Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1897-03-08 · Heft 19 (8.3.1897) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 19 (8.3.1897)
Date
1897-03-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448705-2448724--43505-2492557
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

seinem Sitz, seiner Bedeutung, seiner Entstehung und seiner Ziele ausschließlich in deutschen Verhältnissen wurzelt und gipfelt, exiftirt erst seit seiner Wiedererstehung in seiner, Feinden und Freunden imponirenden gegenwärtigen Erscheinung. Aber, wie gesagt, das ist es nicht, was uns hier interessirt. Um Folgendes handelt es sich: Wie man den Juden auf Grund ihrer Messiashoffnung die Möglichkeit abzusprechen gesucht hat, treue Söhne ihres Vaterlandes, vollständige Bürger des Staates sein zu können, während ihr Herz in der Sehnsucht nach einem Messias und dem von ihm zu erhoffenden Reiche aufgehe, so hat man auch den Deutschen um die Mitte unseres Jahrhunderts zum Hochverräther zu stempeln gesucht, der von einem einigen großen deutschen Kaiserreiche unter Preußens Führung träumte, man sprach ihm die Fähigkeit ab, ein treuer Bürger seines kleineren deutschen Staates sein zu können und verfolgte und mordete ihn. Und wie herrlich hat sich sein Traum erfüllt! Das deutsche Kaiserreich ist erstanden, schöner und mächtiger als je, und doch sind die Deutschen treu anhängliche Söhne ihrer Bundesfürften, vielleicht noch treuer und anhänglicher, als zur Zeit der Zerklüftung und der Uneinigkeit im deutschen Vaterlande. Welch' unendlicher Trost, welche große Gewähr für die Erfüllung unserer Messiashoffnung liegt doch in dieser einen geschichtlichen Thatsache! Als Anfang der dreißiger Jahre obenerwähntes Argument gegen die Emancipation der Juden in England geltend gemacht wurde, trat ihm kein Geringerer als Macauley mit folgenden treffenden Bemerkungen entgegen: „Aber, so sagt man, in der Schrift steht, daß die Juden ihrem eigenen Vaterlande wiedergegeben werden sollen, und ihre ganze Nation blicke sehnsüchtig auf ihre Wiederherstellung. Deshalb seien sie nicht so interessirt an der Wohlfahrt Englands wie andere. Es sei nicht ihre Heimath, nur der Ort ihres Aufenthaltes, die Zelle ihres Gefängnisses. Dieses Argument, welches zuerst in der „Times" erschien, und welches einen Grad von Aufmerksamkeit erregte, der nicht der ihm innewohnenden Kraft, sondern dem bedeutenden Talente, mit welchem jenes Journal geleitet wird, zu verdanken ist, gehört jener Klasse von Sophismen an, durch welche die hassenswertheften Verfolgungen leicht zu rechtfertigen wären." „Leuten praktische Folgen aufzubürden, welche sie selbst bestreiten, ist unaufrichtig beim Rechtsstreit; in staatlichen Dingen ist es nichtswürdig. Es ist geradezu unmöglich, von den Ansichten, zu welchen sich Jemand bekennt, auf sein Gefühl und seine Handlungsweise zu schließen; und in der That, Niemand ist ein solcher Narr diesen Schluß zu ziehen, es wäre denn, daß er einen Vorwand braucht, dem Andern etwas anznhängen. Einem Christen ist mit den heiligsten Geboten eingeschärft, in all seinem Thun rechtschaffen zu sein. Und doch, wie vielen von den 24 Millionen Bekennern des Christenthums auf dieser Insel würde Jemand, der bei Sinne ist, t 000 Pfund Sterling ohne Sicherheit leihen? Wer nur einen Tag in seinem Verhalten von der Voraussetzung ausgehen wollte, daß alle Welt um ihn herum unter dem Einfluß der Religion verfährt, die sie bekennt, der würde noch vor dem Abend seinen eigenen Ruin erleben. Es fällt auch keinem ein, in irgend welchen alltäglichen Beziehungen des Lebens, beim Borgen, Leihen, Kaufen und Verkaufen durch jene Voraussetzung sein Thun bestimmen zu lassen." „Aber, wenn es darauf ankommt, eines unserer Mitgeschöpfe zu unterdrücken, dann steht die Sache ganz anders. Ja, dann bringen wir eben die Gründe vor, von denen wir doch wissen, daß sie zum Guten schwach und nur im bösen Sinn allmächtig sind. Dannn legen wir unfern Opfern alle Schändlichkeiten und Tollheiten zur Last, woraus, wenn auch noch so weit hergeholt, ihre Grundsätze augenscheinlich hinauskommen." Ganz in derselben Weise, raisonnirten unsere Vorfahren und raisonnirt noch in diesen Tagen dieser und jener über die Katholiken. Ein Papist hält sich verpflichtet, dem Papst gehorsam zu sein. Der Papst hat eine Bulle erlassen, kraft welcher er die Königin Elisabeth absetzte. Daher wird jeder Papist Ihre Majestät als eine Thronräuberin betrachten, daher ist jeder Papist ein Hochverräther. Daher muß jeder Papist gehenkt, eingesteckt und geviertheilt werden. Dieser Logik verdanken wir einige der gehässigsten Gesetze, die jemals unsere Geschichte verunehrten." „Sicherlich liegt die Widerlegung auf der Hand. Die römische Kirche mag diesen Leuten befohlen haben, die Königin als eine Thronrüuberin zu betrachten. Aber sie hat ihnen manche andere Dinge geboten, welche diese nie befolgt haben. Sic schärft ihren Priestern ein, den reinsten Lebenswandel zu beobachten, Ihr rügt an ihnen doch immerfort ihre Zügellosigkeit. Sie befiehlt ihren Angehörigen Mildthätigkeit gegen die Annen, keine Zinsen zu nehmen, keine Duelle auszufechten und kein Schauspiel zu besuchen. Gehorchen sie diesen Befehlen?" „Man raisonnirt jetzt über die Juden, wie unsere Väter über die Papisten raisonnirt haben. Das Gesetz, welches auf den Mauern der Synagoge geschrieben steht, verbietet Habsucht. Aber, fiele uns ein zu sagen, daß ein Jude als Pfandverleiher, das ihm Verfallene nicht eintreiben werde, weil Gott ihm geboten, feines Nächsten Haus nicht zu begehren. Jedermann müßte sich denken, daß wir von Sinnen sind. Und doch gilt es für ein Argument, wenn man sagt,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.