Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 17-18 (3.3.1897)
- Date
- 1897-03-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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328 Durchschnittssterbeziffer im Ghetto nicht größer war, als bei den unter günstigeren Verhältnissen lebenden Christen, und das Familienleben der Juden, dieser Zusammendrängung der Bevölkerung und dieser Aufdrängung der Prostitution ungeachtet, sich auffällig unbefleckt erhalten und durch kernhafte Tüchtigkeit vcr Lockerung und Verfall bewahrt hat. Der bekannte englische Spruch: „Marriages are made in Heaven“ kommt vom Talmud her, der eine Menge sinnverwandter Sätze enthält, die auch in der rabbinischen Lehre von der Ehe betont und eingeschärft wurden und sich im Leben mehr oder weniger geltend machten. „Nicht Geld, sondern Charakter ist des Weibes beste Mitgift", sagte ein namhafter Rabbi, und darnach zu handeln, war inan iw Allgemeinen bestrebt. Ungemein anziehend und belehrend sind die Kapitel über Liebe und Liebeswerbung, über Eheftiftungen und Eheschließungen, Kindererziehung, Behandlung der Dienstboten, Gastfreundschaft, Feste und Fasten, Hochzeitsschmäuse und -Gedichte, die Würdigung und Werthschätzung der Frauen u. dgl. m. Mädchen wurden häufig unter die Haube gebracht, ehe sie die Kinderschuhe ausgezogen hatten. In einem jüdischen Gesetzbuch steht die folgende Vorschrift: „Es ist die Pflicht eines jeglichen Juden, in seinem achtzehnten Jahre zu heirathen; nimmt er ein Weib noch früher, so ist sein Betragen desto löblicher; aber keiner sollte sich vor dem dreizehnten Jahre verheirathen." Im Mittelalter, namentlich nach dem zwölften Jahrhundert, traten die meisten Mädchen vor dem zwölften Lebensjahre in den Ehestand. Solche Kinderehen kamen jedoch nicht nur bei Juden und im Morgenlande, sondern auch bei Christen in Europa vor; aber Herr Abrahams irrt sich, wenn er behauptet, die heilige Elisabeth von Ungarn sei als vierjähriges Kind mit dem elfjährigen Ludwig, Erblandgraf von Thüringen, vermählt; sie wurde in diesem Alter mit dem Knaben verlobt und nach der Wartburg geführt, aber die Trauung fand erst zehn Jahre später statt. Ueber die Geiverbe, Handelsthätigkeit und sonstige Beschäftigungen der Juden, ihren Widerwillen gegen das Theater und auch zum Theil gegen Musikaufführungel', die lustigen, im siebenzehnten Jahrhundert besonders beliebten Purimspiele und die ernsteren, im Hebräischen verfaßten Dramen, über Putzsucht, Kleiderordnungen, Aufwandgesetze und Absonderungszeichen, Erziehungswesen und Cultur, Wohlihätigkeitsanftalten, Armen- und Krankenpflege, und mittelalterliche Belustigungen im Freien und im Hause wird ausführlich berichtet. Zum Schlußwerden die trotz aller antisemitischen Verordnungen und Vorurtherle oft sehr herzlichen persönlichen Beziehungen zwischen geistesverwandten Christen und Juden erwähnt, von denen die innige Freundschaft zwischen Dante und seinen! Bewunderer und Nachahmer, Immanuel zu Rom, ein ausgezeichnetes Beispiel liefert. Herr Abrahams hat sein vortreffliches Buch mit einer langen Lifte von hebräischen Quellenschriften und einem guten Register versehen und die Brauchbarkeit deffelben dadurch bedeutend erhöht. (Nation.) Zeitungsnachrichten und Correspoudenzen. Deutschland. Berlin, 23. Februar. Die Zahl der Juden auf der Erde berechnet Profeffor Lexis in Göttingen aus 7 408 000 Seelen. Etwas über eine halbe Million Juden wohnt in Deutschland. Auf 10 000 Einwohner kommen in Rumänien 794, in Oesterreich 478, in Ungarn 418, in Rußland 317, in den Niederlanden 216, in der Türkei 143, in Deutschband 112, in Bulgarien und Ostrumelien 76, in Frankreich 16, in Italien 13, in Großbritannien 12 Juden. Aus der Provinz Posen, 2. März. Aus der „Löbel-Joel-Halberstadtschen" Stiftung zu Liffa i. P. gelangen in diesen Tagen größere Beträge zur Vertheilung und zwar: Miethsbeihilfen an fünf Personen, deren Würdigkeit durch den Rabbiner zu bescheinigen ist, eine größere Summe an einen in Dürftigkeit geratheuen Mann und eine solche an eine arme jüdische Wittwe. Wir müffen hierbei auf das in jüngster Zeit des öfteren in unseren kleineren Prooinzialgemeinden vorkommende, beklagenswerthe Verfahren wohlhabender Gemeindemitglieder Hinweisen, die den Gemeinde-Verwaltungen Mühe, Zeit und Aufwand verursachen, indem sie denselben Legate einzig zum Zwecke der Abhaltung einer rituellen Gedenkfeier (Kadisch) hinterlaffen. Es kann daher obige Stiftung bezüglich ihrer Tendenz Vielen als nachahmenswürdiges Beispiel dienen. — Die Königliche Regierung zu Posen hat gemäß dem Anträge der Synagogen-Gemeinde Schwersenz in Folge steter Abnahtne der Mitgliederzahl derselben endlich die Reduzierung des bisher aus 5 Mitgliedern bestehenden Vorstandskollegiums auf 3 und des Repräsenianten-Collegiums von 15 auf 9 genehmigt. — Vor einigen Tagen beging zu Posen der Verein „Ansclie Chesed“ im festlich öecorirten Saale des Hotel Keiler die Feier seines 50jährigen Bestehens. Herr Rabbiner Dr. Feilchenseld hielt die Festrede, in der er besonders die Verdienste und die Wohlthätigkeit des Vereins hervorhob. Hieran schloß sich ein Festesten, an welchem ein großer Theil der Gemeindemitglieder theilnahm. — In den Literatur-Vereinen zu Colmar sprach Rabbiner Dr. Richter aus Filehne über „Jochanan ben Sakkai ', in Ostrowo Herr Dr. Brody aus Berlin über „Juda ben Salomon Alcharisi", nachdem kurz vorher der Gemeinde-Rabbiner