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Der Israelit · 1897-03-18 · Heft 22 (18.3.1897) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 22 (18.3.1897)
Date
1897-03-18
Page
– (sequence 7)
Language
German
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413 „Aber Großvater!" unterbach eine jugendliche volltönende Stimme den Sprechenden. „Weißt Du, was es heißt, dem zu entsagen, was dem Herzen das Theuerste, das Höchste ist? Dasjenige aus der Brust zu reißen, dem jeder Pulsschlag des Herzens, jeder Gedankensplitter des Geistes, jede Fiber und Faser unseres Seins gehört, das unvergleichlich höheren Werth hat, als das ganze Leben?" „Wohl kenne ich ein Etwas, das dem Menschen theuerer sein muß, als Leben und irdisch' Gut, es ist — die Religion, die uuferc Väter mit ihrem Gut und Blut erkauft haben! Was ist der schnell verwehende Rausch der Liebesfreuden? Was sind ihre vergänglichen Reize, was die eitlen Glücksgüter im Vergleich zu den ewigen, lauteren und reinen Freuden, die sie uns bietet? Darum fort mit jener Liebesthorheit, die nur die Lebensqualen noch vermehrt, fort mit einer Leidenschaft, die das Denken verwirrt, die edle Regungen aus dem Herzen bannt und den Menschen zum Sklaven seiner Lüfte macht!" „Das hört sich Alles sehr schön und gut an", versetzte August, und ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Brust, „aber läßt sich leider, leider nur sehrschwer ansführen! Du weißt, daß meine Liebe zu Edith hoffnungslos ist. Ihr Herz ist von Voruriheilen nicht frei. Und wenn dies auch wäre, werden ihre Eltern jemals einwilligen, daß sie mit einem jüdischen Arzt einen Bund für des Leben eingeht? Jude und bürgerlich! Haha! Welch' schreckliche Kluft! Leichenhafte Blässe bedeckte ihr Angesicht, sie schien zu wanken, als sie vernahm, daß ein jüdischer Arzt es gewagt hatte, ihr Leben dem Tode abzuringen! Auch ich fühlte den Tod, das Sterben meiner Hoffnung. In jenem Augenblicke, in welchem mir das ungeahnte Gefühl der Liebe offenbar wurde, mußte ich zugleich das Todesurtheil dieser Liebe sprechen. Denn wie dürfte ich hoffen, wo jeder Strahl der Hoffnung sich in grauenhafte Dunkelheit hüllt, wo mein Glaube mir eine undurchdringliche Schranke aufrichtet? Was würde es meinem zerrissenen Herzen, meiner Liebe nützen, wenn Edith Stand und Familie entsagte und mir ihre Hand reichte? Dürfte ich als Jude dieselbe annehmen? Mußte ich sie nicht von mir weisen, weil meine Religion es mir gebietet? Aber trotzdeni vermag mein Herz sich von dem Bilde nicht loszurcißen; ich kann und will den tobenden Elementen in meinem Innern nicht Halt gebieten! Mögen sie toben, mögen sie rasen und meinem qualvollen Leben ein Ende machen!" „Ach, daß ich solche Worte von Deinen Lippen hören niuß, August. Wie unbeschreiblich schmerzt mich die Wahrnehmung, daß Du nicht mehr auf dem heiligen Boden der Religion stehst! Wie dürftest Du sonst Dein Leben qualvoll finden und sein Ende herbeiwünschen? Ist Dein Lebenszweck nur eine wahnsinnige Leidenschaft? Warten Deiner nicht die Pflichten eines Juden, nicht der edle heilige Beruf eines Arztes? Unglücklicher, banne solche Gedanken aus Deiner Seele! Ringe sie nieder, die sündhafte Leidenschaft, die Dein Leben vergiften, meine Hoffnungen zertrümmern muß! Ach mein Gott, habe ich nicht schon des Leids genug erfahren?" Einige Augenblicke herrschte lautlose Stille im Nebenzimmer: Alfred hörte nur das heftige Pochen seiner Brust und die tiefen Seufzer, die sich aus dem gepreßten Herzen Augusts emporrangen. „Habe Geduld, habe Nachsicht mit mir, Großvater!" hörte er den Jüngeren wieder beginnen, „ich will versuchen, auch diesmal Deinem, mir allezeit theuren Wunsche zu genügen, und der Allmächtige über den Sternen möge mir Kraft geben, über die Empfindungen Herr zu werden, die mein Inneres verzehren. . . . Aber nun gewähre auch Du mir eine Bitte, die ich schon oft Dir aussprechen wollte, die ich aber unterdrückte, weil ich fürchtete. Dir Schmerz zu bereiten. Du gedachtest vorhin wiederum des schweren Leids, das Du erfahren. Darf ich es kennen? Ach dann erzähle mir davon." „Ja, mein Sohn, Du sollst sie endlich erfahren, die unsagbar schmerzlichen Vorgänge, die so furchtbares Weh über unsere Familie gebracht. Also höre —" „Darf auch ich es hören, lieber Großpapa?" erklang in diesem Augenblick eine silberhelle Stimme. „Ist die Schule schon aus?" fragte August mit etwas barschem Tone. „Es ist gar nicht schön von Dir, lieber Bruder!" rief das Mädchen ärgerlich, „mich daran zu erinnern. Du weißt, daß ich als dreizehnjähriges Mädchen der Schule längst entwachsen bin, und jetzt treibst Du noch Deinen Spott darüber, Du böser, böser August! Das ist häßlich von Dir!" „Nur langsam, langsam, liebe Pua" lachte der Großpapa. „Wer wird auch gleich die Beleidigte spielen? Es ist doch keine Schande, eine Schule zu besuchen? Aber nun Scherz bei Seite, Kinder, ich habe nichts dagegen, wenn die Kleine meine schlichte Erzählung mitanhört." Alsred's Brust pochte gewaltig, und er lauschte in fieberhafter Erregung. Kaum vermochte er sich Rechenschaft darüber zu geben, weshalb das Gespräch, das im Nebenzimmer geführt wurde, eine so mächtige Bewegung in seinem Innern hervorrief. Er machte den Versuch, sich im Bette aufzurichten, aber mit einem leisen Schmerzensruf sank er in die Kiffen zurück. Unterdeß fing der Großpapa zu erzählen an. „Jammer und Elend war stets das Loos unseres Volkes gewesen. Den Höhepunkt erreichten jedoch unsere Leiden, als ein UkaS des Kaisers

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