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Der Israelit · 1897-03-03 · Heft 17-18 (3.3.1897) · page 26

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 17-18 (3.3.1897)
Date
1897-03-03
Page
– (sequence 26)
Language
German
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344 vernehmen. Das Rauschen der Stadt erstarb hier auf der weiten Ebene, die sich ringsum unabsehbar dehnte, unter dem azurreinen Himmel, in dessen einsamen, dunkelnden Tiefen kein Wölkchen zu sehen war. Der Eilende fühlte sich wie einer Schlinge entronnen, richtete seine Gestalt hoch auf und reckte die Glieder. Sein Blick verlor sich in den unermeßlichen Fernen. Auch die Nebel, die seine Seele umhüllten, schmolzen langsam und ihm war's, als lösten sich eiserne Banden, die seine Brust umklammerten. Er begann seine Gedanken zu sammeln. Das war der Weg, den er so oft frohen Muthes gewandelt, mit schwellendem Herzen, den Kopf voll von neuen Gedanken. Nach angestrengter Tagesarbeit pflegte er sich hinauszuflüchten m's Freie, Erfrischung und neue Kräfte zu finden, da unter dem blauen Himmelsgewölbe, wo sein Geist sich verjüngte und wie aus einem unversiegbaren Quell frische Säfte sog, um dann in stiller Nacht die heiße Gedankenarbeit von Neuem zu beginnen. Hier war er zu Hause, hier kannte er jedes Stemchen am Wege, jeden Busch, jeden Grashalm! Alle waren seine Vertrauten, Zeugen seiner Lust und seiner Qualen. Jetzt wollte er hier, in dieser Umgebung Trost und Ruhe finden, wie in den Armen eines alten Freundes. Sein Blick schweifte in die Runde und suchte die einzelnen Plätzchen und Gegenstände, um grüßend daran haften zu bleiben. Aber es halte sich etwas, wie ein Schleier über die Gegend gebreitet, der seinem Auge Alles in veränderter Gestalt zeigte. Ein Gefühl der Entfremdung hatte sich eingeschlichen. Was war geschehen? Die vertrauten Stätten waren ihm bekannt und doch so eigen fremd. Hatte sich etwas verändert?.Da stand es plötzlich wie in blitzartiger Beleuchtung vor seiner Seele: Er befand sich Utttet «bem hohcn säulenragenden Gewölbe der Kirche, Fluthen dämmrigcn Lichtes erfüllten den Raum, von oben hallte ein donnerartigcs Dröhnen hernieder, gemischt mit weichen, schmelzenden Flötentönen, die mit dem Gesänge menschlicher Stimmen sich verwoben. Sie sangen wohl irgend ein Lied. Vor ihm stand der Geistliche. Er sprach offenbar etwas, denn seine Lippen bewegten sich; er aber verstand nichts, fein Hirn war wie ausgetrocknet und die Augen stierten auf eitlen funkelnden Stein in der Tiara des Printers. Dann hieß man ihn niederknieen und er fühlte plötzlich eine Traufe über sich herniederrieseln. Wiederum donnerte die Orgel und vielstimmiger Gesang erbrauste. Der Geistliche neigte sich zu ihm nieder und sagte eine Formel her, die er mechanisch Wort für Wort nachsprach, ohne ihre Bedeutung zu begreifen. Dann fühlte er sich an beiden Armen ersaßt und fortgeftthrt, während lausend Blicke auf ihn gerichtet waren. . . Das also war es. So war er ein Anderer geworden. Ein Abgrund gähnte zwischen ihm und seiner Vergangenheit. Noch war keine Stunde vorüber, und doch schien es ihm, als läge eine Ewigkeit dazwischen. Die letzten beiden Wochen hatte er in unaufhörlicher, fieberhafter Aufregung durchlebt. Er kam aus dem Taumel gar nicht heraus. Von allen Seiten stürmte es auf ihn ein. Die besten Freunde, alle, mit denen ihn langjähriges vereintes Leben und Schaffen verband, ja, die eigene Frau — alle hatten sich verschworen, seinen Widerstand zu brechen. Und es gab ein unaufhörliches Flüstern und Raunen, damit die alte, blinde Mutter in ihrem Lehnstuhl ja nichts gewahr werde. . . Stück für Stück fühlte er seine Kräfte dahinschwinden unter dem allseitigen Drängen bis seine Spannkraft gebrochen war und er alles mit sich geschehen ließ. Und nun war Alles vorüber, und ihn überkam die Empfindung, als hätte sich jählings hinter ihm ein Thor geschloffen, oder ein unübersteigbares Gebirge aufgelhürmt. Zuweilen erfaßte ihn eine Art Schwindel, wie einen, der plötzlich von einer Höhe herabstürzt und unwiderstehlich niedergeriffen wird, unrettbar, von einer unsichtbaren Macht. Es gab keine Rückkehr. Ein heißer Schmerz wogte in ihm aus und übcrfluthete wie eine Welle sein Herz, stieg ihm sengend zu Kopse und ergoß sich dann in glühender Röthe über sein Antlitz. Die Sohlen brannten unter seinen Füßen, und er fühlte wieder seine Brust, wie mit eisernen Klaminern gepreßt. Jetzt peinigte ihn die tiefe Stille, in der er das Hämmern seines Herzens und seiner Schläfen vernahm. Lärm, Getöse das Getünunel des Lebens, das war es, wonach er in diesem Augenblicke heftiges Verlangen trug. Er begann iin Gehen mit schweren Schritten den Boden zu stampfen, seine Brust rang nach Athem und die Hände streckten sich ins Leere, gleichsam nach einer Stütze suchend. Aber lautlos still blieb Alles ringsum, nur im Westen verglühte die Sonne in einem Feuermeer und vom Himmel herab senkten sich dunkle Schatten auf die Erde. Die Natur schien einzuschlummern, zu versinken und er blieb allein zurück mit feister Pein. Wie von Furien gehetzt, bog er in einen Seitenweg und stürmte querfeldein. An einer Quelle hockte er nieder, schöpfte eine Hand voll Wasser und benetzte Stirn und Schläfen. Das kühlende Naß that ihm wohl und ein schwerer Seufzer hob seine Brilst. Dann richtete er sich mühsam auf. Etwas wie Besänftigung überkam ihn. Er hob den Kopf und blickte sich um. Die Abendschatten waren über die ganze Erde gelagert. Im Westen, abseits von der untergehenden Sonne, zeigte 'ich eine emporziehende Wolke, deren oberer Saum wie flüssiges Gold erglänzte; im Innern war sie violett, mit einem dusteren Schimmer umwoben und

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