihm wie eine Beschwörung an überirdische Mächte klangen. Hatte der Mensch nicht vom Malach hamowes (Todesengel) gesprochen? Wie leicht war Jemand „berufen". Ein abergläubiges Zittern überlief ihn. „Jakob, was ist Dir?" rief seine Frau besorgt. „Du siehst doch, Gott behüte, aus wie eine Leiche!" „Sch' — still, komm' Du mir auch noch!" schrie Silberberg zornig. „Der Lump hat mir ohnehin schon alles Böse angewünscht. Schämst Du Dich nicht," fuhr er seine Tochter an, „Dich mit so einem Schnorrer, so einem Lumpen-Handwerker einzulassen; wo Du den feinsten Kaufmann bekommen kannst? Ueberhaupt, paßt sich das sür ein anständig' jüdisch' Kind sich zu lieben, he?" Rosa brach in Schluchzen aus. „Vater, das ist doch nichts Schlimmes —" „Ruhig", sage ich, „das weiß ich bester wie Du, eine Schande ist es. Wenn Du Romane haben willst, dann lies die Gartenlaube, aber untersteh' Dich nicht, in meinem Haus selber welche aufzusühren. Merk' Du Dir das auch, Jettel. Wenn ich noch ein Wort von Euch über den schoflen Kerl höre, dann geb' ich Dich dem lahmen Prager zur Frau — ja, das thu' ich," setzte er mit grimmiger Genugthuuug hinzu, als er die entsetzten Mienen von Frau und Tochter bemerkte. Zornig und aufgeregt verließ er das Zimmer und eilte mit so heftigen Schritten in den kleinen Garten hinter seinem Hause, daß die Zipfel des Schlafrocks um ihn flogen Dort setzte er sich auf eine Bank unter einem großen Lindenbaum und steckte die erkaltete Pfeife in den Mund. Die Hände zitterten ihm noch von der gehabten Scene. Wie hatte der Kerl gesagt? „Wenn einst aus des Ewigen Mund der Ruf erschallt: Wo bist Du, der Du meinen Namen. —" Ach, Narrischkeiten —! was ' ihm der Dummkopf für einen Schreck eingejagt hatte! Der liebe Gott verstand auch einen Witz und etwas Anderes war seine Bemerkung nicht gewesen. Zwar fiel ihm jetzt zur Unzeit das göttliche Gebot ein: „Du sollst meinen Namen nicht mißbrauchen, aber er scheuchte die unbequeme Erinnerung bald fort und gab sich lieber voller Zufriedenheit der weiteren Einkehr in sein Inneres hin. Er konnte einst — über hundertundzwanzig Jahre natürlich — mit Ruhe und Sicherheit dem himmlischen Richter gegenüberstehen, feine Führung und seine Moral waren tadellos. Ec versäumte nie, die vorgeschriebenen Gebete zu verrichten, er fastete jeden Tanes, er gab den Armen, soweit er sie bedürftig hielt, „denn über's Ohr laste ich mich nicht hauen," sagte er zu sich selbst, „und dann bin ich überhaupt dagegen zu viel und zu oft zu geben, damit die Faulheit nicht befördert wird. Das Geben muß auch seine Grenze haben und über seine Verhältnisse darf der Mensch nicht gehen, das ist ein Unrecht gegen sich und seine Familie." Mit diesem beliebten Argument aller engherzigen Seelen beruhigte er sein Inneres auch über diesen Punkt. Und allmählich nahm sein Gesicht die gewohnte Farbe und den gewohnten, selbstbewußten Ausdruck an. „Es sollen nur noch alle Juden so sün, wie ich," war sein zufriedener Schlußgedanke. Die Pfeife hing locker am Mundwinkel. Die Augen schlossen sich zum behaglichen Vormittags-

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