Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 21 (15.3.1897)
- Date
- 1897-03-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXVIII Jahrgang. 'V’W’WWL’"Sjpr/ M 91. Der Israelit. Ein Gentrat-Hrgan für das orlhodoXe Zudenthum. Begründet von Pr. fe^mann in Mainz Montag, den 15. März 5657 (1897). Im Interesse der Armen des heil. Landes gestatten wir uns hierdurch, das verehrt, spendende Publikum daraus ausmerksam zu machen, daß Machazis Haschekel-Gelder nur für pN ana — die Gesammtheit palästinensischer Armen — verwendet und daraus nicht Spezialzwecke bedacht werden sollen, wie es mus"7p rupn vorschreibt. Leitender Artikel Hcnncrn am Telephon. Der alte Haman wollte itns vertilgen, niedermetzeln uub vernichten utib wie wehrten sich die Inden? Sie tranerten, fasteten und beteten. Sack und Asche waren die Polster der Vornehmen. Im Uebrigen vertrauten sie auf Gott, der sie in wunderbarer Weise errettete. Die neuen Hamaniden wollen uns ebenfalls zu Grunde richteil, aber nicht durch Feuer und Schwert; auf scheinbar gesetzmäßigem Wege wollen sie uns beikommen. Das politische b nasnflj nzn des alten Pharao scheint ihnen zwcckmäßiger, wie das plumpe zny des jüngeren Haman. Aber im Grunde ist Beides dasselbe, llnb wie wehren sich die niodernen Juden? Dheilweise gründen sie Abwehrvcreine, die jede Schandthat der Antisemiten getreulich registrireil, theilweise suchen sie bei politischen und sonstigen Wahlen die Gegner der Antisemiten nach Kräften zu unterstützen, theilweise uub das wohl am allermeisten, thun sie — gar nichts. An Fasten und Buße denkt das Gros der modernen Judenheit nicht. Ist es der richtige Weg, den sie einschlägt? Betrachten wir uns einmal etwas iläher den gegenwärtigen Stand des Antisemitismus. Als die antisemitische Bewegung im Werden begriffen war, glaubten einige Heißsporne, sie abthun zu können mit der Bemerkilng: „Die Antisemiten gehören in das Zuchthaus oder in das Irrenhaus." _Pie Redaction des „Israelit“. Der ruhige Beobachter muß, wenn auch widerwillig, zugeben, daß, abgesehen von der geschmacklosen Form, wohl selten etwas Unzutreffenderes gesagt ist. Keine Idee, keine Bewegung und keine Partei hat derartige ungeheure Erfolge zu verzeichuen, derartige Bedeutung gewonnen und derartige Fortschritte gemacht, wie der Antisemitismus. Das Merkwürdige an dieser Erscheinung liegt in Folgendem.- Die Bewegung ist den sogenannteil Führern, welche nleistens ein wenig anrüchig sind, über den Kopf gewachsen. Liebermann von Sonnenberg wollte jede Partei mit einenl Tropfeil antisemitischen Oeles salben. Dies hat er heute nicht mehr nöthig; die Salbung ist heute bei fast allen Parteien volleildet, so gründlich, daß die Herren Antiseiniteil selbst beinahe überstüssig werden. Die Conservativen suchen den antisemitischen Wind in ihre Segel zu leiten: der Bund der Landwirthe hat als zugkräftigstes Motto jetzt die Parole „Gegen die Juden und Judengenossen" ausgegeben, uiid die Nationalliberalen versichern, wenn ihre paar Nenomnir-Hof- und Leibjuden gerade nicht anwesend sind, jedermann, daß sie die „berechn tigteil" Forderungen der Antisemiten voll und garlz und unentwegt billigen. Das Centrum, welches die Leiden der Minorität am eigenen Leibe gründlich durchgekostet hat und die Hetze des Kulturkampfes noch in schinerzlicher Erinnerung hält, sieht kühl und gelaffen dem Hexensabbath zu und wartet ab. Die freisiitnige Partei sieht in einem Nationalliberaleu ein größeres Nebel als in einem Antisemiten, und im sozialdemokratischen Lager kann man häufig Austaffungen gegen die jüdische Ausbeiltilng hören, bei