Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 21 (15.3.1897)
- Date
- 1897-03-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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393 fühlbaren Ghetto: „.ludaei moribus suis vivuiit“. wie es bei von Pufendorf heißt. Für das öffentliche Leben mag der Hinweis genügen, daß es in Hannover kein jüdisches Magistrats- Mitglied, keinen jüdischen Bürgervorsteher, keinen jüdischen Regierungsrath, keinen jüdischen Richter, keinen jüdischen Gymnasial- oder Realschullehrer, keinen jüdischen höheren Postbeamten giebt. Auffällig ist auch die Thatsache, daß jüdische Geschworene nur unverhältnißmäßig selten ausgeloost werden; auffällig die Thatsache, daß in letzterer Zeit dem jüdischen Geistlichen und den jüvischen Lehrern die Steuerfreiheit, welche sie noch von hannoverscher Zeit her unbeanstandet genoffen haben, mit der Motivirung genommen ist, daß sie nicht Religionsvi ner seien, und auffällig die Thatsache, daß für die Einführung des jüdischen Religionsunterrichtes an allen Schulen, trotz aller opferwilligen Anerbietungen der Synagogengemeinde, die Genehmigung des Magistrats nicht zu erlangen ist. Bei allen öffentlichen Lasten, bei allen Veranstaltungen, wo es gilt wohlthätig zu sein, fehlen die so viel geschmähten jüdischen Namen niemals: aber die hannoverschen Logen nehmen keinen Juden auf, es sei denn durch ein Hamburger Hinterpförtchen, durch welches zu schlüpfen Viele Bedenken tragen, lleberzeugte Ant semiten geben manchmal zu, daß in Hannover die Verhältnisse noch leidlich seien, selbst der ästhetische Antisemitismus finde nicht viel zu tadeln, da im Allgemeinen die Berliner Auswüchse hier fehlten. Auch erkennen manche Gegner an, daß die sogenannten „anständigen" Juden der ihnen durch die Verhältnisse ausgezwungenen Pflicht, die schlechten Elemente zu beffern und zu heben, mit Eifer nachlcben. Und trotzdem ist namentlich die Heranwachsende Generation völlig antisemitisch. Unter jedem antisemitischen Aufruf prangen eine Anzahl Oberlehrer von Gymnasien und Realschulen als Unterzeichner, in den Hauptversammlungen donnern sie am lautesten gegen die „goldene Internationale, gegen die Parasiten und Würmer am deutschen Volksmarke". Die Genchtsreferendare dulden keinen jüdischen Kollegen an ihrem Tische, selbst keinen getauften, die Regierungsbauführer sind ebenso feudal, die Polytechniker laffen keinen Juden in Wichs autreten, die thierärztlichen Hochschüler bilden gemeinsam mit jungen und jüngsten Kauflenten die Leibgarde des Herrn Liebermann, die besseren Ruderklubs lehnen die Aufnahme völlig einwandsfreier Juden ab. In den Schulen wird Haß und Hohn, Verachtung und Abneigung so systematisch gepflegt, daß selbst kleine Mädchen vor den Mißhandlungen ihrer Mitschülerinnen aus „feudalsten" Häusern nicht sicher sind. Für alle diese Behauptungen können wir — leider! — den Beweis aktenmäßig erbringen. Für das private Leben wird wohl jeder Glaubensgenoffe an sich die Erfahrung gemacht haben, daß er, vielleicht auch die Seinen, bei einigen Christen als Hof- und Leibjuden möglich und gelitten sind, daß aber von einem harmlosen, unbefangenen gesellschaftlichen Verkehre kaum mehr die Rede sein kann. Die natürliche Folge davon ist, daß die Juden sich enger aneinander anschließen und aus Scheu vor Spott und Zurücksetzung sich ganz in ihre Kreise zurückziehen. Aber auch diese würdige Zurückhaltung, welche in den Zeiten des Kulturkampfes Windhorst den bedrängten Katholiken als ultima ratio anempfohlen hat, kann ihr Bedenken haben. Die ganze antisemitische Bewegung in Hannover, deren Kristallisations- und Kernpunkt die „Hann. Post" ist, wird gehalten und gestützt durch die Mittel eines einzigen Mannes, der für seinen fanatischen Haß in einem Jahre mehr ausgiebt, als die ganze Judenheit in Stadt und Provinz Hannover in dem letzten Jahrzehnt für Abwehr-Zwecke verausgabt hat. Und Wien? Wen die Ereignisse in der österreichischen Hauptstadt, welche selbst die Entrüstung aus allerhöchstem Munde nicht zu bannen vermochte, nicht aufrütteln und nicht zu denken geben, wer aus ihnen nicht die Lehre schöpft, daß alles bisher Geschehene nichts gefruchtet, dem ist nicht zu rathen und nicht zu helfen. Nach all dem Gesagten fragen wir nun: Ist es richtig, daß wir in der Abwehr so weiter fortfahren, wie wir es seither gethan? Gewiß ist es erforderderlich, sich seiner Haut zu wehren, so sehr man dies nur vermag und wir sind gewiß die Letzten, die in den oft gehörten Ruf aus dem eigenen Lager ausbrechen: „Die Abwehr ist schädlich, oder jedenfalls überflüssig, sie kann doch an den Dingen nichts ändern, also lasse man dem Verhängnisse seinen Lauf!" Im Gegentheil, wir können uns schmeicheln, daß wir die Abwehrbestrebungen von Anbeginn an bis heute stets auf das Kräftigste unterstützt und gefördert haben, und daß dieselben viel Gutes seither geleistet haben, aber wollen wir nicht endlich auch einmal daran denken, das Mittel zu probiren, das sich an unseren Vorfahren in Susan so treu bewährt hat? Wollen wir nicht Einkehr halten in uns selbst und zurückkehren zu unserem Gotte und seiner heiligen Lehre? Das schöne Pesachfest naht und mit ihm die Gelegenheit zur Erfüllung vieler herrlicher Mizwoth. Wenn wir treu bleiben unserem Gotte, wenn wir festhalten an Seinen Geboten, so finden wir bei Ihm Schutz und Schirm, wie sie keine Kriegsmacht zu bieten vermag.