Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 16 (25.2.1897)
- Date
- 1897-02-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448705-2448722--43451-2492501- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
300 Kann z. B., wenn die großartige, weitschauende Wirksamkeit eines Samson Raphael Hirsch, wenngleich nur in flüchtiger Skizzirung, dem Blicke vergegenwärtigt worden, wohl noch im Ernste von einer „Patricierg^.-nwinde" und von „Concessionen" an ihren Geschmack geredet werden, wie sich das in dem Phantasiegebilde des Herrn Verfaffers abspiegelt? Wenn das jüngst verstorbene langjährige Mitglied unseres Vorstands — dessen Beziehungen zu der Wirksamkeit S. R. H.'s übrigens eine andere Form hatten als damals in diesen Bl. dargestellt wurde — in seinen unlängst veröffentlichten Erinnerungen erzählt, er sei unter seinen Altersgenoffen in Frankfurt der Einzige gewesen, der noch Thefillin gelegt habe — zeigt dieser Zug nicht beredter als jede Schilderung, wer überhaupt der Restaurator des Judenthums in Frankfurt und wer der geistige Gründer der Religionsgesellschaft gewesen ist? Da sollte S. R. H. aus irgend einem Grunde principwidrige Concessionen gemacht haben? Samson Raphael Hirsch und-Concessionen?! Mit der Einführung des Chorgesanges in die Synagoge der Religionsgesellschaft — einer „Concession" nach dem Dafürhalten des Herrn Verf. — hat er etwas gethan, was er bereits mehr als zwanzig Jahre zuvor in Oldenburg begonnen und in Emden fortgesetzt hatte. In Oldenburg war er sogar persönlich bei der Einübung der Gesänge und Responsen gegenwärtig und thätig und ebenso führte er in Emden einen Synagogenchor ein. Und Emden war eine „Patriciergemeinde", in der eine von S. R. H. gegründete, noch jetzt blühende, Vorschußcasse dadurch unendlich segensreich wirkte, daß sie einem großen Theile der hochachtbaren, jedoch damals in sehr precärer Lage befindlichen Gemeindeglieder durch Darlehen von einigen Thalern die Mittel gewährte, sich ihren Lebensunterhalt zu gewinnen. — Auch „Ornat und Bäffchen" hatte er bereits in diesen „Patriciergemeinden" angelegt. Selbstverständlich nahm S. R. H. auf die besonderen Bedürfnisse seines Wirkungskreises jederzeit gebührend Rücksicht. Aber wie? Da wurde nicht etwaigen Wünschen und Neigungen „concedirend" Rechnung getragen: vorhandene Mißbräuche stellte er nach Kräften ab, irrthümlichen Auffassungen und Anschauungen trat er entgegen. Das Grundprincip seiner ganzen Lebensarbeit war ja: -p-i cy n*nn Tefa hb\ Nun, in Nicolsburg, wo das Thorastudium als erste und heiligste Pflicht in weiten Kreisen anerkannt war, wo jedoch noch vielfach Mißtrauen gegen die allgemeine Bildung herrschte, betonte er in seinen Predigten von jenem Grundsätze häufig die Bedeutung und Wichtigkeit des zweiten Gliedes, nämlich der recht begriffenen allgemeinen Bildung; in Frankfurt aber, angesichts der allgemeinen Strömung, betonte er mit aller Eindringlichkeit vor Allem das erste Glied des Satzes, die Heiligkeit und Wichtigkeit des Thoraftudiums. So zog er alle Kreise, die sich seiner Führung anvertraut hatten, in den Bereich seiner Grundsätze und wirkte allem entgegen, was er als irrig oder schädlich erkannte. So trat er z. B. — über einen hieher gehörigen Punkt befindet sich die Darstellung am Ende des mit II überschriebenen Artikels der bekannten Serie in crassem Mißverhältnisse zur Wahrheit — Veranstaltungen, die er glaubte mißbilligen zu sollen, mit aller Entschiedenheit entgegen. Ja, im Gedanken an eine spätere Zukunft ließ er sich von dem Schreiber dieser Zeilen geloben, nöthigen Falls nach seinem Heimgange in seinem Nanren und Auftrag in demselben Sinne das sbmahnende Wort an die Gemeinde zu richten. Und wenn nun der Herr Verf. es nicht verschmäht, in seinen gegen die Schöpfung Samson Raphael Hirsch's gerichteten Angriffen auch meiner Person zu gedenken und ein „peinliches Verhältniß" mit Behagen auszunutzen, so sei es hier gesagt, daß der Schreiber dieser Zeilen jeden Versuch, Entstehung und Fortdauer desselben auf ihn zurückzuführen, mit Entrüstung zurückweist. Wie S. R. H. so, bei aller Milde seines Charakters, mit unerschütterlicher Festigkeit seinem principiellen Standpunkte treu blieb, so zeigt sich dieselbe Einheitlichkeit seines Wesens auch darin, daß er keine inneren Wandlungen durchzumachen hatte, um zu diesem Standpunkte zu gelangen. Die Ueberzeugung des Zwanzigjährigen, da er die Universität bezog, war dieselbe, die ihn sein ganzes Leben hindurch beseelt hat. Das zeigen in schöner Weise die interessanten Aufzeichnungen seines, auf ganz anderem Boden stehenden, Studiengenossen Abraham Geiger aus den Tagen ihres Zusammenseins in Bonn. (Nachgelassene Schriften. 5. Band, S. 18 f.) Er erzählt von S. R. H., daß derselbe großen Einfluß auf ihn habe, sein Umgang sei ihm sehr nützlich und genußreich geworden. Sie hätten zusammen einen Nednerverein gegründet, in welchem H. am 12. December 1820 die erste Rede gehalten habe, die dann später von G. rccensirt wurde. „Wir hatten einen sehr langen Streit, in welchem ich seine außerordentliche Beredtsamkeit, seinen Scharfsinn, sein klares und schnelles Erfassen kennen und bewundern lernte; aber dieser Streit brachte uns nicht näher, da auch zuweilen die religiöse Seite berührt wurve, wobei ich, obgleich ich mich hierüber nur immer vom Standpunkte der jüdischen Religion aussprach, seiner Auffassung nicht selten durch die meinige nahe treten mußte." Doch hätten sie sich einander immer mehr genähert, z. Th. auch dadurch, daß sie im Winter