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Der Israelit · 1897-03-03 · Heft 17-18 (3.3.1897) · page 28

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 17-18 (3.3.1897)
Date
1897-03-03
Page
– (sequence 28)
Language
German
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346 die Schläfen sog ihm mit ihren glühenden Küssen das Blut aus den Adern. Sie unterjochte seinen Willen; ein kalter Blick von ihr konnte ihn elend machen und wie einen Sklaven zu ihren Füßen niederzwingen. Noch blieb ihm seine Wissenschaft als letzte Zufluchtsstätte, wo er Balsam für seine Wunden fand, aber fein Weib verfolgte ihn bis in diesen letzten Schlupfwinkel. Hatte sie darum einen Gelehrten geheirathet? Sollte sie ewig als die Gattin eines honorartosen Privatdozenten ein kümmerliches Dasein führen, während Andere sich in rauschende Seide kleideten und keine Premiere verfehlten? Nein! Frau Profefforin mußte sie werden — koste es was es wolle. Und sie bot alle ihre Schlauheit auf, um, wie sie sich ausdrückte, ihren Mann emporzubringen: sie hatte ein ganzes Arsenal von Ränken zur Verfügung, in welche sie den schüchternen, unerfahrenen Forscher verstrickte, so daß er bald keinen Ausweg sah. Er mußte mit dem tiefsten Widerwillen im Herzen bei einflußreichen Persönlichkeiten antichambriren und sich dazu erniedrigen, seine Verdienste ins Feld zu führen. Sie vergiftete seine Lebensruhe mit ihrem Neid und wußte ihn stets von Neuem aufzustachetn, indem sie ihm das Gespenst der Armuth an die Wand malte. Aber alle Bemühungen waren vergebens. Seine Kollegen rückten vor, erklommen die höchsten Stufen akademischer Würden, nur er allein blieb unten stehen als „ewiger Privatdozent". Er litt unsäglich in der Hölle, die ihm die Frau zu Hause bereitete; sie vergällte ihm das Dasein mit tausend kleinen Nadelstichen, gegen welche der Mann wehrlos ist. Bald begann sie den Werth seiner Lebensarbeit in Zweifel zu ziehen und ihr ewiges Naserümpfen über seine Lehrtätigkeit machte ihn schier selber wankend. Immer wieder begann er seine Anstrengungen, um stets einen neuen Mißerfolg einzuheimsen. Endlich gingen ihm die Augen auf, daß sein Bekenntniß das einzige Hinderniß bildete. Um den Preis eines Religionswechsels wollte man ihm gern aKe Thore aufthun. „Sie begreifen, werther Herr Kollege . . Bei den heutigen Strömungen . . . hm . . . Katheder für Nationalliteratur . . . unmöglich . . das wär'ja imerhört ... so was . . hm . . kann nichts helfen . ." sagte ihm einmal der ewig liebenswürdige Präsident der Akademie, zugleich allgewaltiger Lenker des Unterrichtswesens. — „Wenn Sie indessen . . hm . . wollten . . so . . hm . . verstehen Sic . ." — schloß er, ohne seinen Besucher anzusehen. „Niemals!" gab dieser zur Antwort und nahm den Hut. — „Ueberlegen Sie sich die Sache, werther Herr Kollege!" rief ihm jener nach, „wir sprechen noch davon." Er lief wie wahnsinnig nach Hause und schloß sich in feinem Zimmer ein. Bei der Erinnerung an diesen Vorfall sprang er jetzt jäh vom Boden auf, wie von einer Natter gestochen. Ein Augenblick des Vergrssens überkam ihn, und er wollte nach Hause eilen, zu den Füßen der Mutter niederknieen und seinen Kopf in ihren Schooß betten. Das that so wohl, wenn sie mit ihrer Hand ihm über Gesicht und Stirn fuhr, alle Sorge und Qual war weggewischt, wie ein Hauch. Jetzt zog es ihn zu ihr und das Herz schmolz in seiner Brust. Schon lenkte er seine Schritte heimwärts, da kam ihm jene Andere in den Sinn und Ekel schüttelte ihn. Sie sitzt nun gewiß daheim mit triumphirender Miene, das Papier in der Hand haltend, das sie zur Frau Professorin macht; und sie wird sich ihm um den Hals werfen und ihm zu seinem Erfolge gratuliren. . . . Ein Schauer überlief ihn. Er erinnerte sich jenes verhängnißvollen Abends, als sie die Forderung des Präsidenten und die Antwort ihres Mannes erfuhr. Sie tobte, wie besessen und nannte ihn ein Feigling, eine Memme, ein altes Weib. „Warum nicht nachgeben? Warum nicht einen alten Fetzen in die Rumpelkammer werfen, um ein menschenwürdiges Dasein führen zu können? Soll man etwa im Alter betteln gehen, wegen ein paar lächerlicher Schrullen? Was Ehre, was Pflicht! Schöne Ehre dar, ewiger Privatdocent zu bleiben, während alle Welt Professor und Gott weiß, was geworden ist." So zerrte und zaufte sie Alles, was ihm theuer war, in den Staub. Er hatte keinen Augenblick Ruhe von ihr. Bald folterte sie ihn mit ihrer eisigen Kälte und ihren abweisenden Blicken, bald wieder bestürmte sie ihn mit heißen Bitten, gebrauchte die süßesten Kosenamen und erstickte jedes Aufraffen seiner Energie in einem Schwall von Zärtlichkeit, die ihn berauschte und gefangen nahm. Wie ein Besessener trabte er hinaus, immer weiter hinaus! Aber das einmal aufgeregte Gedächtniß wollte sich nicht sobald beruhigen und rief ihm noch eine Menge von quälenden Erinnerungen aus jener schrecklichen Zeit vor die Seele. Da stand er eines Tages vor dem Geistlichen, ohne recht zu wissen, wie er dahin gekommen war. Und dann folgten Tage taumelnder Hast und maßloser Aufregung, aus denen nur das Gefühl tiefer Erschöpfung und Mattigkeit in seiner Erinnerung zurückblieb. Er hatte keinen deutlichen Begriff von dem, was um ihn her vorging. Die Vorstellungen glitten in einander und verschwommen und bildeten gleichsam ein einziges wüstes Meer, auf dem er wie ein Schiff umhertrieb, welches Mast und Segel und Steuer verloren. Jetzt kam das Erwachen, und er fühlte einen klaffenden Bruch, einen tiefen Spalt, der durch seine ganze Seele ging. Weit hinter ihm, wie von einem dichten Nebel umhüllt, lag seine Vergangenheit ausgebreitet, rein, klar, ohne Falte, ohne Makel; kein Fleck, kein Stäubchen war darauf; er empfand

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