Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 13 (15.2.1897)
- Date
- 1897-02-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448705-2448719--43392-2492439- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
244 mußte, so war es das jüdische. Wahrlich, kein Volk keine Nation, kein Stamm und keine Religionsgemeinschaft hat ein auch nur annährend so schweres Geschick zu ertragen gehabt, als gerade unser kleines Jehuda. Wo in aller Welt ist mehr Unglück beweint worden, als in Israel; welche Nation hätte mehr Blut für die Vertheidigung ethischer Ideen verspritzt, für die Vertheidigung seiner selbst, für die Erhaltung ihrer Lehre, um ihres Lebens! Seit dem Untergange unseres Staates schien die erbarmungslose Hand eines grausamen Geschicks jede Seite im Buche der Geschichte unseres Volkes mit Blut zu streichen und mit Feuer zu schreiben. Was nur in unserer Thora über unser Eril angedeutet wurde an Schrecknissen und Leiden, es hat uns buchstäblich betroffen: möge denn bald, was daraus folgt an glücklicher Verheißung segensreich in Erfüllung gehen. Diese Hoffnung läßt uns darauf verzichten, das blutige Schauerdrama zu erzählen, das sich „Geschichte Israels im Gülus" nennt, — zu erzählen, wie die kräftigsten Stämme niedergehauen, die herrlichsten Blumen geknickt, die lieblichsten Blüthen zerpflückt wurden. Der uralt-ewige Schmerz, der da Judenschmerz heißt, ist zu gewaltig und brennend, um mit den kalten Worten einer europäischen Sprache geschildert zu werden, und nur zwei Dichterseelen haben ihn in unnachahmlrchen Tönen ausgehaucht, unser Lehrer Moscheh und Jeremia, der Prophet, llnd trotz aller dieser Leiden kann Israel, das schon in seiner Wiege für die Menschheit Unsterbliches leistete, so viel urwüchsige Kraft zeugte, nicht für immer verloren sein. Zwar haben die Schläge, die ihm zutheil wurden, sein Rückgrat gekrümmt, seinen Muth gelähmt und ihm grausige Selbstmordgedanken eingegegeben. Aber das bischen Freiheit, das man ihm gegönnt, hat seine Haltung gekräftigt, und sein Muth belebt sich neu. Schon regt sich hie und dort, und wo wir nur Asche zu finden vermeinen, liegen viele Funken hoffnungsfreudiger Begeisterung. Da gilt es von der traurigen Gegenwart den Blick abzuwenden und im Spiegel der großen Vergangenheit eine herrliche Zukunft zu ahnen. Ja, zeigt unserem Volke einen Spiegel seines Lebens, erzählt ihm von seiner Vergangenheit, von seiner strotzenden Kraft, von seinem unüberwindlichen Heldenmuthe. Dann wird das jüdische Volk, das von der Fülle feindlicher Völker verfolgt, vertrieben, verachtet wird, endlich erkennen, daß die beste Achtung, für die es sich lohnt einen Kampf auf Tod und Leben zu beginnen, die Selbstachtung ist! Wie sollen uns andere achten, wenn wir selbst uns mißachten, wie Fremde uns schätzen, wenn wir selbst uns nicht schätzenswerth erscheinen? Liegt doch zum guten Theile das Räthsel der antisemitischen Machtentwickelung in der Feindschaft der Juden selbst gegen ihr Volksthmn. Das jüdische Wort: „Nur nicht jüdisch!" und seine Bethätigung hat mehr zur Ausbreitung des Judenhasses beigetragen, als Stöckers und Ahlwardt's Reden vermochten. Denn darin ist der tiefste Fall unserer Nation zu erblicken, daß sich viele nicht entblödeten in gedankenloser Nachahmungssucht das eigene Volksthum mit Füßen zu treten. Während sich jeder Jude für Volk und Lehre selbst verleugnen sollte, sind cs herzlich wenige gewesen, die nicht für eigenes liebes „Ich" ihr Judcnthum vcrlcugneten. Wir zirkeln die Selbstachtimg auf uns, unsere nächste uud allernächste Umgebung ab, indem wir sie unserem ganzen Volke vvrenthalten. Und so manche jüdische Frau glaubt, wer weiß wie weit, in die Geheimnisse der modernen Bildung cingedrungen zu sein, wenn sie mit souveräner Achtung das erhabene Wort: „Nur nicht jüdisch" ausspricht, stolz gehoben durch das Gefühl: „Mir sieht man die Jüdin gewiß nicht an!" S20 haben wir auch jenes Borurthcil gegen unsere unglückliche Stammesbrüder schaffen helfen, womit Europa sie verfolgt und verdammt, während sie in unverbrüchlicher Treue am alten Stamme festhaltcn. Wenn wahrlich der Antisemitismus irgend etwas mit Recht angreifen wollte, so wäre cs der Mangel an Selbstachtung und Solidaritätsgefühl, sowie das Vorhandensein von jüdischen Antisemiten und getauften Judetl. Aber das thut natürlich der Antisemitismus grundsätzlich nicht, denn sein Ende wäre jüdische Selbstachtung und Solidarität. Die traurigen Folgen der räumlichen Zerstreuung und inneren Zerspitterung haben unser Volk zu schwer betroffen, zu grausam hat die Faust fremder Völker, welche die traurige Lage Israels nutzten, auf seinein Stacken gelastet, zu blutig ist es von der Geißel der europäischen Völker gepeitscht, und zu lange, allzulange in selbstständiger Entwicklung seiner reichen Kraft behindert worden, als daß es nicht mit der heißesten Gluth brennender Sehnsucht nach jener vergangenen herrlichen Zeit eines einigen, großen, geachteten und sich selbstachtenden Jehudah zurücksehnen sollte; als daß eS nicht eine solcher Vergangenheit würdige Zukunft erhoffte, eine Zeit, in der es nicht mehr getrieben, nicht mehr geschlagen, vor Allem als Volk in seiner Gesammtheit iticht mehr verachtet würde; eine Zeit, in der eS keine Schande sei, einen Juden seinen Vater zu nennen, oder ein Makel der Geburt, von einer jüdischen Mutter geboren zu fein; kurz eine Zeit, in der nicht nur der einzelne Jude, sondern das Volk als solches in der Achtung der Menschheit rehabilitiert und es eine Unmöglichkeit sei, daß ein Jude sich seines Judenthums schäme. Diese Sehnsucht durchzieht unser ganzes Volk, auch dort wo man sich scheut es sich selber einzugestehen. Denn es ist die Hoffnung, daß