Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 17-18 (3.3.1897)
- Date
- 1897-03-03
- Page
- – (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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’wnwi, IllijiJl. v 347 etwas, wie tiefes Heimweh danach, aber ein eiserner Riegel hatte sich davorgeschoben. Er mußte nun weiter, unaufhaltsam weiter, ohne Lust, ohne Liebe, ohne Kraft; denn jene innere Spannkraft, die er immer von Neuem in sich emporschnellen fühlte, war gebrochen, der Frieden zerstört für immerdar. Wie sollte er das Leben fortsetzen, die zerstobenen, auseinandergefollenen Kräfte wieder in einen Brennpunkt vereinen? Wird nicht stets die Vergangenheit wie das Gespenst eines gemordeten Freundes hinter ihm auftauchen, über die Schultern hinweg, ihm in die Feder blicken, wenn er seine Gedanken niederschreibt, zu seiner Seite stehen, wenn er lehrend vor seine Schüler hintritt und mahnend und klagend ihm zuflüstern : „Erkennst Du mich nicht?" Ein sonderbares Gefühl, gemischt von Grauen, Scham, Zorn und Verzweiflung schnürte ihm die Kehle zusammen und raubte ihm die Besinnung. Er wußte nicht mehr, wo er sich befand. Plötzlich drang ein leises Plätschern an sein Ohr; es kam von dem Flusie her, der neben ihm seine breiten, ruhigen Fluchen dahinrollte. Langsam stieg er die Brücke hinan, die sich in mächtigem Bogen von einem Ufer zum anderen wölbte. Dann lehnte er sich an das Geländer und starrte in die untergehende Sonne. Die Wolken hatten bereits den ganzen Horizont umzingelt und wälzten sich nun in dichten Massen der Sonne zu, von deren letzten Strahlen ihre Ränder mit einem gelben Schein umgoldet wurden. Auf der Erde war Alles dttnkel. Der Fluß verlor sich weit unten in einem violetten Giebel und links lag die Stadt unter schwärzlich grauen Schatten versunken. Nur der schlanke gothische Thurm der Kirche reckte sich mächtig in die Höhe und oben an seiner Spitze flammte das vergoldete Kreuz. Er drehte sich um und blickte nach Osten, wo der Eisenbahndamm mit einer weißlich grauen Linie den Horizont begrenzte. Er sah seinen eigenen Schatten sich riesengroß, gespensterhaft von der rothübergoffenen Oberfläche des Flusses abheben. Ein Zug raste vorüber, und die untergehende Sonne spiegelte sich in seiner langen Fensterreihe, die wie ein faltiges Purpurband erglänzte und verschwand. Im Osten breitete sich die hereinbrechende Finsterniß aus, zuerst röthlich anzusehen, dann in einen bläulichen Tone übergehend, und schließlich ganz dunkel sich über die Erde zu lagern. Er versenkte sich unbewußt in diesen wunderschönen Anblick und war so ganz darin verloren, daß er alles um sich her vergaß. Eine bleischwere Abspannung kam über ihn und in ihrem Gefolge die dämmernde Empfindung, daß Alles, was er heute erlebt, ein Traum gewesen, eine Halluzination, eine Sinnestäuschung; gar nichts sei vorgefallen, er sei in Wirklichkeit derselbe geblieben... Nun mußte er rasch nach Hause, um der Mutter vor dem Schlafengehen noch etwas vorzulesen, und sich morgen wieder an seine Arbeiten zu machen. Aber er machte keine Bewegung, sondern blieb an der Stelle, wie angewurzelt. Mechanisch entkleidete er sich seines Rockes und nahm den Hut ab. In seinem Kopfe schwirrten und jagten einander tausend Bruchstücke von Gedanken, die er nicht haschen und festbannen konnte; er versuchte es nicht einmal, denn sein ganzes Wesen war wie aufgelöst, und er fühlte nicht die mindeste Kraft in sich, nichts weiter, als ein heißes Sehnen nach Ruhe. Am liebsten hätte er sich irgendwo hingestreckt, um in tiefen Schlaf zu versinken. Totmüde beugte er sich über das Geländer und stierte auf den Wasserspiegel, welcher dicht unter der Brücke eine Vertiefung zeigte, in der die Wellen schäumend und zischend gurgelten. Dort war ein Strudel. Zuerst ließ er seinen Hut, den er gedankenlos in der Hand drehte, sinken, sah ihn auf der Wasserfläche tanzen, sich einigemal überstürzen, dann mit Wasser füllen und schließlich verschwinden. Die Oberfläche schloß sich wieder. Das Spiel sesielte ihn und er warf dann auch den Rock nach, der mit lautem Aufklatscheu hinabstürzte, sich auf dem Wasier ausbreitete, dann rasch im Wirbel drehte bis er stückweise untertauchte und versank. Inzwischen hatten die Wolken, die seit einer Stunde über den Horizont sich wälzten, den Himmel gänzlich überzogen. Die letzten Lichter, die am Flusie spielten, erloschen und tiefes Dunkel umfing die Erde. Die Wolken senkten sich tiefer und tiefer, drängten sich, bis sie wie ein Dach über der ganzen Ebene hingen. Seltsame abgerissene Töne ließen sich vernehmen, bald von oben, wie aus dem Schoße der Wolken kommend, bald wie aus der Erde empordringend. Es war, als ob die ganze Natur gespannt den Athem anhielt. Und nun kam der Sturm. Eine Weile drückenden Schweigens folgte. Dann ging es, wie ein langer, heißer Athemzug durch die Lüfte und von einem Ende zum andern durchschnitt den Horizont ein Blitzstrahl, der sich in tausend Zungen spaltete, die zuckend und zitternd am Himmel sich emporreckten und dann in Millionen blauer, rother und gelber Funken zerstoben. Einen Augenblick lag die ganze Ebene in grelles Licht getaucht, dann umfing sie düstere Nacht und gleichzeitig erwachte der Donner mit dumpfen Grollen, erdröhnte immer lauter und verhallte dann, gleichsam in die Ferne sich flüchtend. Es wurde wieder still, und der einsame Mann vernahm auf der Brücke das Plätschern der Wellen, die aufgeregt murmelnd thalwärts stürmten. Glühend heiß fluthete es ihm durch den zitternden Körper. Dann fühlte er sich von einem kühlenden Hauche berührt, der Wind kam zuerst leise, dann brach ein Stoß nach dem anderen in wildem Brausen, wie aus einem Versteck hervor, und mit