Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 15 (22.2.1897)
- Date
- 1897-02-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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285 einer kleinen Stadt, Sabel in, an. Die Stelle trug ihm 75 Kopeken die Woche ein. Wenn ihm der Mangel und die Entbehrungen seiner Familie zu nahe gingen, ohne daß er den Mißständen abhelfen konnte, so hatte er ein probates Mittel, alle Armseligkeit seiner Lage zu vergeffen. Er setzte sich mit seiner Gemoro, das Gesicht zur Wand und den Rücken der ganzen Welt mit ihrem Jammer zugewandt und lernte, lernte ohne Unterbrechung 20 Stunden hintereinander und vergaß so unter dem Joche der Thora das Joch des Lebens mit seinen Alltagssorgen. Wie es ihm mit Gottes sichtlichem Beistand dann doch im Laufe der Jahre gelang, aus diesen beengenden, drückenden Verhältnissen herauszukommen, die ihm ein wöchentliches Einkommen von einem Rubel als höchstes Ziel seiner Wünsche erscheinen ließ, wie er als Rabbmer nach Borese, Reswisch, Rowogondok und endlich nach Kowno berufen wurde, dies wird hier in so anziehender Weise geschildert, daß man es an Ort und Stelle Nachlesen muß. Seine Seelengröße, seine Vorzüge des Herzens und Geistes, seine Bescheidenheit, Anspruchslosigkeit, vor allem seine Menschen- und Friedensliebe, seine Wohlthätigkeit, sein wunderbares Gedächtniß, sein rascher, scharfer Verstand, seine zähe Ausdauer und sein rastloser Fleiß, diese und eine Reihe anderer Eigenschaften werven mit Zügen und Vorkommnissen aus diesem reichen Leben belegt, von welchen jedes einzelne seine besondere Würdigung verdient. Seinem Hellen Geiste und seinem edlen Herzen entsprechend, war die ungewöhnliche, große Wirksamkeit, welche Rabbi Jizchak Elchonon auf den verschiedensten Gebieten in geradezu staunenerregender Weise entfaltete. Wo in der weiten Welt eine complicirte, religionsgesetzliche Frage ihrer Lösung harrte, wandte man sich an den Kownoer n. Die geniale Meisterschaft, welche er auf diesem seinem eigensten, heimischsten Gebiete bekundet, bewundert der Kenner aus seinen zahlreichen Werken. Was er durch Anregungen, Aufrufen, Sammlungen für seine nothleidenden Brüder und Schwestern gethan hat, wie ihn hier sein edles Herz nicht ruhen und rasten ließ, bis er bei jeder Feuersbrunst, bei jeder Judenvertreibung, bei jeder Ealamität, die an ihn herantrat — und welche trat nicht an ihn heran? — in möglichster, ausgiebiger Weise gespendet und geholfen hatte, davon hat man einen Begriff, wenn in der vorliegenden Schrift, die von ihm für wohlthätige Zwecke gesammelten Gelder aus ein e Milli on Rubel geschätzt werden! Was er zur Befferstellung der russischen Juden, durch Abwendung verhängnißvoller Maßregeln, durch Beseitigung bereits eingetretener schwerer Verhängnisse, durch persönliche Vorstellungen, Schreiben, Reisen u. dgl. angestrebt und erreicht hat, dieses allein hätte genügt ein Menschenleben würdig auszufüllen und ihm das ewige Gedächtniß und den heißen Dank der Mit- und Nachwelt zu sichern. Zu den Verbindungen, die er zu diesem Zwecke mit hervorragenden Persönlichkeiten in aller Herren Länder unterhielt, zeugen in der vorliegenden Schrift M ttheilungen aus dem Briefwechsel des Kownoer n mit Poliakow, Baron Günzburg, AlphonS v. Rothschild, Lord Rothschild, Baron Hirsch, Grand-Rabbin Zadok Kahn u. a. — Auch der Beziehungen zwischen dem Kownoer Rabbiner und Rabbiner Hirsch in Frankfurt a. M., sowie mit Rabbiner Dr. Lehmann in Mainz wird in dieser Schrift gedacht. Die treffliche Schrift Rabbiner Hirsch's über den Talmud ist aus der Initiative Rabbi Jizchak Elchonons hervorgegangen. Sie war bestimmt hohen russischen Würdenträgern unterbreitet zu werden, um deren Voreingenommenheit gegen den Talmud und der nach seinen Anordnungen lebenden Juden zu beseitigen. Die beste Widerlegung aller Vorurtheile gegen den Talmud und die Talmudjuden ist aber unstreitig das Leben und Wirken eines Mannes, wie es Rabbi Jizchak Elchonon Spektor war, wie es in dieser seiner vorliegenden Biographie geschiloert ist. Aber der Glanz, der diese hehre Gestalt umfließt, beschränkt sich nicht auf dieselbe. Ein reicher Reflex desselben fällt auf seine Verehrer, fällt zuallernächft auf die russische Judenheit, die zu dem Kownoer n, wie Kinder zu ihrem Vater emporblickten und mit schwärmerischer Liebe und Verehrung an ihm hingen. Das ist in den letzten Tagen vor dem Hinscheiden des großen Meisters in ergreifender Weise an den Tag getreten und die Schilderung dieser Tage gehört zu dem hervorragendsten Glanzpunkt dieser Lebensschilderung. Rabbi Jizchak Elchonon, der eine gut dotirte Stelle hatte, durch dessen Hände Hunderllausende zur Linderung von Roth und Elend gingen, der für sich und seine Familie keine großen Ansprüche an das Leben stellte, R. Jzchak Elchonon starb — arm. Er hinterließ seinen Kindern nichts als seine Schriften, 38,50 Rubel seiner Frau für ihre rcirr auszuzahlen, war Gegenstand seiner angelegentlichsten letzten Sorgen! Er hatte alles an Arme und Unglückliche sortgegeben. Diejenigen, die ihn liebten und ehrten, die ihn weinend scheiden sahen und die noch heule in Wehmuth seiner gedenken, es sind Bekenner des Judenthums aller Richtungen. Aber in erster Reihe sind es doch die Talmudjuden, die in dem Heimgegangenen das Ideal ihres Lebens erblicken. In einer Zeit, die nach Besitz und Genuß hastet, in einer Zeit deren Tänze dem goldenen Kalbe gelten, in