Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 9 (1.2.1897)
- Date
- 1897-02-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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154 offen aus, daß sie ein der gegenwärtig herrschenden Parteiströmung entsprechendes Theater haben wollen. Besonders bemerkenswerth waren die Allssprüche des deutsch-nationalen Gemeinderathes Dr. Tochter. Er sagte unter Anderm: „Die Juden sollen ihr Geld behalten; die Bürgerschaft von Wien ist wohl itocf) so reich, um ein Theater zu bauen, wo doch so ungeheure Siege errungen wurden. Die 400,000- Gulden-Zeichnung" — fährt Redner fort — „ist keinen Schuß Pulver wertst, denn Niemand wird das Geld wirklich hergeben. Das Unternehmen ist gegenwärtig mausetodt und begraben." England. London. Von dem jetzigen Lordmayor Sir Faudel Philipps ist auf Veranlassung des Ministeriums ein Comitee gebildet morden, um Geld für die Nothleidenden in Indien, dem von Hungersnoth, Pest und Cholera so schwer heimgesuchten Lande zu sammeln. Dieser Körperschaft gehören von unseren Glaubensgenossen außer dem Lordmayor noch Lord Rothschild, Loid Pribryst und Sir Eduard Sasson an. Die Juden haben wieder reichlich ihre Pflicht gethan mit milden Spenden, so sind allein an Beträgen über 200 M., von ihnen 66000 M. für die Zwecke dieses Comitees beigefteuert worden Dabei vergeht keine Woche, in der nicht die hiesigen Juden zur Unterstützung jüd scher Institutionen angegangen werden und sie auch reichlich mit Spenden bedenken. Diese Woche ist es die Kleinkinderschule oder eigentlich die Schulen, in denen 2300 Kinder im Alter von 3—8 Jahren ihren ersten Unterricht und außerdem körperliche Pstege, Nahrung, Kleidung :c. erhalten. Dazu gehören jährlich 80,000 Mk., wovon in diesem Jahr 28,000 Mk. fehlen; da aber auch in den früheren Jahren ein ähnliches Defizit sich ergeben hatte, so ist eine Gesammtsumme von 100,000 Mk. erforderlich und der Vorstand dieser Schulen richtet einen warmen Appell an die Gesammtheit diese Summe aufzubringen. vermischtes. Lackenbach (Ungarn). Dieser Tage fand hier, wie seit 19 Jahren alljährlich, die Holzvertbeilung an sämmtliche Arme statt; nicht weniger als 120 Meter hartes Holz im Werthe von beinahe 400 Gulden wurde an 54 arme Familien vertheilt. Die Entstehung dieses Vereines verdanken wir Herrn M. Grünsseld. einem Manne, der. obwohl stets mit eigener Noth zu kämpfen hatte, doch stets sein Herz und Sinn für die Noth und Leiden seiner Nebcnmenschen gerichtet hat. Dieser Mann war es, der vor 19 Jahren die Sache angeregt, und an unserem ehrwürdigen Oberrabbiner D. Uümann einen bereitwilligen Protektor, sowie an Herrn Max Beer, Talmudist. einen thätigen Mitarbeiter gefunden hat. Diese Männer haben es dahin gebracht, daß wir jährlich in die angenehme Lage versetzt sind, die Noth von 54 Familien zu lindern. 9. 6. Feuilleton. Huda j)inhas. Eine biographische Skizze aus dem vorigen Jahrhundert. Von Louis Lamm—Frankfurt a. M. Am Ufer der fränkischen Rezat, eine Stunde von Ansbach, liegt das stille Dörfchen Lehrberg (früher Lerchenberg, Lehrburg :c.) das einst für den Juden im ehemaligen Fürstcnthum Ansbach von großer Bedeutung war; wurde doch dorten während des Mittelalters bis Ende des 18. Jahrhunderts alle 4—5 Jahre ein Landtag abgchalten, der sich speziell mit Vermögensschätzung der Juden — nach diesen Schätzungen wurden die ziemlich hohen Abgaben uni) Steuern der Juden bemessen — befaßte.*) Hier wurde im Jahre 1727 Juda Pinhas als der S>ohn eines (Zehngebotschreiber) geboren. Als Knabe von 7 Jahren zeigte er schon seine Liebe und Befähigung zu feinem zukünftigen Beruf, indem er Menschen und Thiere in jeder Form und Art zeichnete. Sein erstes Werk von Bedeutung war wohl eine “nc« rb:?, welche auch die darin erwähnten Vorkommnisse durch Federzeichnungen veranschaulichte. Diese rtaa soll er schon in seinem 13. Lebensjahre-) geschrieben und gezeichnet haben; durch den großen Beifall, welche dieselbe fand, ward er wohl angespornt mehr solcher Esther-Rollen anzufertigen, die von seinem Vater jedenfalls zu hohen Preisen verkauft wurden. Der jugendliche Künstler genoß nun schon einen Ruf, der sich über seine nächste Umgegend erstreckte, und so kam es, daß auch der damalige Markgraf von Ansbach, Carl Wilhelm Friedrich (1729 — 1757) von ihm vernähen, und Pinhas beorderte, eine Probe seiner Kunst persönlich zu überbringen. Pinhas verfertigte mit größter Sorgfalt eine m:n — ebenfalls mit bildlicher Darstellung der Hauptbegebenheiten dieses Buches — welche er Carl Wilhelm Friedrich überbrachte. Dieser Regent war den Juden im Allgemeinen zwar nicht ungünstig gesinnt'*), doch war er im Volke und insbesondere von den Juden wegen seines furchtbaren Jähzorns und seiner Gcwaltthätigkeiten sehr gefürchtet. — Der Markgraf war gerade in bester Laune, als Pinhas sich zur Ablieferung seines Kunstwerkes einfand: derselbe 1) Haenle, Gesch. d. Juden i. Fürstcnthum Ansbach. 113. 2) Nach einem Bericht seines Sohnes, des Hofmalers Salom. Pinbas, der in Cassel lebte. Sulamith, V. Jhrg. II. Bd. 5. Heß. 3) War doch er es, der den Juden in Ansbach erlaubte. Mitte des 18. Jahrhunderts die noch heute bestehende Synagoge zu bauen: freilich, gegen ein ar iges Geschenk, das ihm gemacht werden mußte, wie Haenle S. 89 bemerkt.