Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 15 (22.2.1897)
- Date
- 1897-02-22
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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T '■'^•7 .-*•••»!T3k^r^*‘ 293 Kempen i. P., 14. Februar. Ein jüdischer Mann aus russisch Polen wurde hier beim Betteln von der Polizei betroffen, weswegen ihn das Schöffengericht zu 6 Monaten ins Arbeitshaus nach Bojanowo verurtheilte. Der Rabbiner Dr. Münz verwandte sich für ihn bei der zuständigen Behörde um Erlaß der Strafe, worauf diese dem besagten jüdischen Mann vier Monate von der bereits angetretenen Strafe schenkte. Derselbe mußte aber sofort die Reise nach seinem Heimatsorte vornehmen. — Dieser Fall war die Veranlassung, daß sich ein Verein unter den hiesigen jüdischen Mitbürgern bildete, der allen von Auswärts hierherkommenden Armen, die in drei Kategorien eingetheilt werden, eine Unterstützung von 1-50 bis 10 Mk. gewährt. Würzvurg. Herr Distrikts-Rabbiner Nathan Bamberg er erließ wie alljährlich an zahlreiche Gemeinden Bayerns, sowie auch außerhalb Bayerns nachfolgenden Ausruf: „Die Lage unserer Glaubensgenossen im heil. Lande ist eine derartig bedauernswerthe, daß dieselben stets auf die Unterstützung vom Auslande angewiesen finb. Run rückt die Peßach-Zeit heran, welche es uns zu ganz besonderer Pflicht macht, diesen Armen im veil. Lande zur Deckung ihres M azzo s-Bedarfs zur Seite zu steh:u. Ich stelle daher die höfliche uno dringende Bitte an Sie, eine Sammlung zu Mazzos in Ihrer Genieinde vornehmen zu wollen, und das Ergebniß baldigst anher einzuschicken, damit diese Spenden rechtzeitig ihrer Bestimmung zugeführt werden können, woraus die öffentliche Rechnungsablage erfolgt." Aus Baden. Soeben erhielten wir einen Einbl ck in den dreizehnten Rechenschaftsbericht des im Jahre 1882 gegründeten Pensionsfond für isr. Lehrer, Cantoren und deren Relikten im Großherzogthum Baden. Ungeachtet des kurzen Bestehens des Vereins verfügt dieser über ein Kapitalvermögen von mehr als 32,000 M., was in erster Reihe dem Wohlwollen von vielen passiven- und Ehrenmitgliedern und dann dem Umstande zuzuschreiben ist, daß nach den Statuten die Unterstützungsthätigkeit, mit Ausnahme von dringenden Fällen mit vorübergehender Unterstützung auf Beschluß des Verwaltungsraths erst dann beginnen solle, wenn die Zinsen des Grundstocks mindestens 2000 M. betragen. So löblich die Absicht ist, erst dann die Wohlthaten des Vereins zu gewähren, wenn dieser mit Dauer und Kraft zu wirken im Stande ist, so hat diese Bestimmung dennoch ihre großen Schattenseiten. Denn, wenn das Vermögen in den nächsten Jahren auch in der gleichen Weise zunimmt, wie bisher, so bedarf es mindestens noch eines Jahrzents bis die satzungsgemäße Unterstützung an alte, dienstunfähige oder durch Krankheit ihrer Stelle verlustig gewordene Lehrer und Cantoren oder ihres Ernährers beraubten Wittwen gereicht werden kann. Es ist mehr als Großmuth, es ist Selbstverleugnung, für ein kräftiges, jüngeres Geschlecht zu sorgen, während die Mitglieder und deren Relikten, die mit aller Thatkraft zum Erstarken des Vereins gearbeitet haben, mit der Hoffnung auf baldige Erreichung des Zieles viele Jahre warten müssen, ja unter menschlichen Verhältnissen dieses Ziel gar nicht erreichen können. Wäre da der Vorschlag nicht bester, wenn jetzt schon ein Theil der jährlichen laufenden Einnahmen zu Unterstützungen verwendet werden könnten? Wenn von den jährlichen Einnahmen mit 3000 M. nach den jetzigen Anforderungen an den Verein nur etwa 500 M. entnommen werden, so wäre manchem wohlgethan und man könnte dennoch einen beträchtlichen Theil dem Grundstöcke zuschlagen. Bei den steigernden Anforderungen ist, das gestehen wir zu, ein verzinsliches Kapitalvermögen nothwendig. Im Uebrigen rufen mir dem Verein das 221: nb» zu. W. Straßburg i. <&.♦, 12. Febr. Heute fand hier, unter dem Vorsitz des Redacteurs Reuth er aus Karlsruhe eine sogenannte Versammlung der deutschsozialen Reformpartei statt, die von 50—60 Personen besucht war. Die Ausführungen des Vorsitzenden Redners waren nichts als eine Wiederholung der in verschiedenen badischen Orten schon zu dutzendmal gehörten und gelesenen antisemitischen Reden, für welche die meisten elsäffer Bürger nur ein Gefühl der höchsten Verachtung und des tiefsten Abscheus haben. Er begann mit der Prophezeiung einer großen Zukunft seiner Partei auch in Elsaß- Lothringen und sprang dann vom hochpolitischen zum hausirenden Kleiderjuden ab, das Ganze war ein geschmackloses Abscheu erregendes xwle-niöle. Man hörte nichts als Klagen über den durch die Juden verschuldeten Untergang des Handwerkerstandes, über die Verjudung der Anwälte, der Preffe, von der die Juden mindestens den vierten Theil inne hätten, über das ungerechte Besteuerungssystem u. s. w. Zum Schluffe schilderte er noch die Carriere des Juden vom Trödler bis zum Kommerzienrath. Die kleine Zuhörerschaft, die von den jüdischen Bürgern des Reichslandes eine beffere Meinung haben, als der Karlsruher Redacteur, lohnten das dumme Gerede des badischen Redners mit einem stürmisch lang anhaltenden Mißfallsausbruch. Dammerkirch i. E., 10. Febr. Ein Knecht Alois Zwerder aus Mutathal (Schweiz), welcher etwa sechs Wochen lang bis zum 22. September v. I. hier bei dem Pächter Herrn Hirsch im Dienst stand und an diesem Tage entlassen worden war, suchte in der seiner Entlassung folgenden Nacht nochmals heimlich seine bisherige Schlafstelle auf. Dort fand er