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Der Israelit · 1897-03-03 · Heft 17-18 (3.3.1897) · page 27

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 17-18 (3.3.1897)
Date
1897-03-03
Page
– (sequence 27)
Language
German
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345 -Tf^.:^^r8StX-'a!»!^yj" ywy/|.*.,hyv yjptyjji schien ein Ungewitter zu verkünden. Die Wolke stieg zusehends höher und bald umlagerte sie dräuend den ganzen südlichen Horizont. Pechschwarze Finsterniß ging von ihr aus und kämpfte mit dem Rest des Sonnenglanzes, der langsam, wie zögernd, zurttckwich. Es ward schwül, ein drückender Hauch ging durch die Luft. Die Blätter im Gebüsch, die Grashalme am Wiesenraine bückten sich wie unter einer schweren Last. Des Wanderers Athem stockte. Die gepreßte Stimmung in der Natur theilte sich auch ihm mit und er fühlte von Neuem jene heiße Welle in seinem Herzen aufsteigen und fein Gehirn belasten. Er bemühte sich die chaotischen Gedanken festzuhallen und zu ordnen, aber sie flatterten auseinander wie eine aufgescheuchte Vogelschaar. Plötzlich warf er sich zu Boden, riß seine Kleider auf, drückte die entblößte Brust gegen das kühle Gras und grub sich mit den Fingern krampfhaft in das weiche Erdreich. Ein eonvulsivisches Zucken ging durch seinen ganzen Körper. Er stöhnte auf. Ein inneres Schluchzen schüttelte ihn, schwer und langgezogen quoll es aus seiner Brust, wie das Röcheln eines zu Tode Gewürgten. Dann kamen die Thränen und flössen reichlich und lindernd aus seinen Augen .... Er wurde ruhiger, legte sich auf den Rücken und begann in den Himmel zu starren, wo die Wolken sich dicht und dichter zusammenballten. Ein Augenblick aus dem vergangenen Leben tauchte in seiner Erinnerung auf. Es war lange, sehr lange her. Damals lag er auch so, gegen Abend, vielleicht an derselben Stelle, den Blick nach oben gerichtet. Tags darauf sollte er zum ersten Male das Katheder besteigen. Nach langem, harten Kampfe war es ihm gelungen, den so viele Jahre verkannten, fast vergessenen Natonaldichter auf's Schild zu heben und den ihul gebührenden Ruhm ihm zu erzwingen. Wie hoch schlug ihm das Herz, da er vor die Jugend hintreten sollte als Interpret des großen Mannes, um ihr die vaterländischen Geisteshelden in einem neuen Lichte zu zeigen. Das war ein Erfolg, der die langjährige, aufreibende Arbeit reichlich lohnte. Glückliche Jahre folgten; Jahre gesegneter, fruchtbarer Thätigkeit, in denen er der wissenschaftlichen Forschung neue Pfade wies, die Literaturkenntniß mehrte und reiche Schätze zu Tage förderte. Er lebte zurückgezogen, wunschlos, einzig der Wissenschaft und der Liebe zu seiner Mutter hingegegeben. Bedürfnislos, wie er war, genügte ihm der spärliche Ertrag seiner Bücher vollkommen. Kein Mißton trübte sein stilles Glück. Die Tage und die Jahre flössen dahin, äußerlich eintönig, aber innerlich abwechslungsreich, bis er etwas unsanft aufgerüttelt wurde. Er hatte soeben ein neues Werk veröffentlicht, das großes Aufsehen erregte. Namentlich von einem der Kritiker wurde er rückhaltlos mit Lob überschüttet. „Aber" — so schloß der gelehrte Professor seine Reeension — „wie schade, das unsere eigenen Forscher es einem Juden überlassen, die wichtigsten Momente unserer Geistesgeschichte zu behandeln!" Zum ersten Male drang das Wort „Jude" wie ein schriller Mißton in seine Ohren. Jude also? Jude? Daran hate er gar nicht gedacht. Seine Erziehung seit dem Knabenalter, sein ganzer Bildungsgang hatte ihn immer mehr von den Glaubensgenossen entfernt, mit denen er wenig verkehrte, Weniges gemeinsam hatte, ja, deren Sprache er nicht recht verstand. Aber jenes Wort seines Kritikers rief eine Menge von Jugenderinnerungen in ihm wach. Er sah sich wieder im „Cheder", wo ihm das hebräische Alphabet eingebläut wurde, hörte sich im Gotteshause mit anderen Kindern nach jedem Gebete mit lauter Stimme „Amen" rufen und sah sich die kleinen Hände ausstrecken, um die Thorarolle zu berühren und mit bctt Fingerspitzen zu küssen. Alle diese Bilder aus vergangenen Tagen zogen an seiner Seele vorüber und erfüllten ihn mit einem wonnigen Wehgefüht, das uns jedesmal beschleicht, wenn wir der unwiderbringlichen Kinderjahre gedenken. Er schämte sich, so, ganz seinem Stamme entfremdet zu sein, begann seinen Glaubensgenossen sich zu nähern und die Fäden wieder anzuknüpfen, die ihn mit denselben verbanden. Er las die ihm zugänglichen Werke über die Geschichte des Judenthums, und als seine Mutter erblindete, begann er von Neuem die fremdartigen hebräischen Lettern zu lernen, um ihr in seinen Mußestunden ans frommen Büchern vorlesen zu können. Von da ab wurde ihm das Judenthum theuer, er liebte es, ohne es zu kennen, wie einen Schatz, der uns von den Vätern überkommen ist, und den wir nicht zu öffnen wagen, um dessen Inhalt zu sehen... Wie er so dalag, kamen ihm alle diese Erinnerungen und trugen ihn in jene Zeiten zurück, da er noch ein ganzer Mensch war, voll ungebrochener Kraft, einig mit sich selbst, seiner Ziele und Wege bewußt. Da kam die Liebe und packte ihn mit elementarer Gewalt. Ein ungekannter Sturm wühlte sein Inneres auf und die Ruhe war dahin. Die lange zurückgehaltene Stimme des Herzens erwachte und forderte laut und umgestüm ihre Rechte. Endlich führte er die heiß Unworbene als Gattin heim und seine Freude kannte keine Grenzen. Aber das Glück war von kurzer Dauer. Das sanftblickende Mädchen entpuppte sich als herrschsüchtiges, ehrgeiziges Weib, in dessen Händen der Mann ein Werkzeug zur Verwirklichung ihrer hochfliegenden Pläne sein sollte. Diese braune Eva mit den stahlgrauen Augen und dem schwarzen, welligen Haar um

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