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Der Israelit · 1897-03-08 · Heft 19 (8.3.1897) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 19 (8.3.1897)
Date
1897-03-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
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353 ein Jude nehme kein Interesse an der Wohlfahrt seines Landes, in dem er lebt, ein Jude kümmere sich nicht darum, wie schlecht im Lande die Polizei, wie es übermäßig besteuert sei, wie oft eS erobert worden oder der Plünderung anheim gefallen sei, darum nämlich, weil Gott verheißen hat, daß vermöge irgend welcher unbekannten Mittel und Wege und zu irgend welcher unbestimmten Zeit, vielleicht heute über 10,000 Jahren, die Juden nach Palästina wandern sollen! Liegt darin nicht ein über die Maßen gründliches Verkennen der menschlichen Natur? Wissen wir nicht, daß das, was entlegen und unbestimmt, den Menschen weit weniger berührt, als das, was naheliegend und festbestimmt ist?" „Das Argument paßt übrigens streng genommen auf Christen, wie auf Juden. Der Christ glaubt ebenso wie der Jude, daß zu irgend einer künftigen Zeit die jetzige Ordnung der Dinge ein Ende nehmen wird. Ja, viele Christen glauben, daß der Messias binnen Kurzem ein Königreich auf Erden stiften und über alle Unterthanen derselben sichtbar herrschen wird. Inwiefern dieses Dogma orthodox ist oder nicht, das wollen wir hier nicht untersuchen. Die Zahl derer, welche daran glauben, ist hervorragend durch Rang, Wohlstand und Talent. Gepredigt wird diese Lehre von den Kanzeln beider Kirchen, der schottischen, wie der englischen, Mitglieder der beiden Häuser des Parlaments, Lords und Abgeordnete haben zu ihren Gunsten geschrieben. Nun frage ich, worin unterscheidet sich diese Lehre, was ihre politische Tragweite anbelangt, von der jüdischen Lehre? Wenn ein Jude deßhalb nicht dazu taugt, an unserer Gesetzgebung mitzuarbeiten, weil er glaubt, daß er oder sein Nachkommen einmal nach Palästina entrückt werden solle, können wir dann mit Seelenruhe in das Haus der Gemeinen einen Bekenner des fünften Weltreichs einlaffen, der gewärtig ist, daß ehe noch diese Generation ausgelebt habe, alle die Königreiche aufgegangen sein werden, in das eine Gottesreich?" Soweit Macauley. — Die von Don Jizchak Abarbanel mitgetheilte Ueberlieferung der deutschen Juden läßt dagegen unsere Missionshoffnung' in einem Lichte erscheinen, unter dem sie einer Rechtfertigung nicht mehr bedarf. Nach dieser Ueberlieferung handelt es sich bei der Verwirklichung unserer messianischen Hoffnungen nicht um ein Reich, in das, wie äRacaufa) annimmt, alle Königreiche aufgegangen sein werden, sondern neben dem auch ein anderes Reich bestehen und sich blühend entwickeln kann. Daß das messianische Reich, weit entfernt, die Existenz anderer Staaten auszuschließen, dieselbe vielmehr als ganz selbstverständlich neben sich voraussetzt, ist zudem eine Wahrheit, die nicht nur die deutschen, sondern alle Juden aller Zeiten und Zonen in dem Gebet aussprechen, das sie in ihren Gotteshäusern für das Wohl des Vaterlandes und seines Fürsten öffentlich beten. Wenn sie für den Vater des Vaterlandes, von dem König aller Könige Leben und Schutz vor Noth und Leid und Gelingen auf allen Wegen erbitten, so knüpfen sie an diese Bitte immer wieder und wieder die sehnsüchtige Hoffnung, daß während seiner und unserer Lebenszeit Juda und Israel Hilfe und endliche Ruhe, für Zijon aber der Erlöser kommen möge, und die ganze Gemeinde besiegelt diese Bitte mit ihrem: Amen! Daß dieser Erlöser, die von uns erwartete Erlösung nicht auf Kosten des übrigen Völkertheils und Staatenglückes herbeiführt, daß er, weit entfernt ihre Existenz zu bedrohen, sie auf einer unerschütterlicher Grundlage für alle Zeiten sichern wird, dies und nichts anders ist ja der Grundton, der aus allen meffianischen Verheißungen der Propheten hinausklingt. Daß aber die Ueberlieferung der deutschen Juden in der Consolidirung des deutschen Kaiserthums das Morgenroth der Zeit feiert, in welcher „die großen Völker und die mit ihrer Macht in die Ferne reichenden Nationen, ihre Schwerter zu Pflugschaaren und ihre Lanzen zu Rebmessern umschmieden, ein Volk gegen das andere das Schwert nicht mehr erhebt und den Krieg nicht mehr übt, in welcher jeder unter seinem Weinstock und seinem Feigenbaum sitzt, ohne aufgescheucht zu werden, weil es Gottes Ausspruch so verheißen" (Micha IV), das ist und bleibt eine so einzig dastehende, huldigende Anerkennung des deutschen Gedankens und seiner imposanten Verwirklichung, daß sie allein genügt, um alle jene judenfeindlichen Insinuationen zurückzuweisen, die den deutschen Juden ihr Deutschthum, sowie Sinn und Anhänglichkeit für Kaiser uud Reich absprechen möchten. Zeitungsnachrichten und Eorrefpondenzen. Deutschland. Stettin. Der Wohlthätigkeits- und Beerdigungs-Verein dieser Stadt berief jüngst eine außerordentliche Generalversammlung zur Neuwahl der VorÜandschaft ein, deren sämmtliche Mitglieder ihre Aemter infolge eines außergewöhnlichen Gutachtens der Gemeinde-Repräsentanten niedergelegt hatten. Ein Mitglied der Gemeinde Herr N. Aren hatte drei oder vier Grabstellen gekauft. Auf einer derselben ist seine erste Gemahlin beigesetzt, auf der zweiten seine Schwester. Herr Aren hat wieder geheirathet, seine jetzige Frau ist Katholikin und Herr A. kam bei der Gemeinde um die Erlaubniß ein, diese seine

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