Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 22 (18.3.1897)
- Date
- 1897-03-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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403 Mühe hätte, sie mit der Lupe aufzuspüren? Und doch, und doch werde ich wieder schwankend- Um des Himmels Willen — es handelt sich ja um unsere Kinder!! Kann es denn ein gesundes Gewissen, ein normales Hirn geben, welches an der Wichtigkeit dessen zweifelt, was die Kinder betrifft? Und wenn es kein solches geben kann, weshalb doch rührt sich kein einziger unserer „Großen", denen doch vor Allen die heilige Wacht obliegen sollte; weshalb doch wird nicht die heilige Fahne entfaltet und im ganzen Lande herumgetragen, damit von Haus zu Haus, von Weiler zu Weiler die flammende Begeisterung sich fortpflanze für die Rettung unserer Kinder, der künftigen Generation? Ja, das Wort möge wie eine Dinamitbombe hingeschleudert sein, vor die Füße derjenigen, welche die Verantwortung trifft: Jahrzehntelang hat man ruhig die junge Generation als wehrlose Beute einem religiös entarteten Lehrerstande überlassen, ohne daß man auch heute noch die Rothwendigkeit der Abhülfe im leisesten zu fühlen scheint!- Ein traurigeres, beschämenderes Bild, als es die jüdische Schule zum überwiegenden Theile selbst in orthodoxen Gemeinden in confessioneller Hinsicht bietet, kann kaum gedacht werden. Abgesehen von der vandalischen Ignoranz im Hebräischen, welche die meisten Lehrer aus den Präparandien mit bringen nnd welche, wie ich aus Erfahrung weiß, in vielen Fällen so weit geht, daß sie buchstäblich nicht im Stande sind einen Bibelvers richtig zu übersetzen, bilden diese Lehrer eine geschlossene Phalanx, welche den Vernichtungskrieg gegen alles traditionell Jüdische bn beschlossen hat. Leider, daß man es sagen muß, — wenn diese traurigen Helden auf ihre Erfolge in pädagogischer Hinsicht mit derselben Befriedigung blicken dürften, als auf jene in letztgenannter Richtung, dann wäre es um das Wissen unserer Kinder wenigstens besser bestellt als dies in der That der Fall ist. Und das Empörendste an der Sache ist, daß sich diese dunkle Schaar von Hipokriten nicht entblödet, gegen ihre angestammte Religion unter der Maske eines marktschreierischen Patriotismus anzukämpfen. Ich habe mir schon mehrere male tief bekümmert die Frage vorgelegt, warum es gerade uns Juden beschieden ist, derartige anwidernde Vlüthen an unserem Volksstamm zu zeitigen? Da gibt es Leute die magyarischer als der streitbare Arpad, deutscher als Arminius und freigeistiger als der Magister Faust sein wollen, und das Alles vorzüglich, da, wo es gilt Verrath an ihrer Religion zu üben. Es ist überhaupt das Nimmerweiter der charakterlosen Hipokrysie die jüd. Religion immer wieder mit dem Patriotismus in Verbindung zu bringen. Was hat das Judenthum, das jüdische Bewußtsein, mit dem Patriotismus zu thun? Wie oft soll man es diesen seichten Thoren wiederholen, daß es heute ein nationales Judenthum nicht giebt, daß das Judenthum heute ausschließlich nur als religiöser Begriff existirt und Bedeutung hat. Wir haben ein jüdisches Bekenntniß, aber keine jüdische Nationalität. Nur in unseren Tempeln fühlen wir uns als Juden und außerhalb derselben nur, insoweit als es sich um die Befolgung religiöser Vorschriften handelt. Sonst aber trennen wir uns tief von einander nach unseren verschiedenen Nationalitäten; wir sind Magyaren, Deutsche, Franzosen oder Engländer. Ja, wir gehen diesbezüglich viel weiter, als welche Nationalität immer. Denn während z. B. die Sachsen in Ungarn nie aufgehört haben, sich offen als Glied der deutschen Nation, der sogenannten Reichsdeutschen zu betrachten, die deutsche Sprache als ihre Muttersprache pflegen und mit vollem Nachdruck ihre Nichtzugehörigkeit zur ungarischen Nation als solche betonen, haben wir Juden uns überall g e i st i g — wenn auch nicht grob stofflich, wie es der trivialen Denkungsart gewisser Herren mehr entsprechen würde — geistig, sage ich vollkommen mit jenen Nationalitäten assimilirt, zu deren engsten Genossen uns eine tausendjährige G. schichte gemacht. Obwohl die verspliiterten Reste einer einzigen Nation gehen die Gefühle, welche Juden verschiedener Nationalität für einander zeigen, trotz aller gegentheiligen Behauptungen unsrer wegen eine Lüge nie in Verlegenheit geratenden Feinde, nicht über jene Sympathie hinaus, die z. B. auch der norddeutsche Protestant für den slovakischen Lutheraner hegt, dessen kirchliche Institutionen er unterstützt. Der im Vereine mit Gambetta den nationalen Widerstand organisirende Cremieux hat gewiß in jedem jüdischen Krieger der deutschen Armee ebenso den Prussien, den Feind seines Vaterlandes gehaßt, als in den christlichen Soldaten. Selbst unsere heilige Sprache ist uns, abgesehen von dem unerreichten literarischen Werth derselben, nur als Depositärin unsrer religiösen Literatur heilig und nicht etwa als nationales Bindeglied. Die Herren mögen es sich gesagt sein lassen: wenn wir am neunten Aaw trauernd auf der Erde sitzen und die unsterblichen Elegien Jeremias singen, dann beklagen wir nicht den Untergang des jüdischen Staates, sondern den des Tempels, und von dem einstigen Erlöser hoffen wir nicht, daß er uns das Reich der jüdischen Nation bringe, sondern das Reich Gottes, welches nur eine Nation kennen wird, die große, einzige Nation der Menschen; in welchem die Nationalitäten verschwinden werden, sowie die Tausende der Sterne verschwinden, wenn die große, strahlende Sonne am Himmel heraufzieht.- (Fortsetzung folgt.)