Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 11 (8.2.1897)
- Date
- 1897-02-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2448705-2448717--43343-2492387- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
197 theil ist von demselben auf die Nachwelt gekommen, trotzdem sieht mm in demselben ein Niesenwerk geistiger Arbeit. Redner gibt hierauf eine genaue Definition des Begriffes „Ethik". Die Menschen aller Zeiten haben ihre Sprache und ihre Religion, so auch ihre Ethik, ein Etwas was ihr Wollen und Handeln lenkt. Der Vortragende citirt hierbei zur Erläuterung der Ethik des Talmud die Aussprüche eines Aristoteles, Kant und Spinoza. Sittliche Verrohung der Maffen kennzeichnet das Mittelalter, erst in neuerer Zeit ist das Interesse für ethische Bildung im Wachsen. Sich gegen die materialistische Weltauffassung wendend, die sich gern in Ausdrücken wie „Kampf lllns Dasein", „Zuchtwahl" u. s. w. zu ergehen beliebe, müsse man, wenn man dieselbe aczcptire, auch eine Absicht, eine Vorsicht annehmen: mit der Voraussetzung einer Geistesidee vernichte aber der Materialismus sein selbst aufgebautcs Geistesgebäude, bejahe er, was er zu leugnen versuche: das ethische Prinzip. Das oberste Sittengesetz der Juden sei Gott selbst. Das sei der Grundgedanke, das Prinzip des ethischen Wollens, das durch alle Traditionen des Mittelalters hindurchgehe. Möge auch einer den Atheisten hervorkehren, es gibt ein Bewußtsein, das denr Menschen nun einmal innewohnt und für alle Zeiten innewohnen wird, den Glauben an ein Wesen, das Alles nach einem bestimmten Wollen und Handeln lenkt, wofür Redner schon in der blblischen Erzählung von der Bestrafung Adams und Evas bei ihrem ersten Sündenfall ein Beispiel gibt. Der Talmud habe zwar kein ethisches System, da man vielleicht die vielen Sentenzen desselben als solche ansehen könne, aber seine ethisch erzieherische Seite äußere sich einestheils in dem idealen, anderntheils in dem individuellen Prinzip. Redner illustrirt dies in der Anführung einer Reihe von Sentenzen, wahren Goldkörnern aus der bekannten Spruchweisheil. Nicht darin sei das eigentliche ethische Moment des Talmud zu suchen, sondern in den Parabten, Allegorien und Legenden, den Blüthen talmudifcher Weisheit, die in die Litteratur, in die Sprache anderer Völker hineingelangt sind, woselbst man ihre Quelle nicht, oder nur nothdürftig kenne. Sie zeichnen sich aus iu der Hervorhebung des Bewußtseins der Menschenwürde, der Selbstachtung einerseits der Tilgend des sozialen Lebens und der gesellschaftlichen Achtung andererseits. Redner erwähnt die talmudischen Gebote gegen die Obrigkeit, damit die Angriffe der Gegner ad absurdum führend, und charakterisier dann weiter die Stellung der Frau, der auch der Talmud eine achtbare Stellung einräume, die Vorschriften über das Eigenthum, die Gerichtsbarkeit, die ebenfalls von dem Grundgedanken der Menschenliebe und Würde durchdrungen, und schließt dann seine interessanten Ausführungen mit dem Appel an die Anwesenden, im Verfolge des Bestrebens, den Geist und die Sitten unserer Zeit mit ethischen Grundsätzen in Einklang zu bringen, den Talmud zu lernen und innner wieder zu lernen. Leider beeinträchtigte die Deutlichkeit der geistig tief durchdachten Ausführungen des Redners das vielfach geübte Verfahren, niarkante Stellen des Vortrages aus Kosten des minder Bedeutenden, jedoch zum Verständniß nothweudigen rhetorisch zu sorcircn. Frankreich. Niz^a, 3. Februar. (Die Juden als Soldaten.) Ein jüdischer Soldat, der Lieutenant der französischen Marine-Infanterie, Herr Felix Vormöse, hat in einem Kanrpfe bei PanHai (Tonkin) am 21. August 1895 den Heldentod gefunden und wurde gestern Nachmittag 2 Uhr hier bestattet. Letzteres geschah auf Wunsch der Mutter des tapferen Lieutenant, welche hier wohnt. Colonel Chaumont, Commandant des I. Militärterritoriums, schildert in einem Brief vom 24. Oktober 1895 den Tod des Lieutenant Vormöse wie folgt: „Am 21. August gegen 2 Uhr 15 Min. 'Nachmittags, nachdem die Artillerie diejenigen Stellen, die durch Piratcnbanden besetzt waren, bombardirt hatte, stürmten die Angriffskolonnen vor. Die erste, an ihrer Spitze Lieutenant Vormöse, gelangte tapfer auf das feindliche Fort und drang bis an den Fuß der Brustwehr. Lieutenant Vormöse begann nunmehr die Ersteigung der Letzteren mit Sturmleitern, ein Beispiel seiner Truppe gebend und war in Folge dessen einer der Ersten an der Spitze. Unglücklicherweise begann in diesem Momente der Feind, der sein Feuer seither beschränkt hatte, gerade ans die zu schießen, die sich oben zuerst zeigten. Ihr Sohn wurde in rem Momente, wo er seinen Revolver gegen einen zielenden chinesischen Piraten richtete, selbst durch einen Schuß in die rechte Seite der Brust, etwas unter dem Schlüsselbein, getroffen. Er nahm sein Taschentuch, um die Wunde sofort zu verbinden, aber der Schuß war tödtlich und gleich nachher wankte er und fiel, um sich nicht wieder zu erheben. Der Tod erfolgte sehr rasch und der brave Offizier hatte wohl kaum Zeit, noch einmal zur Erkenntniß seiner traurigen Lage zu kommen." Das Vegräbniß fand unter sehr starker Betheiligung seitens der Freunde, der Militär- und Civilbehörden statt. Rabbiner Meiß amtirte. Als die Leiche in der Halle angelangtIwar, erschienen zwei Soldaten, Jäger des 6. Regiments, und legten zu Häupten des Entschlafenen einen prächtigen Perlenkranz nieder. Dessen violette Bänder trugen die Inschrift: „Die Offiziere der 4. Brigade der Marine- Infanterie ihrem tief betrauerten Kameraden Vormöse — getödtet vom Feinde zu Pan-Hai, Tonkin."