Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 17-18 (3.3.1897)
- Date
- 1897-03-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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XXTÜI, Jahrgang. Erste Beilage M M17 & 18 öes „Israelit' . Leitender Artikel. Die Juden im Aiittelnlter. Von E. P. Evans. Unter dem Ausdruck „Mittelalter"' versteht man qemöhnlich den tausendjährigen Zeitraum zwischen dem Untergang des Weströmischen Reiches (476) und der Entdeckung Amerikas (1492). An diese Grenzpunkle kann man sich jedoch nicht festhalten, da das Wort außerdem eine sittliche Bedeutung hat und nicht bloß eine b stimmte Epoche, sondern auch eine gewisse Stufe der geistigen Entwicklun j, der Rechtspflege und der allgemeinen Civilisation bezeichnet. Das heutige Rußland ist in mancher Beziehung weder kirchlich noch politisch über mittelalterliche Zustände hinaus: namentlich tragen die dortigen Bedrückungen der Juden alle Merkmale des finsteren Zeitalters, in dem das Leben und Eigenthum der Staatsangehörigen der willkürlichen und unumschränkten Gewalt und den zufälligen Launen des Herrschers ohne jeden rechtlichen Schutz ausgesetzt wurden. Neulich hat der Correspondent einer englichen Zeitung aus Odessa berichtet, daß dank dem großmülhigen und theilnehmenden Wes.n drr jungen Zarin die russisch-israelitische Frage eine für die bisher so arg Verfolgten glücklichere Wendung zu nehmen scheint. Diese edle Gesinnung macht der Gattin des Autokraten alle Ehre; aber was sollte man von einem Regierungssystem denken, unter welchem das Glück oder Unglück einer großen Menschenklasse von der Gunst oder Ungunst einer einzigen Perso r abhängig sei? Hier haben wir eine Fortsetzung mittelalterlicher Verhältnisse: Die Juden werden als Staatseigenthum oder als das beweglich Vermögen des Kaisers behandelt und dementsprechend geschützt oder geschont oder nach Belieben vernichtet; von unveräußerlichen Menschen- und allgemein anerkannten Bürgerrechten ist dabei keine Rede. Ein Buch nun, das die Geschichte der Juden innerhalb des oben angegebenen Zeitraumes eingehend behandelt, ist soeben in London erschienen.*) Es bildet den ersten Band der neulich angekündigten und von Joseph Jacobs herausgebenen „Jewish Library". Es beruht aus gründlichen Forschungen und 'schildert in lebendiger Darstellung und mit rein sachlicher Auffassung das Leben der Juden im Mittelalter und liefert einen äußerst werthvollen Beitrag zur europäischen Kulturgeschichte. Der Mittelpunkt des g sellfchaftlichen und ge- *) Jewish Life in the Middle Ages by Isreal Abrahams, M. A. London. 1896. Macmillian & Oo. I schaftlichen sowohl, als des geistigen und religiösen Lebens der Juden im Mittelalter war die Synagoge, die der Bedeutung des Wortes entsprechend zum Versammlung- (Keneseth) und Beratlmngsort der Gemeinde diente. Diese Tendenz wurde durch die christliche Unduldsamkeit, welche die Synagoge als ihren gottesdienstlichen Zweck überlebende und deßhalb vollständig unberechtigte Nebenbuhlerin der Kirche mit feindlichen Augen betrachtete, noch gestärkt, und h t erst gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts mit der durch die französische Revolution bewirkten politischen Emancipation der Juden nachgelassen. In dein ersten und zweiten Kapitel wird eine eingehende und sehr anschauliche Schilderung dieser Verhältnisse gegeben und die hohe Bedeutung der Synagoge für das Gemeindeleben hervorgehoben und autzeinandergesetzt. Darauf folgen interessante Abschnitte über die Kommunalorganisation und Angelegenheiten im Allgemeinen, über die Stellung, Bildung und Amtspflichten der Rabbiner, über die rabbinifchen Synoden, über die Beschaffenheit und Tragweite der von ihnen gefaßten Beschlüsse, und namentlich über die Entstehung und Entwicklung des Ghettos, der zuerst zum Schutz und nicht zur Strafe der Insassen errichtet und von diesen öfters als ein Recht gefordert wurde. Im Laufe des fünfzehnten Jahrhunderts hörte jedoch der Ghetto auf eine Schutzwehr zu fein und wurde ausschließlich als ein Pestort angesehen, wo die Juden beständig unter Quarantäne gelegt, oder als ein Verließ, in welchem sie eingesperrt wurden und stets zu finden wären, allemal wenn der fanatissrte Pöbel nach ihrem Blute lüstete. Enge, dunkele Straßen, hohe Häuser, feuchte und finstere Wohnungen und die damit verbundenen gesundheitlichen Zustände kennzeichnetensämmtliche mittelalterliche Städte und der Ghetto war anfangs nicht schlimmer daran als andere Staditheile; aber in der Regel wurden die Grenzen des Judenviertels mit der Zunahme der Bevölkerung nicht erweitert. Es kam z. B. in Rom vor, daß 10,000 Menschen auf weniger als einem Quadratkilometer zufammengedrängt wurden und sehr häufig mußten mehrere Familien dasselbe Zimmer bewohnen. Diese fast unerträgliche Lage wurde durch den jährlichen Austritt des Tibers, der den Ghetto überschwemmte und in einen Sumpf verwandelte, noch verhängnißvoller gemacht. In einigen Städten verlegte man sogar die Bordelle nach dem Ghetto, um ihn noch mehr in Verruf zu bringen. Den Juden wurde es auch in vielen Fällen verboten, sich in den Flüssen zu baden, welche die Christen zu gleichem Zwecke benutzten. Es dient als ein vorzügliches Zeugniß von der Reinlichkeit und strengen Sittlichkeit der Juden, daß trotz aller derartigen Uebelstände die