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Der Israelit · 1897-02-04 · Heft 10 (4.2.1897) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 10 (4.2.1897)
Date
1897-02-04
Page
– (sequence 9)
Language
German
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IXXYI1L Jahrgang. Erste Srilaye m M 10 des „Israelis. Leitender Artikel. „I»«ng Israel". Soborten, 3. Februar. Die Bestrebungen dieser neuesten Bewegung in Böhmen, welche die Geister beschäftigt, haben wohl von maßgebender hochachtbarer Stelle ihre gebührende Abfertigung in der „Gemeindezeitung" gefunden und man glaubte schön, daß die jüdische Pu' licistik hierüber zur Tagesordnung geschritten sei, allein noch immer zuckt es in den Fachzeitschriften nach, von Kundgebungen und Auseinandersetzungen für uno gegen „Jung Israel" und die einmal wachgerufenen Geister haben sich noch nicht ganz zur Ruhe gelegt. Welche sind vie Ziele, die „Jung Israel" verfolgt? Soviel ist klar, daß es keine Reforitt anftrebt, und das ist klug, denn die Reform als verkrachtes Unternehmen ist in Mißcredit gerathen, wozu daher eine Bewegung insceniren, deren Unhaltbarkeit, deren Lebensunfähigkeit unsere neueste Zeitgeschichte so gründlich bewiesen hat. „Jung Israel" will aber auch das Ceremonialgesetz, das Dogma und die Symbolik nicht als verbindende Norm anerkannt wissen. Die strengen Verordnungen des Schulchan-Aruch sollen zwar nicht außer Kraft gesetzt werden, sie bleiben bestehen wie bisher, Jeder übe sie aus so gut er will und so gut er kann, nur bindend seien sie nicht und man könne ein wahrhaft frommer Jebudi sein, wenn man sie nicht beobachtet. Danach wäre auch derjenige ein religiöser 12, der sich über das Gebot von Milah, Schabbosheiligung, nevr pvn mxo u. dgl. mit Gleichgiltigkeit hinwegsetzt, da all diese Satzungen nur als Symbole der Erinnerung und des Gedenkens ihre Bedeutung haben. Die Hauptsache sei die jüdische Ethik und wer das Moralgesetz treu und gewisienhaft hält, der ist ein p'nx gleichviel, ob er die anderen Mizwos beobachtet oder nicht, hingegen wären nur solche religiösen Symbole bindend, welche den modernen Anschauungen der Zeit entsprechen, alle anderen seien gleichgiltig. Die Apostel „Jung-Jsraels" sind sich vollkommen bewußt, daß eine positive Religion ohne Symbolik undenkbar ist, und daß die große Welt nicht genug philosophische Bildung besitzt, um eine ethische Gesellschaft an Stelle der Religionsgesellschaft zu setzen; deßhalb wollen sie den Schulchan-Aruch gelten lasten für die, welche ihn behalten wollen, aber verpflichtend sind seine Satzungen nicht. Nun möchte ich gerne wissen, wie das möglich ist. Wird das talmudische Gesetz als Religionsgesetz anerkannt, so muß es für Jeden bindend sein und der ist kein wahrer Jehudi, der sich nicht verpflichtet fühlt, alle seine Verordnungen zu erfüllen. Ist es aber nicht bindend und verpflichtend, dann hat es aufgehört, das zu sein, was es ist, nämlich ein Religionsgesetz. Over soll das Programm „Jung- Jsrael" vielleicht den talmudischen Ausspruch icon bz mrv sipj m. „Wer den Polytheismus nicht anerkennt, der ist ein wahrer Jehudi" zu seinem Grundsatz gemacht haben? Dann müßten wir auch Christen und Mohamedaner als wirkliche Juden gelten lasten, da diese sich zum Monotheismus bekennen. Wohin „Jung-Jsrael" demnach führen würde, ist klar, wenn wir seine Bestrebungen in allen Consequenzen erwägen; zur völligen Auflösung des Judenthums als solches, zum Aufgehen desselben in den übrigen monotheistischen Religionen. Das Ziel „Jung-Jsraels" ist aber dem vollkommen entgegengesetzt. Es will, daß die ganze Menschheit jüdisch werde. Es legt sich nämlich die Sache so zurecht: Dadurch, daß es genügt den einzigen Gott anzuerkennen und das Moralgesetz zu halten, um Jude zu sein, dadurch werden die Pforten, die in das Judenthum führen, weit geöffnet, und die Möglichkeit wird geboten, allen Ungläubigen und Gleichgiltigen anderer Confessionen zum Uebertritt in den allein seligmachenden Schooß Israels, Pardon! „Jung".Israels. Dadurch nähert sich dann die messianische Hoffnung unserer Propheten allmählich ihrer Verwirklichung. Das Reich Gottes wird begründet auf Erden, die Tugend kommt zur Geltung, die Erkenntniß Gottes erfüllt die Welt, der Haß schwindet dahin und Liebe und Eintracht herrscht allenthalben unter den Kindern des göttlichen Vaters. Dieses Ziel ist ein hehres, es wirkt bestrickend und ich muß sagen, daß mich das Programm „Jung- Jsraels" begeisterte, als ich es durchlas. Es ist der innigste Wunsch das Judenthum groß und anerkannt zu sehen, welcher dem Verfasser des Programms die Feder in die Hand drückte und dieser Wunsch wirkt auf den Leser des Elaborates so bezaubernd, daß er vom ganzen Herzen diesem Programme zustimmt. Aber sowohl bei dem Verfasser, als bei dem Leser ist es nur das Herz, das da zu Worte kommt, die Vernunft, die kalt und kritisch erwägt, spricht anders. 'Zunächst wollen wir die Geschichte zu Rache ziehen, und die sagt-uns, was vom Endergebniß einer derartigen Bewegung zu erwarten ist. Derartige Bestrebungen waren schon in der

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