Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 17-18 (3.3.1897)
- Date
- 1897-03-03
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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Neuerungssucht kein Gefühl. Und was er für daS Allgemeine nicht etnzuführen vermochte, brachte er auf einem anderen Wege in Aufnahme. In Anwesenheit von mehr Christen als Juden wurdew) sein auf eigene Kosten in Seesen erbauter kleiner Tempel^) eingeweiht. Hier hörte man ein; ekann also die Konfirmation hier keine Bestätigung sein, indem das Judenthum bet den von israelitischen Eltern abstammenden Kindern ein Sein im Bunde, keine Aufnahme oder Eintreten in denselben statuirt." „Nicht der Eintritt in den Bund, sondern das Eintreten in die Gemeinschaft der erwachsenen und pflichtigen Israeliten bedeutet unsere Confirmation." — Und trotz dieser besseren Ueberzeugung, welche er auch in seinem Religionsb. p. 3 zum Ausdruck brachte, hat er aus praktischen Rücksichten und Motiven der Confirmation Thür und Thor geöffnet. — Und als einen Jünger Pestalozzis die Lust anwandelte, an den Revenüen diese- „Geschäftes" zu participiren, da legte er sein Brto dagegen ein und reclamirte die Effectuirung der Confirm. und Benutzung dieser Einnahmsquelle für sich allein. — Dieführte zu Reibungen und war mit ein Grund zur unfreiwilligen Abdankung Stein's. (S. B. Eh. 269/61). — Hierauf bezugnehmend erschien im Jsr. 123/61 eine Relation snd Motto:?D3n byis nn D’tcny tu pncrn? rrroan "Don n (n"£ o^j? nuTD) in welcher u. A. gesagt wird: „Wir wissen, daß die Reformer den Eclat und religiösen Pomp nicht entbehren können; diese find das Linsengericht, um welcher sie und ihre Gemeinden die Erstgeburt verkauft haben. Wir wollen hier gar nicht davon reden, daß das ganze Confirmationspuppenspiel, daS für eine Komödie zu ernst, und für Ernst zu viel Komöd ie ist, im Judenthum nimmer Wurzel hat, noch fassen wird. Das ConfirmationSwesen wird noch eine lange Zeit Modesache bleiben, und wieder verschwinden, wenn daS Aesthetisch-Schöne, und das Süß-Rührende erst Gewohnheit geworden und Gleichgiltigkeit erzeugt. Gesundes, kräftiges Brod wird der Mensch nie müde; doch Confect und Marzipan kann er sich endlich zuwider essen." 73) Am 17. Juli 1810, s. Sulam. a. a. D. p. 298—317. 74) S. den „Synagogen und Tempel" überschriebenen Artikel in WertheimerS Jahrb. f. Israel. 3615, p. 153 f. — woselbst der Verfasser (Dr. I. Goldenthal, geb. 29. März 1815, gest. 27. Dezemb. 1868) die etymologische Bedeutung der Bezeichnung „Tempel" definirt, und nicht in Abrede stellen kann, daß der Name Tempel als von Hause aus oppositionell gegen den Namen Synogoge gedacht ist. — Bezeichnend sind auch die Worte, welche Heinrich Heine im Januar 1844 von Hamburg in seinem „Wintermärchen" schrieb: „Die Juden theilen sich wieder ein In zwei verschied'ne Parteien; Die Alten geh'n in die Synagog', Und in den Tempel die Neuen " Der pseudonyme „Bar Amithai" (F. b. Jos. Johlsohn, geb. 1777, gest. 13. Juni 1851) ein Wortführer der Reformfreunde" (s. w. u. Note 194—196) schreibt (1843 „Ueber die Beschnedung rc." u. A): „ . . . in der That halten wir e» in unserer Zeit für hohe Pflicht eines jeden Rabbiners oder Predigers, mit aller Kraft des Wortes dahin zu wirken, daß wenigsten- (!) während des Gottesdienstes, es sei in der Synagoge oder im Tempel, die BerufSgeschLfte nach außen (!) völlig ruhen". I \ R. Sal. Wolf Dr. Klein (grb. 1814, gest. lOHNov. zuerst die Töne der Orgel*) in der Sy« 1867) Obrrrabbiner und Consistorialprästdent des Distriktes Colmar hat unterm 6. Octob. 