Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1897-02-04 · Heft 10 (4.2.1897) · page 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 10 (4.2.1897)
Date
1897-02-04
Page
– (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2448705-2448716--43330-2492373
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

187 mus, die an die alte Makkabäerzeit erinnern, kamen damals vor. Viele starben den Märtyrertod, und Viele bewahrten im Herzen( das Judenthum, das sie offen wieder bekannten, als ihre Leiden nach einem 25jährigen schweren Dienste zu Eude waren. Mir sind persönlich mehrere solcher Fälle bekannt. Joseph war noch zu jung, um die Folgenschwere und Bedeutung der mit ihm vorgenommenen Schritte zu erwägen. In seiner kindlichen Einfalt und da er von Allen bevorzugt und gehätschelt ward, nahm er es ziemlich leicht, ohne sich weiter Gedanken darüber zu machen. Die Erinnerung an die Heimath erblaßte immer mehr und mehr. Archangelsk ist einer der wichtigsten Werft- und Schiffsbauplätze von Rußland. Konstantin Nikolajewitsch, des Zaren allmächtiger Bruder, war zur Besichtigung eines für ihn erbauten Schiffes dahin gekommen und hielt eine Musterung der Judenknaben-Kolonie ab. Auch ihm gefiel das muntere und kluge Aussehen des Joseph Isaak Rabinowitsch, und er erkor sich ihn zum Taufkinde. Da aber die aus St. Petersburg beorderte Hofdame nicht rechzeitig eintraf, so vollzog die Handlung als Taufpathc der ebenfalls anwesende Marine-Minister Alexander Sergiejewitsch Mentschikoff, ein direkter Abkömmling des bekannten allmächtigen Günstlings der großen Katharina, im Verein mit der Gemahlin des Gonverncuers von Archangelsk, Marquise von Traverse, von deren Liebenswürdigkeit mein Erzähler des Lobes voll ist. So war der kleine Judenknabe unter das Protektorat der einflußreichsten Persönlichkeiten des russischen Reiches gestellt und sein Glück besiegelt. Er erhielt in der mit großem Gepränge abgehalten-en Taufhandlung den Namen Pawel Petrowitsch, wie wir ihn vor der Hand auch nennen wollen. Nach dreijährigem Aufenthalt in der Soldaten-Kolonie erfolgte seine Uebersiedelung nach St. Petersburg, wo er durch Verwendung seiner hohen Gönner sofort in die Kadettenschule aufgenommen wurde und rasch zum Junker avancirte. Als solcher trat er 18 Jahre alt — sein wirkliches Alter war erst 14, aber aus bekannten Gründen um 4 Jahre erhöht — in das „Utschebni Polk" oder Lehrbatallion, das er 3 Jahre später als „Pod Porutschnik" oder Lieutenant verließ, um dem 5. Armeekorps unter General Lüders einverleibt zu werden. Als Pulkowoi-Adjutant machte er den ungarischen Krieg mit, that sich rühmlich bei Villagos und Komorn hervor, wo Görgey und Klapka vor den Russen die Waffen streckten, wurde dekorirt und als Korps-Adjutant dem persöhnlichen Dienste des Generals zuertheilt. Jetzt begann ein glänzendes Leben für den schmucken und lebenslustigen Offizier, dem sich alle Zirkel und Salons öffneten. Er lebte in einem Traume von Zerstreuungen dahin und war der gefeierte Liebling aller Damen. Die junge, liebreizende Maria Petrowna, Tochter seines Chefs, zeichnete ihn vor Allen aus und schenkte ihm ihr Herz. Der Vater hatte nichts gegen die Verbindung einzuwenden, und die Verlobung fand statt. Pawel Petrowitsch schwamm in einem Meer von Himmelsseligkeit. Die Hochzeit sollte^nach Beendigung des gerade ausbrechenden Krim-Krieges gefeiert werden. „Wie wenn ich," fragte beim Abschied der zweifelnde Liebhaber, „im Kriege verstümmelt und eines Armes oder Fußes beraubt werde, wirft Du mir dann noch angehören wollen? „Um wie viel theuerer wirst Du mir noch sein, wenn Du als gefeierter Kriegsheld und Vaterlands- Vertheidiger vor mir dastehst und das ganze russische Volk Deinen Namen mit Stolz nennt!" lispelte die liebende Braut, und unter heißen Thränen und herzlicher Umarmung nahmen sie Abschied. Seine Ahnungen sollten sich nur zu sehr erfüllen. Am Tschernaja Retschka vor Sewastopol erhielt er in einem heißen Scharmützel mit den Franzosen achtzehn Kartetschenkugel deren eine ihm den linken Arm zerschmetterte. Im Hospital zu Sewastopol schwebte er zwischen Tod und Leben. Kaiser Nikolaus war selbst an sein Krankenlager getreten, hatte ihn liebreich getröstet und ihn auf das Himmelreich verwiesen, dessen Thore sicherlich für ihn geöffnet sein würden. Er hängte ihm eigenhändig das Georgsritterkreuz, die höchste Auszeichnung des russischen Krieges um und beschenkte ihn mit einer prächtigen, mit Diamanten und mit des Kaisers Namenszug verzierten goldenen Uhr, die er lange Zeit wie ein heiliges Vermächtniß mit sich trug. Dank seiner kräftigen Natur kam er wider Erwarten nach einer äußerst schmerzhaften Operation und einem acht Monate langen Krankenlager mit dem Leben davon. Maria Petrowna hielt Wort und reichte Pawel Petrowitsch die Hand zum Ehebunde. Die Hochzeit fand unter großer Feierlichkeit statt, zu welcher sich alle die hohen Gönner unseres Helden einfanden und der Kaiser seinen persönlichen Glückwünsch schickte. Das junge Paar verlebte seine Flitterwochen auf einem reizenden Gute, das ihm Graf Lüders zu seinem Eigenthum angewiesen hatte. Der Unthätigkeit müde, nahm Pawel Petrowitsch seinen Wohnsitz in Kiew, wo er in Anerkennung seiner Verdienste zum Platzmajor ernannt wurde. Seine einflußreichen Freunde ließ es indeß nicht ruhen, ihn die militärische Stufenleiter höher und höher steigen zu sehen, und sie setzten es durch, daß er zur Uebernahme der wichtigen Festung Modlin in Polen bei Warschau designirt ward. Das war im Jahre 1859, also ungefähr in seinem dreißigsten Lebensjahre. Begleitet von seiner Frau, trat er die Reise an, die für sein Leben verhängnißvoll werden sollte. Sein Weg führte ihn über Brest Litewski. Eine mächtige Jugenderinnerung überkam ihn plötzlich in der Nähe seines Heimathsortes und bei dem Anblicke des Lebens und Webens der ihm bisher entrückt gewesenen Stammesgenossen. Seine ganze Vergangenheit trat vor seine Seele, und die Bilder derselben verfolgten ihn im Traume und im Wachen. Von einem unwiderstehlichen Gefühle getrieben, kramt er in seinen Familienpapieren nach und findet, daß er aus Bialystock stamme. Dahin zieht es ihn mit Allgewalt. Er will sehen, ob seine Eltern noch am Leben wären, die er seit 22 Jahren nicht gesehen und von denen er nichts gehört hatte. Nie vorher waren ihm solche Gedanken gekommen. Die Sphäre, in der er sich bewegte, ließ solche gar nicht aufkommen. Es war ihm nicht eingefallen, daß er dem Stamme ent-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.