Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1897-02-01 · Heft 9 (1.2.1897) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 9 (1.2.1897)
Date
1897-02-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448705-2448715--43294-2492336
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

152 wenn sie einen unwiffendenden oder irreligiösen Menschen bezeichnen wollen, ganz einfach sagen: Das ist auch so ein Seminarist. Das Aergste aber ist, daß viele Rabbiner ihren eignen Kindern gestatten, am Sabbat in den Volks- und Bürgerschulen zu schreiben und sogar am katholischen Religions-Unterrichte theitzunebmen, wobei sie als Entschuldigung anführen: Hin xra^c*i (Die Befehle der Negierung sind auch für uns Gebot), obgleich die Regierung gar nicht daran denkt, sie zu solchen irreligiösen Dingen zu verhalten. Mit nur wenigen Ausnahmen finden wir fast überall diese schreckliche Irreligiosität und das einzige Hilfsmittel dagegen schemt mir zu sein, diese gewissenlose Rabbiner zu entfernen, diese Rabbiner- Seminare zu schließen und dann mit Gewiffenhaftigkeit neue Rabbiner und neue Profefforen zu bestellen und in die Seminare würdige Zöglinge aufzunehmen. Während in Deutschland, wo sich einst der jüdische Unglaube breit machte, heute unter Mitwirkung der Rabbiner, die aus den orthodoxen Rabbiner- Seminarien hervorgegangen, orthodoxe Gemeinden entstehen und gedeihen, so muß ich zu meinem Bedauern constatiren, daß in Italien dagegen, wo noch vor einem halben Jahrhundert wahre Frömmigkeit herrschte, sich dies, seitdem wir Rabbiner-Seminare besitzen, bedeutend geändert hat. Unsere Frömmigkeit hat aufgehört und auch die Gottesfurcht ist dahin geschwunden. Gott beffere es! Berlin, 26. Januar. Tie antisemitischen Vereine deutscher Studenten veranstalteten zur Feier des 100jährigen Geburtstags Kaiser Wilhelm I. einen Kommers in der Philharmonie, an dem mehrere Generale, antisemitische Neichstagsabgeordnete, aber nur wenige Dozenten der Universität theilnahmen, was Herrn Prof. Wagner veranlaßte, nach einer persönlichen, wie selbst die „Post" sich ausdrückt, einen großen Theil der Anwesenden recht peinlich berührenden Bemerkung über das Fernbleiben des derzeitigen Rektors der Universität, Geheimrath Brunner, eine längere Ansprache über Pessimismus zu halten, die er mit einem Salamander auf die deutsche Studentenvereine schloß. Dem Andenken Kaiser Wilhelms I. wurde ein stilles Glas geweiht, wobei sich der Saal verdunkelte und die Musik die Trauerftrophe aus dem Lied „Vom hohen Olymp herab" spielte. Auf ein Telegramm an den Fürsten Bismarck erfolgte bald darauf Antwort. Berlin, 28. Jan. Auf Veranlassung des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur sollen in diese»! Winter Fortbildungskurse für der Schule entwachsene junge Leute eingeführt werden. Dieselben finden wöchentlich in drei Stunden und zwar am Montag, Mittwoch und Samstag Abend von 8bis; 9'/, Uhr in dem Klaffenzimmer der Religionsschule der Jüdischen Gemeinde, Lindenstraße 48/50, statt. Die Lehrgegenstände sind folgende: Jüdische Geschichte und Literatur. Einführung in die leitenden Ideen des Judenthums, hebräische Sprache und Bibellektüre. Der Unterricht, der unentgeltlich ist, wird von den Herren Dr. Baneth, Dozent an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums, Dr. Wohlgemuth, Dozent am Rabbinerfeminar, und Dr. Fiegel, städtischer Lehrer, ertheilt. Die Eröffnung der Lehrkurse erfolgte am Montag, den 11. Januar, Anmeldungen nimmt Dr. Baneth, Wallnertheaterstraße 21, entgegen. Aus Norddeutschland. Auf einer weiten Reise, die ich unlängst unternahm, traf ich in der Eisenbahn mit einem Herrn zusammen, der sich im Laufe unserer Unterhaltung ganz besonders für isr. Gemeindeangelegenheiten zu interessiren schien. Er erzählte mir, wie er in seiner Heimath bestrebt sei, für die Hebung der religiösen Verhältnisse einzutreten, und daß er sich dabei nur geringer Unterstützung, seitens der eigentlich dazu Berufenen zu erfreuen habe. In neuerer Zeit ist es die Sonntagsruhe, die als Vorwand für das Ocffnen der Geschäfte am r,zv mit Vorliebe benutzt werde. Leuten, denen es sonst nicht eingefallen wäre, rat? ^ne zu sein, halten ihre Geschäfte jetzt offen und beziehen sich dabei auf Rathschläge resp. Entscheidungen des Rabbiners, wie sie solches auf angeblich religionsgesetzliche Weise machen könnten. Der eine bediente sich dabei, irgend eines nichtjüdischen Commis, andere affociren sich zum Schein mit ihren Ladenmamsellen oder Dienstmädchen, wieder andere benutzen sonst einen Tric zur Erreichung ibres Zweckes, aber alle beziehen sie sich auf die angebliche Nabbinatsentscheidung, die vielleicht für einen ganz exeptionellen Fall, niemals aber für allgemeine Verhältnisse Geltung haben könne. Mein Freund, der ein rmn [2 zu sein schien, suchte mir sehr lebhaft darzustellen, daß solche ausnahmsweise Erlaubniß nach Ausweis der einschlägigen Gesetzesstellen nur gerechtfertigt erscheine, wenn es um den Eintritt eines 'tt in ein bereits von einem Nichtjuden offenkundig betriebenen Geschäftes handle, wobei der Name des ersteren niemals hervortreten dürfe, oder im Falle eines technischen Betriebes, der seiner Natur nach am Samstag nicht unterbrochen werden könne. Was aber bei allgemeiner Anwendung solcher engbedingter Erlaubniß entstehe, zeige sich am schwersten und bedauerlichsten in dem Umstande, daß viele solche Geschäfte ihre jüdischen jungen Leute rat? arbeiten lassen und daß es für fromme, junge Leute immer schwieriger werde, Schabbos freie Stellen zu bekommen. Der Rabbiner der pflichtgemäß von der Kanzel herab gegen Tat? Wm eifere, dürfe sich in keinem Falle dazu hergeben, den Leuten, die ihn darum an-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.