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Der Israelit · 1897-03-08 · Heft 19 (8.3.1897) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 19 (8.3.1897)
Date
1897-03-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
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856 Bezirkes, welche Herrn Architekten zu:n Präses des Tempelbau-Comites gewählt, ist uns unbegreiflich. Was hat das Rabbinat mit dem Tempelbau-Comite des 8. Bezirkes zu schaffen? Bei den, gelinde gesagt, sonderbaren Ansichten des Correspondemen, nimmt es uns Wunder, daß er das Wiener Rabbinat nicht auch für den Antisemitismus in Wien verantwortlich macht. Uns scheint, daß es dem Schreiber weniger um die Sache, als vielleicht um einen Erguß persönlicher Animosität gegen das Rabbinat, aus Gründen, die uns bekannt sind, zu thun war; denn sonst würde er nicht solche jeder gesunden Logik hohnfprechende Anwürfe gegen das Wiener Rabbinat in die Oeffentlichkeit geschleudert haben. H. L ö.r. Rußland. Aus Bjalystok, 26. Febr. Im Dezember des verfloffenen Jahres haben 120 hiesige Arbeiter dem Minister des Innern ein gemeinsames Gesuch um Aufhebung der Steuer auf jüdisches Fleisch („korobotschny sbor“) eingereicht, welches mit den geringen Einkünften der Arbeiter motivirt wurde, wobei auch darauf hingewiesen wurde, daß diese Steuer nicht für die im Gesetze vorgesehene Bestimmung, nämlich für die jüdischen Schulen verausgabt wird. Obwohl das Einreichen von kollektiven Gesuchen an Behörden durch das russische Gesetz verboten ist, wurden alle Unterzeichner dieser Petition von der Polizei in sehr höflicher Form einem Verhör unterzogen. Man fragte sie, was sie eigentlich wollen -die vollständige Abschaffung der Steuer auf jüdisches Fleisch oder nur eine Neuregulirung der Erhebung und Verausgabung derselben; die Arbeiter, welche während dieses Verhörs mit ihrer Meinung am wenigsten zurückhielten, wurden allerdings verhaftet. Verichtszeituug BreSla«, 26. Febr. Ein erbitterter Judenfeind scheint der Gutsinspector Ernst Bondick auf Breschin bei Trebnitz zu sein Darauf ließ wenigstens ein Beleidigungsprozeß schließen, der durch einen Vergleich zwischen den Parteien aus der Welt geschafft wurde, nachdem vor einiger Zeit bereits des Langen und Breiten über die Angelegenheit auf Grund folgenden Sachverhalts verhandelt worden war. Der Reisende eines bekannten hiesigen jüdischen Herrengarderobengeschäfts hatte eines Tages den Jnspector auf seinem Gute aufgesucht und ihn zur Bestellung eines Anzuges veranlaßt Die Lieferung fiel aber aus irgend welchen Gründen nicht nach dem Wunsche des Bestellers aus und es entstanden infolge dessen Differenzen bezüglich des Preises. Schließlich verstand sich indeß der Jnspector zur Zahlung des seiner Meinung nach der Firma zukommendes Betrages und sandte ihn per Postanweisung ein. Dabei konnte er sich aber nicht enthalten, auf ihrem Abschnitt eine cbenso ungehörige wie für die Finna eine beleidigende Bemerkung zu machen. Es hieß nämlich darin: „Bitte mir Ihren Reisenden nicht mehr zu schicken, da dieser verantwortlich dafür ist, daß ich wider Willen bei Juden gekauft habe und natürlich auch gehörig hineingefallen bin." Man erwiderte darauf Herrn Bondick umgehend, daß er 50 Pfg zu wenig gesandt habe und daß der Postabschnitt mit der beleidigenden Bemerkung dem Rechtsanwalt ter Firma übergeben fei und eine Klage! nach sich ziehen würde. Am nächsten Tage schon gingen die | 50 Pfg. ein und auf dem Abschnitt befand sich diesmal eine sehr malitiöse Auslassung, deren antisemitische Wendung zwar durchgestrichen, aber