Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 10 (4.2.1897)
- Date
- 1897-02-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448705-2448716--43319-2492362- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
176 Beide waren in der Stadt geboren, in der sie auch später als Klausrabbiner angestellt wurden. Beide waren sie schon als Kinder in treuer Freundschaft verbunden. Da ging eines Tages die wunderbare Mähr durch die Gemeinde, daß der Dienstmann Katzenellenbogen über Nacht ein steinreicher Mann geworden sei; aber Niemand wußte und weiß bis auf den heutigen Tag, woher dieser plötzliche Reichthum stammte. Obwohl die tadellose Ehrenhaftigkeit des alten Katzenellenbogen jeden Verdacht einer Unreellität ausschloß, obwohl selbst ein abgefeimter Spitzbube es ohne Einbruch und Todschlag kaum anzufangen gewußt hätte, so plötzlich ein so ansehnliches Vermögen zu erlangen, so wäre cs doch nicht möglich gewesen, die bösen Zungen in Ruhe zu halten, wenn der selige Oberrabbiner nicht jedem erklärt hätte, er wisse ganz genau, wohec der K.rtzenellenbogen'sche Reichthum stammt und es hafte demselben auch nicht der leiseste Schatten eines Unrechts an. Das Gegentheil sei der Fall. Wenn man die Details kennt, wie sie ihm Katzenellenbogcn unter dem Siegel der Verschwiegenheit mitgelheilt habe, so muffe man den Biedermann noch höher achten, als cs heute allgemein geschieht. Seitdem waren 50—60 Jahren verflossen. Rabbi Joels Vater war schon vor mehr als dre ßig Jahren gestorben. Außer Rabbi Moscheh dachte vielleicht Niemand nrehr daran, sich an Rabbi Joel's Reichrhum zu stoßen. Da die plötzliche Wendung in dem Geschick der Familie Katzenellenbogen sich zu einer Zeit vollzog, in welcher Rabbi Jo«"l noch ein Kind war, so glaubte R. Moscheb, daß sein Freund selb.r über die Details dieser wunderbaren Begebenheit nicht unterrichtet sei. Sie blieb unerörtert. Die beiden Freunde lebten, lernten, diskutirten seit vielen Jahrzehnten zusammen. Es wußte jeder ganz genau. wie viel harbe RambamS der andere aus Lager hatte, wie sie recht zu machen, und welche Einwürfe gegen diese Richtigstellung zu erheben seien; sie behandelten die orientalische Frage, Schutzzoll und Freihandel, den preußisch-österreichischen Krieg vom Jahre 66 und noch viele andere Themata jeder von seinem Standpunkte, sie zogen alles mögliche und unmögliche in den Kreis ihrer Discussion, nur den einzigen Punkt berührten sie niemals. Als wir die Freunde über ihrem schweren Stück Gemoro stehend fanden, war eine besonders politisch erregte Zeit in Deutschland. Es war im Hochsommer des Jahres 66 kurz nach Tischo-be-Ab, als gerade der Entscheidungskampf zwischen Oesterreich und Preußen auf den böhmischen Schlachtfeldern gekämpft wurde. Rabbi Moscheh Charif hatte für die Preußen Partei genommen, also stand Rabbi Joel auf Seiten der Oefterreicher. Vielleicht hätten sie das Stückchen Gemoro weniger „kritisch und steinig", wie die Termini lauteten, gefunden, wenn ihre Aufmerksamkeit nicht durch die TageSereigniffe von dem ernsten Studium mehr als sonst abgelenkt worden wäre. Es war Nachmittags 4 Uhr. Rabbi Joel hatte sich heute etwas verspätet, und war ganz echaufsirt mit einer neuen Nachricht vom Kriegsschauplatz in die Klaus gekommen. „Die Preußen haben wieder eine gewaltige Niederlage erlitten," mit diesen Worten war Rabbi IM eingetreten und traf seinen Freund bereits vor den geöffneten Folianten. „30,000 Tode, 20,000 Gefangene, 10 Fahnen und 125 Kanonen verloren, das sitzt sich nicht in die Kleider," meinte Rabbi IM und fixirte dabei die Mienen sei nes politischen Gegners, um den Emdruck zu konstatiren, den diese Nachricht offenbar bei ihm machen mußte. (Fortsetz, f.) Der .Israelit" erscheint wöchentlich iweimsl, üontagi und Donnerstag«, iedeSmal ln mindestens zwei Bogen. Preis pro Vierteljahr bei der Post 3 Mark ohne Bestellgeld. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Per Such Handel verkehrt durch « -. Kleina cke r, -etpstg, Noßplatz 16. — Inserate 2o Pfennig die 4spaltige Petitzeile oder deren Raum. Preis der Zeile im Reclamethell 75 Pfennig. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., für's Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einzusenden. Ci«e «ticksendnng von an die Redaktion eingesandten Mannseripte« findet nicht statt, man bittet deshalb, stch von allen Einsendungen eine Eopie znrückznbehalten« Inhalt (Hauptblatt). Leitender Artikel: Samson Raphael Hirsch und die Israelitische Religionsgesellschaft zu Frankfurt a. M. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Berlin. München. England: London. Rußland: Odessa. — Litera'isches. — Vcreinsnachrichten. — Feuilleton: Woher Rabbi Joels Reichthum stammte. Von R. H. Inhalt der ersten Beilage: Leitender Artikel: „Jung Israel". — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Köln. Düsseldorf Breslau. Altona. — Vermischtes. Belletrist. Beilage: Joseph Isaak Rabbinowitsch. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschast in Mainz. Hierzu zwei Beilagen