Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 14 (18.2.1897)
- Date
- 1897-02-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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262 Cantor und der Gemeinde recitativ vorgetragen. An diese Recitation schließt eine der Bedeutung des Tages Ausdruck verleihende Festpredigt an, der dann bei geöffneter, heiliger Lade das hebräische Gebet njrtwi fm;rr für Sr. Majestät den Kaiser und den Landesfürsten folgt. Nach Beendigung dieses Gebets wird die heilige Lade geschloffen und vom Cantor und Gemeinde der Psalm 150 im Chorgesang vorgetragen, womit der Festgottesdienst schließt. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 16. Febr. Der Wahlkreis Arnswalde- Friedeberg ist durch die Nachwahlen 1892 und die Wahl von 1893 zu einer gewissen Berühmtheit gelangt. Damals war die Mehrheit der Wähler geradezu vernarrt in den „Rektor aller Deutschen", den Rektor des Vaterlandes Ahlwardt, der aus seiner traurigen Berühmtheit in Amerika jetzt ein Geschäft macht. Doch der Katzenjammer ist schnell nachgekommen. Es scheint sehr erklärlich, daß Ahlwardt sich scheut, nach Deutschland zurückzukommen. Er fürchtet jedenfalls Deputationen aus „seinem" Wahlkreise, die sich von den früheren Ovationen sehr scharf unterscheiden würden. Die Stimmung unter den früher glühendsten Anhängern ist eine geradezu erbitterte. Statt der früher festlichen Empfänge durch weißgekleidete Jungfrauen auf blumengeschmückten Wagen, Bouquetts und Kränze kann er sich heute auf weniger angenehmes „Ruhmesgemüse", wie faule Aepfel und Kartoffeln, gefaßt machen. Zur Ehre der bäuerlichen Bevölkerung in dem Wahlkreise sei es gesagt, daß sie zuerst eingesehen hat, daß sie einem großen politischen Gaukler in die Hände gefallen war. Die Kandidatur Ahlwardts ist überhaupt nur das Werk der Junker im Wahlkreise gewesen, welche ihren Besitzstand durch den immer mehr und mehr erstarkenden Liberalismus bedroht sahen und in dem Antisemitismus einen geeigneten Sturmbock gegen die Liberalen zu finden glaubten. Die Erfinder der Kandidatur Ahlwardt haben es sich damals ein schönes Stück Geld kosten lassen. Die Wahl Ahlwardts hat den Antisemiten 85,000 Mark gekostet, die zum größten Theile aus der Tasche der nothleidenden Großgrundbesitzer gefloffen sind. Der Antisemitismus ist damals übrigens für einen großen Theil der Leute, besonders aus den Städten, eine reine Geschäftssache gewesen. Die Antisemiten möchten natürlich gern den Wahlkreis bei den nächsten Wahlen — selbstverständlich mit einem andern Kandidaten — behaupten, die Abgeordneten Förster und Werner suchen das Erbe Ahlwardt für die deutsch-soziale Partei zu reiten: doch dürfen sie hiermit wenig Erfolge haben. Der Abgeordnete Ahlwardt hat die ganze antisemitische Partei, und mit Recht, zu sehr in Mißkredit gebracht. Vor einigen Jahren wurde von antisemitischer Seite versucht, einen Bauern- I verein im Wahlkreise ins Leben zu rufen. Doch I scheint es bei dem guten Willen sein Bewenden ge- I habt zu haben. Er ist selig entschlafen und Nie- I mand weint ihm eine Thräne nach. Wiesbaden, 16. Febr. Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde hatte infolge einer Eingabe von Gebäudebesitzern und Gewerbetreibenden bei der Kgl. Polizeidirektion, als der Vorgesetzten Behörde, angefragt, ob nach den bestehenden gesetzlichen Bestimmungen die Freilaffung der Realfteuerzuschläge zur israelitischen Kultussteuer zuläffig sei, und den Bescheid erhalten, daß von Seilen dieser Behörde nichts dagegen einzuwenden sei, daß es sich aber empfehle, die Ansichten der Gemeindemitglieder zu hören. Zu diesem Zweck war auf Sonntag Vormittag eine Gemeindeversammlung einberufen worden, welche von etwa 40 bis 45 Mitgliedern besucht war. — Nachdem die Versammlung durch den Vorsitzenden, Herrn Simon Heß, eröffnet und die vorerwähnten Schriftstücke verlesen waren, erstattete Herr Moritz Heimerdinger als Referent des Vorstandes Bericht über die Stellung des letzteren und betonte, daß es als eine ungehörige Belastung empfunden werde, wenn ein Haus, welches zufällig heute einem Israeliten gehöre, zur israelitischen und dasselbe Haus, wenn es morgen einem Protestanten angehöre, zur protestantischen Kirchensteuer herangezogen werde, die Häuser also gewissermaßen konfessionell würden. Der Vorstand betrachte die Zuschläge zu den Realsteuein als eine ungerechte Belastung, dagegen aber stünde denjenigen, die nur einkommensteuerpflichtig wären, das Gesetz vom 7. Jan. 1852 zur Seite, und es sei mit Rücksicht, besonders auch auf die kleineren Steuerzahler nicht wünschenSwerth, wenn unsere jetzt 40 pCt. betragende Kultussteuer in Zukunft um 17 pCt. erhöht werden müsse. Der Vorstand wolle deshalb heute die Ansicht der Gemeindemilglieder hören; seine, des Redners, persönliche Ansicht ginge dahin, die Zuschläge zur Einkommensteuer um einen nicht zu großen Prozentsatz zu erhöhen und den Realfteuerpflichtigen einen Theil zu erlassen. In der hierauf ftattfindenden Debatte wurden von beiden Seiten die Gründe für und wider zur Geltung gebracht. Während die Gebäudebesitzer und Gewerbetreibenden ihre berechtigten Beschwerden vorbrachten und die Zuschläge zur Einkommensteuer als die einzige gerechte Kultussteuer bezeichneten, wurde von anwesenden Rentnern darauf hingewiesen, daß sie in ihren Einnahmen durch Herabsinken des Zinsfußes rc. in den letzten Jahren bedeutende Einbußen erlitten hätten, daß ihnen die gesetzlichen Bestimmungen zur Seite ständen und daß gegen eine Erhöhung