noch ganz gut lesbar war. Zu der Verhandlung vor dem Schöffengericht, vor welchem die Inhaber der Firma wegen Beleidigung gegen den judenfcindlichen Gutsinspector klagte, war dieser persönlich erschienen Zunächst regte auch in diesem Falle, wie das fast ausnahmslos geschieht, der Vorsitzende die Frage an, ob denn kein Vergleich möglich sei Der Jnspector schien denn auch anfänglich einer Einigung nicht abgeneigt; als er aber hörte, daß die 50 Mark, die er zu zahlen sich bereit erklärt hatte, nach dem Wunsche des Klägers der „jüdischen Armenkasse" zufließen sollten, brach sein antisenritischcs Herz von neuem hervor: „Von mir wird die jüdische Armenkasse nicht einen Heller erhalten", so ließ er sich kurz und bündig vernehmen und damit mußten die Vcrgleichsverhandlungcn als gescheitert gelten. Zu der darauf folgenden Verhandlung zur Sache stellte sich die Nothwendigkeit der Vorladung des betreffenden Reisenden als Zeugen heraus, da der Beklagte versicherte, daß dieser bei Aufnahme jener Bestellung ausdrücklich bctheuert habe, die von ihm vertretene Firma sei ein christliches Geschäft, während die Kläger demgegenüber behaupteten, daß es keiner ihrer Reisenden unternehmen würde, mit derartigen falschen Angaben ein Geschäft abzu schließen. Das Gericht entschied sich infolge dessen für die Ladung des Zeugen. Zur Vernehmung desselben kam es aber beute nicht erst, da vor Eintritt in die Verhandlung, wie oben schon angedeutet, die Parteien sich verglichen. Der antisemitische Gutsinspector zahlt danach 20 Mk. nicht in die jüdische, sondern in die allgemeine Armenkasse und bittet die beleidigten Firmeninhaber um Entschuldigung. Damit ist der Streit beendet. vermischtes. Frankfurt a M Herr Rechtsanwalt Dr. N a f t a l i Hirsch, der jüngste Sohn des allverehrtcn Rabbiners Samson Raphael Hirsch ist zuin I u st iz ra t h ernannt worden. Telegramm. Berlin, 8. März, 10 Uhr 20 Min. Vorin. Eine recht erfreuliche Kunde kann der Vorstand des Verbands der jüdischen Lehrervereine im deutschen Reiche den lieben Kollegen zum Purimfeste übermitteln: Die P e n s i o n s- und R e l i c t e n k a s s e für jüdische Lehrer, Religionslehrer re. wird in Kurzem in Kraft treten können! Die Bemühungen des Verbandsvorftands der Ausführung der Bestimmungen der 8 9c der Satzungen, sowie derRr. 16 des Protokolls — 'einen Grundfonds für die Kasse zu schaffen, sind bisher von recht erfreulichem Erfolge begleitet gewesen und werden mit gleicher Energie fortgesetzt werden: Eine Anzahl wohlthätiger Glaubensgenossen hat die thatkräftige Mithilfe zur Bildung des Fonds in Aussicht gestellt, insbesondere aber ist durch die hochherzige Zuwendung der Joseph L a ch m a n n' s ch e n Erben, des Herrn Dr. B. Barrach und seiner Gattin gcb. Lachmann in Berlin, sowie des Fräulein Elara Lachmann in Hamburg, welche die Summe von 145 00« Mk. für diesen Zweck überwiesen haben, eine gesicherte Grundlage für die Kaffe geschaffen morden. Wir bitten unsere Genossen und die Freunde unserer Bestrebungen, nach Kräften für weitere Zuwendungen Sorge zu tragen, damit die Kasse unter möglichst günstigen Bedingungen für die Mitglieder in's Leben treten kann. Nach Eingang der gegenwärtig angestellten statistischen Erhebungen wird mit den Vorarbeiten für die Einrichtung oer Kasse unverzüglich begonnen werden; sobald dieselben abgeschlossen sind, werden den Kollegen weitere Mittheilungen zugehen. Weitere Zusendungen werden an die Adresse des Verbandsvorsitzenden, Herrn Rektor Dr. Adler, Berlin, Oranienburger Str. 29, erbeten.

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