Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 10 (4.2.1897)
- Date
- 1897-02-04
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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18(5 --x: r> den despotisch regierten Ländern verschwinden, um in dem freien Amerika wieder aufzuleben. Selbst das barbarische Rußland duldet keine Anhäufung großer Menschenmassen mehr in engen, schmutzigen Stadtvierteln. Freilich geht es bei diesem Reftaurationswerk in der bekannten moSkowitischen Weise vor, und die Anerkennung der allgemeinen Menschenrechte ist daselbst noch eine Chimäre. Aber Holland und die Vereinigten Staaten von Nord-Amerika lassen diese Afterbildungen ruhig fortwuchern, da die freie Verfassung dieser Länder ein gewaltsames Eingreifen in individuelle Gewohnheiten verbietet. Das ist das unliebsame Geschenk der Freiheit, daß sie auf der einen Seite einen Vernichtungskampf gegen das Alte führt und auf der anderen Seite die Auswüchse des Alten befördert. So hat Amsterdam nur noch das einzige Ghetto in Europa, und New- Amsterdam, wie New-Aork früher genannt wurde, folgt diesem Beispiele in der Neuen Welt. Das New-Porker Ghetto ist das Ghetto der gesammten Welt, gleichsam die Vereinigung aller entschwundenen ähnlichen Stätten der alten Welt. Hier haben sie sich zusammengesunden, Alle, die Glaubenswahn und Verfolgungswuth unruhig durch die Welt treiben — aus Rußland, Polen, Oesterreich-Ungarn, Rumänien und deutschen Städten. Hier an der östlichen Seite der Bowery, mit dem East-Broadway als Hauptverkehrsader, haben sie sich niedergelassen und leben ihren alten Gewohnheiten nach. Welch' buntes orientalisches Bild entwickelt sich da vor unseren Augen! Wie in einem Ameisenhaufen wimmelt und krabbelt es da in der Hester- Straße, an den Kreuzpunkten der Orchard-, Ludlow-, Suffolk-, Norfolk- und der weiter unten liegenden Straßen. Ueberaus lebhaft geht es an den Donnerstagen und Freitagen zu, wo die vielen Sabbatzuthaten in verschwenderischer Fülle zum Verkauf ausliegen. Der jüdische Magen liebt einen leckern Mittagstisch am Sabbat- und Feiertag, der ja der einzige Ruhepunkt dieser rastlosen Ameisenthätigkeit bildet. Welche Summe von Elend, von Schmutz und Verkommenheit birgt sich in den jämmerlichen Miethshäusern dieses Straßengewirrs, und wie überreich an Enttäuschungen und schweren Schicksalsschlägen ist das Leben so vieler ihrer Insassen! Ich beginne die Reihe meiner Schilderungen mit der Geschichte eines ehemaligen russischen Offiziers, den die Wogen des Schicksals nach einem wechselvollen Leben in den Schlund des Ghetto hineingewirbelt haben. Sie ist ein Stück russischer Kulturgeschichte und zeigt, daß die Dichter und Romanschreiberphantasie häufig von der Wirklichkeit übertrumpft wird. Joseph Isaak Rabinowitsch erblickte das Licht der Welt vor circa 67 Jahren in der Gouvernementsstadt Bialhstock im westlichen Rußland, heute zum Gouvernement Grodno gehörig. Sein strammes militärisches Auftreten verräth noch den ehemaligen Krieger, und der fehlende Arm, den er bei Sebastopol gelassen, ist sein schönster Tapferkeitsschmuck. Seine Kindheit fiel in die grausige Zeit Kaiser Nikolaus des Ersten. Wie der ägyptische Pharao die Ertränkung aller jüdischen Erstgeborenen verordnete, so dekretirte dieser die Aushebung aller jüdischen Knaben vom 12. Jahre ab und ihre Unterbringung in die sogenannten Kantonirung, fern ab in das Innere des Landes, zum Zwecke ihrer gewaltsamen Ehristianisirung.. Das war die schrecklichste Zeit in der Geschichte der russischen Juden. Was Zarenwillkür verbrochen, wurde noch durch die Mißwirtschaft des greulichen „Kahal" ins Unendliche gesteigert. Beutesichtige Gemeindchyänen machten sich den Stand derDinge zu Nutzen und leisteten Helfersdienste den Reichen, die immer in Rußland Mittel und Wege fanden, dem verhängnißvollen Schicksal zu entgehen und dem Gesetz ein Schnippchen zu fchlagen. Nothheirathen en massv im zartesten Alter waren damals an der Tagesordnung, denn verheirathete Söhne waren von der Militärpflicht befreit. Um diesen Ausfall zu ersetzen, griff man fchutzlofe junge Kinder von acht und weniger Jahren auf, gab ihnen fälschlich das vorgeschriebene Alter und entriß sie gewaltsam ihren jammernden Eltern. Ganze Razzias wurden in den jüdischen Gassen veranstaltet, die von lautem Jammergeschrei wiederhallten. Bei Nacht und Nebel überfielen sogenannte „Chapper" der „Jsborschtschiki" die jüdischen Wohnstätten, um ihre fürchterlichen Haussuchungen und Menschenjagden abzuhalten. Was half hinterher Klagen und Beschweren?! Boch wissok—Zar dalok! Der Himmel ist hoch und der Zar fern! — Unser Joseph Isaak Rabinowitsch war ein beklagenswerthes Opfer dieser Barbarei im Alter von acht Jahren. Der Vater war in Geschäften verreist und die Mutter allein. Es war an einem Freitag Abend, als die Familie beim Sabbatmahle saß. Herein stürmte die fühllose Schaar. Die Mutter suchte vergebens den Liebling mit Bettdecken und Kissen zu verdecken und Widerstand zu leisten. Von einer rohen Faust getroffen, sinkt sie ohnmächtig nieder, während der jammernde und zitternde Kleine, kaum halb bekleidet, in die pechfinstere Nacht hinausgeschleppt wird. Mit 300 solcher unglücklichen Schicksalsgenossen wird nun die beschwerliche Etappenreise angetreten. Der Truppenführer nimmt unfern Joseph, der ein bildhübscher, aufgeweckter Junge ist, unter seine persönliche Obhut und läßt ihn in seiner eigenen Kibitka mitfahren. Er sucht zu verhindern, daß er nicht unterwegs wieder geraubt werde von ausgeschickten Personen, die die Familie Rabinowitsch unter schweren Opfern besoldet und die wie Schatten dem Zuge folgen. Doch alle solche Versuche erweisen sich als nutzlos. Nach einem monatlangen Marsche langte der Zug an seinem Bestimmungsorte Archangelsk an. Im Anfänge hatte der Kleine fortwährend nach der Mutter verlangt und wollte sich gar nicht trösten lassen, aber in Kinderweise sich endlich beruhigt und an der bunten Abwechselung der nie gesehenen Dinge Gefallen gefunden. In Archangelsk wurden die kleinen Burschen unter die Einwohner vertheilt, zu häuslichen Verrichtungen angehalten und in Exerzieren und im Katechismus unterrichtet. Josph hatte verhältnißmäßig einen guten Brotherrn, dessen Schweine er hüten mußte. Andere Knaben, namentlich die älteren, die sich widerhaarig zeigten in der Aneignung der christlichen Sitten und Bräuche, wurden auf die grausamste Weise gemartert, uni sie zu „Praweslawnü", rechtgläubigen Russen, zu pressen. Zahlreiche Beispiele von Glaubens-Herois-