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Der Israelit · 1897-03-15 · Heft 21 (15.3.1897) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 21 (15.3.1897)
Date
1897-03-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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392 denen den waschechtesten Antisemiten das Herz im Leibe lachen muß. Der Altdeutsche Verband nimmt keine Juden auf, Pfarrer Naumann ertheilt ihnen den Rath, keine jüdische Politik zu treiben. — Hat Laster etwa jüdische Politik getrieben? Seinen Bemühungen sind die Gesetze über den Austritt aus dem Judenthum und aus der Synagogengemeinde mitzudanken, gegen welche die Mehrheit der deutschen Judenheit sich leidenschaftlich gewehrt hat und die nur uns Strenggläubigen willkommen waren. Sonst ist Herr Lasker für spezifisch jüdische Interessen unseres Wiffens kaum hervorgetreten, während ExcellenzWindthorst in derlei Fragen, z. B. der Schächtfrage, stets seine gewichtige Stimme zu Gunsten der Juden erhob. Wenn also der bedeutendste jüdische Parlementarier von dem Vorwurf „jüdischer Politik" frei ist, wird die Besorgniß der National-Socialen thatsächlicher Unterlagen entbehren. — Also Triumpf auf der ganzen Linie.' Antisemitisch ist Trumph! Dieser ungeheure Erfolg hat aber eine sehr böse Folge für die Antisemiten selbst, die Herren werden entbehrlich und überflüssig. Da überall Auchantisemiten sind, welche neben der Judenhetze noch einige andere bemerk nswerthe Punkte in der Politik und im Leben finden, so werden die Nurantisemiten mit ihren monotonen Tiraden langweilig und öde. Die Probe auf das Erempel ergiebt ein Blick auf die Literatur. Die „Gegenwart", die „Zukunft" und die „Grenzboten" sind wohl diejenigen Zeitschriften, in welchen die Ansichten des besseren deutschen Bürgerthums sich am klarsten wiederspiegeln. Alle drei Journale machen in Antisemitismus; Herr Maximilian Harden allen voran, selbstverständlich! Dieser ragende Recke rückgratlosen Renegatentums glaubt seine schweifwedelnde Verehrung vor Bismark durch einige antisemitische Seitensprünge krönen zu sollen, spottet seiner selbst und weiß nicht wie. Aber was soll man dazu sagen, wenn eine Schriftstellerin von dem Range einer Laura Marholl gelegentlich in einem Artikel der „Zukunft" ganz ruhig und harmlos äußert: „In jedem Deutschen steckt ein gut Theil Antisemitismus"? Es ist kein Wunder, wenn das Herr von Langen auf gut Berlinisch übersetzt: „Jeder anständige Mensch ist Antisemit." Die „Gegenwart" sucht der „Zukunft" den Rang abzulaufen, und spaßhaft ist es, zu beobachten, wie das Thema von den feisten Depotdieben und satten Bankbrechern Nummer für Nummer verbraucht wird — als ob diese Jammerknaben den Normaltypns des Juden darstellten. Die „Grenzboten" wahren den Schein der Wohlanständigkeit und geben ab und an auch einer abwehrenden und besänftigenden Stimme Raum. Aber im allgemeinen ist die huldvolle Anerkennung, welche sie den sogenannten „anständigen, nationalgesinnten" Juden im Gegensätze zu den auf der Reise von Galizien nach Paris begriffenen nennten spenden, nur eine fadenscheinige Drapierung für die heftige und unversöhnliche Abneigung gegen Juden und Judenthum, welche dem Leser in vielen Artikeln entgegentritt. Und wie cs in diesen drei Zeitschriften aussieht, so ist auch der Eindruck fast in der gesammten Tagrslitteratur. Das gesprochene und beschriebene Wort beherrscht die Gemüther. So ist die Verwüstung und Verheerung erklärlich, welche der tausendfältig proclamirte Antisemitismus überall anrichtet. Alle Welt schlürft und zieht ihn allmählig ein, fast unmerklich. Er dringt durch alle Poren. Am gierigsten aufgegriffen wird er von denen, die mit Büchern, mit dem Worte am meisten sich beschäftigen, von Lehrern und Geistlichen. Diese theilen ihn der Jugend mit, deren Bildung ihnen anvertraut ist, und so ist der Antisemitismus plötzlich Mode, dem ein jeder huldigt. Die Korpsstudenten ahmen den Offizieren nach, welche keinen Juden unter sich dulden; die Burschenschafter wollen nicht zurückstehen, schon aus Rücksicht auf die Finken und Pennäler, welche ihrerseits schon auf den Schulbänken sich von den Semiten absondern und sie in den Schülervereinigungen nur dulden, wo sie dieselben nicht entbehren können. Die Turner wollen keine krummbeinigen Konkurrenten in ihrer Mitte, die Ruderer und Radfahrer folgen nach; selbst die Kegler entdecken ihr antisemitisches Herz. Von den Frauen wollen wir lieber ganz schweigen. Das sind die Zustände, wie sie gegenwärtig in ganz Deutschland ziemlich allgemein herrschen. Fragen wir uns nun, wie es in Hannover, dem Wohnsitz des Schreibers dieses Artikels, im Besonderen aussieht, so können wir mit einer etwas merkwürdigen Genugthuung konstatieren: In Antisemiticis herrscht hier Ruhe. Tie Ruhe des Friedhofes! Der Lärm der Gaffe ist verstummt, die schimpflichen Lorbeeren von Leuß haben beruhigend gewirkt, dagegen steht der Salon-Antisemitismus, das Rischus auf dem Parketboden und am Telephon, in voller Blüthe. Der Hannoveraner ist kein ausgesprochener Antisemit. Wenn man ihn reden hört, wird er stets sich dagegen verwahren, daß er Antisemit sei. Er wird beiheuern, daß er Leuß und Genoffen verachte, und darauf Hinweisen, daß er den oder jenen Juden als Freund habe. Und trotzdem herrscht überall im öffentlichen und privaten Leben eine Art von latentpassivem, aber hartnäckigem Antisemitismus; man duldet die Juden, das ist alles. Sie leben für sich in einem unsichtbaren, aber auf Schritt und Tritt

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