Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 13 (15.2.1897)
- Date
- 1897-02-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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248 Der Vorsitzende, Professor Dr. Badt, begrüßte die zahlreich erschienenen Mitglieder und erstattete alsdann den Geschäftsbericht für das verflossene Jahr. Seit Bestehen des Verbandes sind 4/ Kinder, 35 Knaben, 12 Mädchen, in Pflege und Erziehung genommen worden. Von diesen Kindern befinden sich gegenwärtig 32, 2:4 Knaben im Alter von 5 bis 16 Jahren und 6 Mädchen von 8 bis 14 Juhren in der Obhut des Instituts. Von den entlassenen Zöglingen sind 6 den Angehörigen auf deren Wunsch, weil sie in bessere Verhältnisse gelangt sind, wiedergegeben worden. Die anderen sind dem Handwerkerbezw. kaufmännnisch n Berufe zugeführt worden. Neuaufnahmen fanden im Jahre 1896 7 statt, 4 Knaben und 8 Mädchen. Die Pfleglinge sind in 13 Familien untergebracht, die allmonatlich von den Mitgliedern des Central-Ccmitßs infpicirt werden. Von Zeit zu Zeit werden die Kinder von Herrn Dr. Mar Freudenthal auf ihren Gesundheitszustand untersucht. Wie alljährlich wurden die Pfleglinge auch im vergangenen Jahre von dem Chanuka-Comite mit Kleidungsstücken bedacht. Den Unterricht erhalten die meisten Kinder in der hiesigen Volksschule, einige in der Industrieschule, Mittelschule, Realschule oder Münsterschen höheren Töchterschule. Zum Besten der Verbandskafle wurde ein Concert veranstaltet, welches derselben einen erheblichen Gewinn einbrachte. Der Vorsitzende dankte im Namen des Vorstandes den Mitgliedern wie allen Gönnern des Verbandes für ihre Opferwilligkeit und richtete an dieselben den Appell, auch in diesem Jahre zum segensreichen Thun ihre Mitwirkung nicht zn versagrn. Im weiteren theilte Professor Badt mit, daß der Verband in der Erwartung stehe, bald die Rechte einer juristischen Person zu erlangen. Die königliche Negierung habe zugesagt, ein diesbezüglich eingereichtes Gesuch zu befürworten. Der Rechnungsabschluß gestaltet sich insolgen der Weise: auf 15,221 Mk. beziffert sich die Jahreseinnahme, wobei 4228,80 Mk. als eingegangcne Spenden und 1901,40 Mk als Zuschuß zu den Pflegegeldern von Behörden und Privaten verzeichnet sind und auf 14,975 Mk. belaufen sich die Ausgaben. Für die Pfleglinge sind 11229,94 Mk. verausgabt worden. Der Verband besitzt ein Vermögen von 26,000 Mk. Dem Vorstand wurde Entlastung erlheilt. In den Vorstand wurden mittels Stimmzettels folgende Herren gewählt: Professor Dr. Badt, Bernhard Cohn, Isidor Freund. Rechtsanwalt Hirschberg, Theodor Oschinsky, Paul Altmann, Marcus Fuchs, Eugen Schiff, Joel Struck, Rabbiner Dr. Münz in Gleiwitz und ^Rabbiner Dr. Pleßner in Ostrowo. Zu Revisoren wurden die Herren Lippmann Bloch, Simon Schepe und Hugo Meidner gewählt. Oester r.-U n g a r. Monarchie. Wien, 10. Februar. Das große kleine Ereigniß, über welches man jetzt in Wien spricht, ist der Ball der Stadt Wien, der am Montag stattgefunden hat. Dieser Ball wird alljährlich vom Bürgermeister im Rathhaus gegeben, alljährlich erscheint auf diesem Ball der Kaiser, die Minister, Botschafter und das sonstige offizielle Gefolge des Kaisers, dann die Bank-, Handels-, Jndustriewelt, Schriftsteller, Theater, kurz ganz Wien. Dieser Ball ist also auch diesmal abgehalten morden. Der wichtigste Unterschied war, daß diesmal der antisemitische Bürgermeister an der Spitze stand, mährend sonst ein liberaler; die wichtigste Gleichheit mit den vorjährigen Bällen, daß auch oiesmal der Kaiser erschien. Wie immer, zeichnete der Kaiser die ihm präsentirten Spitzen der Stadtverwaltung und einige Herren und Damen mit Ansprachen aus, nur daß diesmal die betreffenden Herren uno Damen der antisemitischen Mode huldigen, während ihre Vorgänger aus früheren Jahren sich liberal gaben. Enttäuscht sind jene liberalen Schwärmer, die meinten, der Kaiser würde den antisemitischen Ball nicht besuchen. Jetzt wissen sie, daß derartige Besuche keine Privatunterhaltungen, sondern einfach politische Höflichkeitsbeweise des über allen Parteien stehenden Monarchen sind, die jeweils an die Adresse derer gerichtet werden, die das Stadtregime offiziell in der Hand haben. Nur Eines soll sich allerdings der Kaiser diesmal ausbedungen haben, daß nämlich die Juden, welche in früheren Jahren regelmäßige Gäste des Stadtballs waren, die hervorragenden Bankiers, Kaufleute, Industrielle und sonstige notable Juden, auch diesmal wieder eingeladen werden. Das soll man denn auch gethan haben, allerdings erst vierundzwanzig Stunden vor dem Ball, der Noth gehorchend, nicht dem eigenen Triebe. Die eingeladenen Juden wieder, und nrit ihnen auch andere inoffizielle Besucher von ehedem, insbesondere das „geistige Wien", Schriftsteller- und Künstlerwelt, die keine Noth auf den Wiener Stadtball treibt, gestatteten sich den Lnrus. auf dem Ball nicht zu erscheinen. Das kaiserliche Wort, das jetzt besonders sruktifizirt wird, lautet: „Wie geht es Ihnen, mein lieber Lueger, sind Sie wieder gesunde" Graf Badeni hat sich auf dem Ballfest mit dem von ihm einst öffentlich geschmähten Dr. Lueger unterhalten, und der einstige entschiedenste unter allen offiziellen Gegnern der Antisemiten, der Botschafter Graf Kielmansegg, theilte sich mit dem Minister des Aeußeren, Grafen Goluchowskl, in die geistvolle Unterhaltung mit dem Lehrmittelhändler und Bürgermeister Strobach. Die Antisemiten jubeln laut darüber, die von ihnen depossedirten Liberalen ärgern sich im Stillen. Und die Dritten, die das alles beobachten, haben gerade bei diesem Ballfest die beste Gelegenheit zu sehen, wie es doch in der Politik nur auf die Macht ankommt.