Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 14 (18.2.1897)
- Date
- 1897-02-18
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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278 Hof an der Königstraße behielt die portugiesische Gemeinde bis 1871 in Benutzung). Ans einer amtlichen „Rolla der portugiesischen Nation" von 1612 geht hervor, daß die Zahl der portugiesischen Juden hier sich damals bereits ans 125 erwachsenen Personen belief, und daß sie meist auf dem Nödingsmarkt, dem Mönkedamm, der Herrlichkeit und besonders auf dem Dreckwall (Altewallstraße), also am damaligen Westende der Stadt, wohnten. Einige wohnten aber auch mehr im Innern; jedenfalls wurde kein Ghetto für die Juden geschaffen. — Durch mehrfache Erneuerung des ersten Aufnahmecontraetes, namentlich durch die „neue Judenordnung von 1650" wurden die ihnen auferlegten Beschränkungen gemildert und der wachsenden Zahl und Bedeutung der Portugiesen Nechnung getragen. 1627 besaßen sie bereits eine kleine Synagoge auf der Herrlichkeit, 1652 schon eine größere aus dem Dreckwall. Im letztgenannten Jahre traten sie (wie aus einem alten, portugiesisch geschriebenen Protokollbuche, dem letzten Neste der 1842 verbrannten Gemeindeaklen, hervorgeht) zuerst auch nach außenhin als jüdische Gemeinde cutf. Sie waren noch bis 1710 die einzige officiell anerkannte jüdische Gemeinde in Hamburg, wenn auch deutsche Juden (meist aus Friesland) sich schort seit der Mitte des 17. Jahrhunderts ohne ausdrückliche Erlaubniß hier aufhielten. Diese wurden (wie das erwähnte Protokollbuch lehrt) Jahrzehnte hindurch nur in der Weise hier geduldet, daß sic als „Diener der portugiesischen Nation" angemeldet waren und unter der Oberhoheit und Verantwortung der Portugiesengemeinde standen. Das Ansehen, das die Portugiesen hier genoffen, beruhte hauptsächlich auf der Bedeutung ihrer Handelsgeschäfte. Der Senat spricht ihnen noch 1710 das Verdienst zu, den „Handel auf Spanien und Portugal" hier begründet zu haben. Sie tratet! in dieser Beziehung in wirksame Konkurrenz mit den freien Niederlanden und bewirkten, daß schon in den zwanziger Jahren des 17. Jahrhunderts rund 20 pCt. aller in Hamburg auslaufenden Schiffe nach Spanien und Portugal gingen, während von dort ca. 150 Fahrzeuge jährlich in den Hamburger Hafen einliefen. Die Einfuhr erstreckte sich hauptsächlich aus Rohrzucker aus Westindien, ostindische Kattune, auch Tabak, die Ausfuhr auf rasfinirten Zucker, Getreide, rohe und gebleichte Leinwand, vlämische Tuche?c. Bekannt ist ihre Betheiligung an der Gründung der Hamburger Bank (1619), einer der drei ältesten Girobanken Europas. — Außer den Großkausteuten, zu denen die.meisten gehörten, gab es unter ihnen auch Vertreter gelehrter Berufe, insbesondere berühmte Aerzte, wie Rodrigo v. Castro. Die angesehene Stellung der Familie Texeira, besonders der große Einfluß des Hofbankiers und Residenten der Schwedeukönigiu Ehristinc, Manuel Tereira, verlieh der Gemeinde besondern Glanz. 1697 beginnt der Niedergang der Gemeinde, indem der Senat durch die Unduldsamkeit der bnrgcrschaftlichen Demokratie (die sich damals auch sonst außerordentlich viel herausnahm) zu großen Geldauflagen und sonstigen Ehicanen gegen die Portugiesen gezwungen wurde. Infolge dessen zogen viele angesehne Mitglieder der Gemeinde nach Amsterdam; andere begaben sich unter dänischen Schutz nach Altona und legten den Grund der dortigen Portugiesengemeinde, die bis vor einigen Jahren bestanden hat. Die Hamburger Portugiesengemeiude besteht, obwohl au Zahl gegen früher sehr vermindert, unter Beibehaltung der besonderen Formen ihres Gottesdienstes fort und wird, wie wir hören, 1905 das Jubelfest ihres dreihundertjährigen Bestehens feiern. Worms, 8. Febr. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur hielt Hr. Kirchenrath Dr. Kroner aus Stuttgart einen Vortrag, der sich durch Tiefe der Gedanken und durch elegante Wiedergabe anszeichnete. Das Thema lautete „Der Sieg des Prophetenthums", und ging der Vortragende davon ans, der erste Prophet, das heißt ein Mann, der habe hören und verkündigen müssen, was eine höhere Macht zu ihm gesprochen, sei der erste Mensch gewesen. Aber Adam habe Gottes Stimme mißachtet und habe der Lockung „Genieße" Gehör gegeben. Die zweite Stufe des Prophenthums sei Noah gewesen, dem die höhere Anweisung „Rette Dich" zu Theil geworden. Bei Abraham habe das erweiterte Prophetenthum bereits die Zukunft der ganzen Menschheit im Auge gebabt und mit Gott sei ein Bund geschlossen. Dann habe sich der Prophet Moses für sein Volk geopfert, er sei vor den Pharao hingctreten mit dem ernsten Worte, dieser solle das Volk frei lassen, damit es Gott dienen könne. Bei Moses trete zur Selbstlosigkeit und Kühnheit die Bescheidenheit des Prophetenthums. Samuel als 5. Stufe verband mit der Prophetie das Priesterthum und errichtete Prophetenschulen; es entsteht das Lied, der Gesang, die Rede. Elias, die höhere Entwicklung tritt sowohl gegen ungerechte Könige, wie auch gegen falsche Propheten auf. Seinen Bahnen folgt die spätere prophetische Literatur, welche immer gegen das Unrecht der Könige, gegen die kapitalistische Bedrückung des Volkes, gegen die Kriege und für einen Gott aller Völker, für den Weltfrieden eintritt. Das war der Grundzug der prophetischen Ideen. Aber sie hatten nur eine kleine Gemeinde, welche nach der Zerstörung Jerusalems, als also Königthum und Kapitalisnlus am Boden lagen, nach Babylon zog, um, yßfalmen singend, einst heimzukebren. Das wäre schon ein Sieg des Prophetentbums, aber dasselbe war noch weit siegreicher, als Christenthunl