Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 22 (18.3.1897)
- Date
- 1897-03-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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409 ZertttttgSnachelchte« und Correspondeuzen Deutschland. Berlin, 8. März. Am Samstag Abend fand im Repräsentanten-Sitzungssaale der jüdischen Gemeinde eine sehr zahlreich besuchte Versammlung von Dtlegirten der hiesigen jüdischen Wohlthätigkeitcvereine, Wohlfahitsanstalten, Stiftungen u. s. w. statt. Zweck der Versammlung war eine Berathung über Gründung eines Verbandes für jüdische Wohlthätigkeitspflege zu Aer in. Nach einer Begrüßung durch Herrn Snnon, welcher den Vorstand der jüdischen Gemeinde vertrat, legte Herr Julius Grüuwalo in einem ausführlichen Referat die Ziele der zu beijrinu denden Vereinigung dar. iüDer Verband bezweckt nach den entworfenen Satzungen die gegenseitige Förderung der humanitären Ziele der sich anschließenden Vereine, ferner den Austausch und die Verbreitung wichtrger Erfahrungen auf dein Gebiete der Wohlfahrtspflege. Durch Zusammenkünfte, Berichterstattung und gegenseitige Aussprache der Delegirlen, so wie durch Benutzung und weitere Ausgestaltung der schon seit etwa ll/2 Jahren bestehenden „Centralstelle für die Wohlthätigkeitsanstalten in der jüdischen Gemeinde" sollen die Zwecke des Verbandes vorzugsweise erreicht werden. Die Versammlung gab durch zahlreiche Redner, unter denen wir Dr. Maybanm, Herrn Rofinstiel, Herrn Dr. Heinrich Meyer-Cohn, Herrn Herrn. Landsberger, Herrn Dr. Albert L^vy nennen, ihre Zustimmung zu dem ihr unterbreiteten Vorschläge kund; Widerspruch wurde nur gauz vereinzelt und ohne rechte Motrvirung laut. Die Versammlung beschloß mit allen gegen 4 Stimmen die Gründung eines Verbandes und behielt sich vor, in einer demnächst zu berufenden Delegirten-Versanuulung endgiltig über die Satzungen zu beschließen. Berlin, 14. März. (Antisemitismus unter dem Not Herr Kreuz.) In Vromberg ist vor einigen Tagen, wie mail „der Freisinnig. Zeit." schreibt, von dem Oberstabsarzt Dr. Hering ein Frauen-Krankenpflegerinnen-Verein gegründet worden, welcher nach denr in seinen Statuten ausgesprochenen Grundsatz einen streng antisemitischen Charakter an sich trägt; denn nach den Statuten des Vereins dürfen nur christliche Damen in den Vereirr ausgenommen werderr und sind sonach israelitische Damen selbstverständlich von der Aufnahme ausgeschlossen. Der technisch-sanitäre Leiter des Vereins huldigt dem Antisemitismus. Der Ausschluß der Juden hat in der Bürgerschaft zu Bromberg nicht geringes Befremden erregt, zumal derartige sanitäre Vereinigungen, wie auch der vorstehende Verein, was in den Statuten besonders hervorgehoben ist, unter dem Zeichen des Rothen Kreuzes stehen und bekannt ist, daß unter den Vorstandsmitgliedern letzterer Vereine stch auch jüdische Personen befinden, wie dies auch in Bromberg der Fall ist. — Die Hebungen des antisemitischen Krankenpflegerinnen-Vereins finden unter Leitung des Oberstabsarztes Dr. Hering im Militärlazaret statt. Berlin, 16. März. (Daniel Sanders.) Ueber den verstorbenen Lexicographen schreibt der Berliner Börsencourier: Einer offiziellen akademischen Stellung widerstrebte Sanders im Jnteresie seiner Arbeiten, aber auch deshalb, weil der gebührenden Würdigung in der akademischen Laufbahn sein Judenthum, vielfach hindernd gegenüberstand. Ist doch Dr. Sanders der Titel eines Professors erst spät verliehen worden, erst als es s hr wunderlich zu erscheinen anfing, daß unsere hervorragendste und erste Autorität auf dem Gebiete deutscher Sprachwiffenschaft nicht Professor war, erst als der Titel ihn weit mehr brauchte, als er den Titel. Nebenbei hatte es stets einen sehr komischen Beigeschmack, wenn die Juden der Verschlechterung der deutschen Sprache beschuldigt werd n, indeß der verdienstvollste deutsche Sprachsvl scher und unsere erste Autorität in allen Fragen der Sprache ein Jude war. Nun ist er uns entrissen, er, dtssen Entscheidung in allen Sprach-Streitfragen angerusen und widerspruchslos als Gefitz anerkannt zu werden pflegte. Ein Leben voll stiller, gewissenhafter und rastloser Arbeit ist abgeschlossen, ein Leben, aus dem jeder Zeitaufwand für Weltfreude und Genuß, ja für Erholung ausgeschloffen war. Als Sanders sein Deutsches Wörterbuch nach den mühseligsten Arbeiten abgeschloffen hatte, da fragte ihn einmal eine Dame: „Jetzt werden Sie wohl eine Reise machen, Herr Doktor?" „Rein, dazu habe ich keine Zeit " „Aber Sie müssen sich doch eine Erholung gönnen „Ich werde mich einmal ausschlafen!" Sanders hatte den Schlaf jahrelang auf ein erstaunlich geringes Maß eingeschränkt. Nun findet er die Ruhe, die er sich zeitlebens nicht gegönnt hat. Hamburg, im März. Ein Mangel, welcher von vielen Mitgliedern unserer hiesigen großen jüdischerr Genreinde aus das schwerste enrpfunden wird, ist das Nichtvorhandcnsein einer Israelitischen Volksküche. Viele der hier bestehenden sogenannten „koscheren Miltagstische" sind nilr dem Namen nach rituell; wollte man indeß nach deren Preisen urtheilen, so dürsten sie schon den strengsten Ansprüchen entsprechen. Sind diese nun schon in gewöhnlicher Zeit übermäßig thcuer, so kann man sich einen Begriff davon machen, was an Pesach gefordert und bezahlt wird. Einem armen Handwerksburschen, der weder von wohlthätigen Glaubensgenossen „eingeladen" sein will, noch die hohen Restaurautionspreise erschwingen kann, ist hier keine Gelegenheit geboten, auf eine Weise, die ihn nicht beschämt, seinen Pesach zu feiern. Es wäre Zeit, daß die berufenen Organe der hiesigen Ge-