Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 12 (11.2.1897)
- Date
- 1897-02-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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. Jahrgang. Erste -eUaye M M 12 -es „Israelis. L«tt«nder Artikel Snbbnt Ausgung Mainz, den 7. Februar. Alls verschiedenen Kreisen unserer Leser sind uns wiederholt Klagen darüber erhoben worden, daß selbst in Gemeinden, in welchen der Sabbat nach Gebühr respectirt lvird, die Art unb Weise wie mcitt den Ausgang des Sabbat dort begeht, geradezu unverantwortlich ist. Ein mahnendes Wort, um diesem llebelstande eiltgegenzutreten, fällt illts schwer, weil dasjenige, was wir nach dieser Seite hin zu sagen hätten, so ungemein naheliegend ist, daß es sich jeder selber sagen könnte und sagen müßte. Wenn uns ein lieber Freund besucht, so verlangt cs der Anstand, daß man nicht nach der Stunde frägt, in der er uns wieder verlassen will, noch weniger, daß man ihn merken läßt, wir warten auf sein Weggehen. Den höchsten Punkt würde die Rücksichtlosigkeit gegen einen wer'then Gast erreicht haben, wenn wir die letzten Minuten seines Besuches benützten, llm in seiner Gegenwart z. B. das Zillrmer wieder auszuräumen, das lvir für ihn in Stand gesetzt haben. Alle Kosten, Aufmerksamkeit uub Liebenswürdigkeit, die wir dem Freunde gewidmet haben, würden durch einen solchen Abschied in Frage gestellt werden. Er würde aus solchen Zügen mit Recht schließen, daß er uns lästig war, und daß wir darauf bedacht sind, ihn je eher je lieber los zu werden. Der Anstand erfordert das Gegentheil. Wenn wir auch wissen, daß uns unser Gast 51t bestimmter Zeit verlassen nntß, so rebcu wir ihm doch zu, seinen Besuch so lange als möglich auszudehnen und bedauern es, wenn dies nicht geschehen kann. Einen besseren Freund, als den gottgesandten Sabbat, der uns allwöchentlich in unseren Häusern und Hütten besucht, haben wir nicht. Er nimmt die Sorgen der Woche denjenigen ab, die er besucht, er glättet ihnen die Stirne, erleuchtet ihnen den Geist und weitet ihnen die Brust. Er hält Hand unb Fuß in der nimmerrastenden wilden Jagd nach Geld und Gut zurück. Er läßt uns nicht nur Ruhe, Zufriedenheit imd Lebensheiterkeit, sondern auch neue Kraft, Gesundheit und Allsdauer für den schweren Kampf finden, der nach seinem Scheiden in der neuen Woche unser wartet. Wir wissen, was wir an dem Sabbat haben. Er ist die edle Perle sonder Makel, er ist die theuerste Spende im reichen Gottesgesetze, die uns Gottes Gnade reicht, um den Fluch zil überwinden, den die erste Sünde der Menschheit gebracht hat. Als die Sünde die ersten Menschen ans ihrem Paradiese wies, gewährte ihnen Gottes fürsorgende Liebe ein zweites Paradies, den Sabbat. Er ist der theuere Gast, der uns allwöchentlich die Ellgel des Friedens in unsere Familien führt und ltns einen Gruß aus der Zeit entbietet, die ganz Sabbat sein lvird. Wir schließen diesem Gast zu Ehren unser Geschäft, lasten die arbeitende Hand ihm zu Liebe ruhen, decken ihm festlich den Tisch, erleuchten das Halls, legen unsere schönsten Kleider an — und können die Minute nicht erwarten, in der er uns verläßt! Wenn er noch bei uns ist, sagen wir ihm dreist in's Gesicht, es sei jetzt Zeit zum Aufbrilch für ihn. Wir seheil auf die Uhren und blicken nach den Sternen, ob denn der Augenblick noch immer nicht da ist, in der der Sabbat uns verläßt. „Es ist Nacht; es ist scholl lange Nacht; man sieht schon Sterne!" und wie die Zeichen der Ungeduld alle heißen. Wenn es auch für den Sabbat ivahr ist, was die Weiseil sonst sagen: cnm -j^h ten, „der Schluß ist für das Ganze entscheidend," wenn es wahr ist, was unser deutsches Sprichwort sagt: „Ende gut, alles gut," so ist es allch nicht minder wahr: „Ende schlecht, alles schlecht: Auch für den Sabbat ist es wahr: bv n’sie ißic. Der Schluß entscheidet über deil Anfang. Besonders auf dem Lande herrscht in vielen kleinen Gemeinden die Unsitte, den Sabbat vor Eintritt der Nacht zu schließen und soll es dort gar nicht zu den Seltenbeilen gehören, daß nach beendetem Maariv-Gebet nrt? wns die Nacht noch nicht einmal eingetreten ist. Am größten ist dieser Unfug bei trüber Witterung; dann werden auch die Festesten schwankend, und glauben allen Ernstes, es würde früher stacht, wenn der Himmel mit Wolken bedeckt ist. Hub doch bedarf es wenig Nachdenkens, um das Hinfällige dieses Jrrthums einzusehen. Wer gutschließende Fensterläden hat, kann am Hellen Mittag in seinenl Zimmer, wenn auch nicht Nacht, so doch finster machen. Es wird aber kein Vernünftiger desbalb glauben, es sei Mittags um 12 Uhr Nacht, weil es durch das Schließen der Fensterläden in dem Zimmer dunkel ist. Die Wolken sind für den Himmel dasselbe, was für das Zimmer die Fensterläden sind. Wenn sie den Himmel verhängen, und dadurch eine früher eintretende Finsterniß zur Folge haben, so tritt die Nacht doch keine Sekunde früher ein als bei klarem Himmel. Am meisten haben die Lehrer, resp. Vorbeter