1856 ein Rundschreiben erlassen, in welchem er die Umgestaltung der Synagogen in „Tempeln" seiner scharfen Kritik unterzog, und schloß mit folgenden Worten: „Traurige Täuschung! Trügerische Hoffnung! Die Menge wird vielleicht für einen Augenblick dort (in den reformirten „Tempeln") erscheinen, wäre eS auch nur um die Neuheit des Schauspiels zu genießen; bald aber wird wieder die Macht der Gewohnheit die Oberhand gewinnen, und man dann zu spät gezwungen sein, nicht nur die Unwirksamkeit, sondern auch die Gefährlichkeit des Mittels anzuerkennen. Denn diese Veränderungen (im Gottesdienste) werden eben so viel Merkstäbe, die zu anderen Aenderungen führen und so kommt man dann von Ruin zu Ruin, bis man einen Zustand erreicht, der nichts mehr mit der Religion gemein hat. Wir haben es daher für unsere gemessene Pflicht erachtet, diese Maßregeln mit der ganzen Kraft unserer Ueberzeugung zurückzuweisen." Daniel Pillitz fgest. 20. Oktob. 1895] (der Vorgänger L Löw'S in Szegedin) äußert sich in seiner Schrift „Zur Schulfrage" p. 14 . . . „Weil aber jene Hebung der Andacht, welche durch die Verschönerung des Gottesdienstes erzielt wird, gleichsam eine künstliche oder vielmehr erkünstelte zu sein pflegt, so dauert deren Wirkung auch nur so lange jene Verschönerung den Reiz der Neuheit für sich hat. So stehen die sogenannten „Tempel," die vor einigen Jahren von mancher Seite als der einzige Rettungsanker der öffentlichen Andacht betrachtet wurden, heute ebenso (?!) leer als früher die Synagogen, welche von ihnen verdrängt wurden. — Zugleich hat es der praktische Volkssinn bald herausgefühlt, daß diese „Geschmackssache" sehr kostspielig und die Gemeindekasse häufig mit argem Zerwürfniß bedroht. Man ließ sich dieses jedoch gefallen, so lange das Neugeschaffene, vermöge seiner Neuheit noch einige Anziehungskraft äußerte; sobald aber dieses nicht mehr der Fall war, kehrte man sachte zum Alten zurück, als wäre gar nichts vorgefallen. Wo aber diese Verschönerungslust zugleich mit dem Streben nach prinzipieller Reform auftrat, da galt es sofort einen Kamvf mit den Konservativen, in welchem die Reformpartei unterliegen mußte." Und dennoch, war es L. Löw, dem Herausgeber der frühentschlafenen ..Nsgyar-^sinagoga", ganz unbegreiflich, warum die Wiener isr. Gemeinde ihre Gotteshäuser nicht mit dem uralten historischen Namen „Synagoge" bezeichnet;" (B. Ch. I., 327) und konsequent nannte er auch den am 7. Aug. 1861 von ihm eingeweihten Reformtempel zu Großwardrin: .,A I1. v;ivadi magy.-zvidü köz^ey zsinagogäja“ (s. dessen PKOö TJH). Aehnliche Schrullen hatte auch der deutsche Reformritter L. Stein. In seiner aus erbärmlichen Stoßseufzern zusammengeschweißten 40 Pf.-Flugschrift „Mein Dienstverhältniß" rc. p. 31 seufzt er auf: „Man sehe sich nur an Sabbatmorgen unsere neue herrliche Synagoge (!) während der Predigt an, wie verödet die Raume sind — keine Männer, keine Jünglinge und keine Knaben!" — (Conform äußerte sich der Hamburger berühmte Reform- Prediger G. Salomon.) — Solch naive Geständnisse sind sehr charakteristisch, doch weit tragikomischer ist folgende Episode aus dem Berufsleben eines Reformpredigers, der einer noch ziemlich konservativen Gemeinde von einigen reformfreundlichen Despoten aufoctroyirt wurde. Während einer langathmigen und phrasenreichen „Predigt" lichteten *) Den Charakter dieser exotischen Treibhauspflanze der Reform werde,ich demnächst s. g. w., in einer separaten Abhandlung historisch beleuchten.