Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 12 (11.2.1897)
- Date
- 1897-02-11
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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240 Ehrenmitglied des D. P. B. V., (deutschen PrivatbeamtenvereinS) gelegentlich des Stiftungsfestes des hiesigen Zweigvereins hielt. Die ernsten Worte sind nach dem Wunsche des Redners für weitere Kreise bestimmt und in der That so lehrreich, daß ich sie auch von den jüd. Volks- und Lehrer freunden vernommen wissen möchte. Unter andern: heißt es da: .Vielen unter Ihnen werden d!e Zeiten noch erinnerlich sein, wo bei dem Verhältniß zwischen den Unternehmern und den darin Beschäftigten keine andere Faktoren mitredeten, als Arbeitsleistung und Entgelt. Ob letzteres ausreichte, um den Arbeitenden gegen die Folgen der Erwerbslosigkeit durch Krankheit, Invalidität, Unfall, Alter u. s. w. zu schützen, ihn vor Roth und Entbehrung sicher zu stellen, kam damals noch nicht in Betracht und in vielen Fällen ist das ja heute auch noch nicht der Fall. Kaum 25 Jahre sind seitdem vergangen und wir befinden uns in einer vollständigen Umwandlung unserer Anschauungen. Wir sehen den Gedanken der Solidarität innerhalb der Gesellschaft mächtig gewachsen .... Dieser Gedanke der Solidarit innerhalb der Menschengemeinschaft, das Eintreten des Einzelnen für Alle und Alle für den Einzelnen, wird uns in seiner weiteren Erstarkung höheren Zielen näher bringen. Er wird auch Alles, was in unserer Gesetzgebung und sonst im öffentlichen Leben nochmangelhaft und schlecht ist, umgestalten und zu dem Grade der Vollkommenheit führen, wie sic unter Menschen sein sollte und möglich ist. Ein ernstes Streben ist unverkennbar in dieser Richtung auch heute schon vorhanden, es bewegt sich nur noch zun: Theil auf unrichtigen Wegen. Wir sehen, wie es sich überall regt um die vorhandene Nvth zu lindern. Zahlreiche Vereine auf earitativer Grundlage haben sich gebildet und bilden sich beständig, alle mit dem Zweck, das vorhandene, sichtbare Elend zu bekämpfen, zu lindern. Das eben ist es, was ich den unrichtigen Weg nenne. Der richtige liegt da, wo man dahin strebt, das Entstehen der Roth zu erschweren oder zu verhindern. Diesen Weg kennzeichnen alle jene Einrichtungen, welche den Menschen gegen die Folgen der Erwerbslosigkeit, sei es durch Krankheit, Invalidität, Unfall, Alter oder sonstige Umstände hervorgerufen, sicher stellen. Wenn man denkt, daß diese Gefahren für alle Menschen in genügender Weise abgewendet wären, wo bliebe da noch Raum für Noth und Elend, wie es uns heute so vielfach entgegentritt 'i Rehmen Sie ein Beispiel: Ein Familienvater der Frau^und Kinder mit seinem Arbeitseinkommen unterhalten hat, ohne daß es ihm gelang für die Zukunft genügend zu ersparen, verliert seine Erwerbsfähigkeit. Die vorhandenen Mittel sind rasch verzehrt, und die Familie, des Ernährers beraubt, steht nun vor der Existenzfrage. Besitzen wir für solche Fälle Versorgungskassen, welche den Familienbestand bis zur Erwerbsfähigkeit der Kinder, wenn auch in bescheideneren Grenzen wie bisher sichern, so kann von Roth keine Rede sein; treten dagegen solche Einrichtungen nicht in Kraft, so sehen wir die Familie tiefer und tiefer sinken, bis sie schließlich ein Opfer der Armenpflege oder der Privatwohlthätigkeit wird. Millionen stehen dann wohl bereit, die Roth zu lindern, aber es ist zu spät, die Roth ist da, sie ist nicht mehr abzuwenden und, was zu ihrer Linderung geschieht, ist wie ein Tropfen Wasser auf den: heißen Stein. Wären die Millionen zur rechten Zeit wirksam gewesen, als es sich darun: handelte, die 'Roth zu verhüten, dann hätten sie dauernden Nutzen gebracht. Das Lindern der Noth hilft nichts, solange die Quelle, die immer neues Elend bringt, nicht verstopft wird. Was der Dichter über den Fluch der bösen That sagt, können wir auch vom Elend sagen „es ist sein Fluch, daß es fortzeugend in:n:er Elend :nus; gebären." Wie viel können unsere Gemeindevorstände aus vorstehenden Worten lernen! Was thun? Vor allem das: Jede Gemeinde, die kein eigenes Pensionsinstitut besitzt, hat die moralische Verpflichtung, ihren Lehrer in eine derartige Kasse einzukausen. Es giebt Gemeindevorsteher, welche von der Existenz derartiger Pensionskassen, von ihrem Wesen und ihrer Einrichtung kaum eine Ahnung haben. In solchen Gerneinden bedarf es nur eines eindringlichen Hinweises, um dem Beamten diese Roth- und Wohlthat zu gewähren. Solche Gemeinden, die aus Böswilligkeit und mit Absicht diesen Uebelstand ignoriren oder gar beibehalten wollen, werden zu zählen sein und müssen an den Pranger gestellt werden, aus daß bessere Beamte derartige Stellen meiden. Die Kosten für die Pensionskasse betragen höchsten jährlich 60—80 Mark und diese würden die meisten Gemeinden wohl noch erschwingen können; wo es aber nicht geht, da tritt dann die Kreis- oder Provinzialkasse helfend ein. Jeder Vorstand eines Lehrervereins wird gerne den Gemeinden ein genaues Circular über die Kassenverhältnisse des betreffenden Bezirkes zustellen. Jedenfalls muß es nach und nach aufhören, daß der Lehrer mit 8—900 Mk. Gehalt von seinen sauer ersparten oder oft geborgten Groschen diese Beiträge noch bestreiten soll. In zweiter Reihe ist es dringend nöthig, daß, wie schon angedeutet, nrehrere Gemeinden, vielleicht nach Kreisen oder Regierungsbezirken geordnet, zu Verbänden zusammentreten, auf daß die kleineren, schwächeren gestärkt werden und die größeren, stärkeren etwas von ihrem Neberflusse abgeben. Dann