Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 9 (1.2.1897)
- Date
- 1897-02-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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. ai #.11 w w. gj^.^ujji j wj^^u|i%Ly^ 150 „Geboren unter den Verfolgungen der Pharaonen und geleitet von dem heiligen Feuer auf dem Berge Sinai, haben die Israeliten im Dunkel der Geschichte ihre Wanderung begonnen und haben niemals den Genuß langer Ruhe auf derselben kennen gelernt. Während der langen Jahrhunderte sind sie von einem Ort zum andern gestoßen und getrieben worden, ohne einen Platz zu finden, an dem sie rasten durften. Unter allen Völkern, bei denen sie eine neue Heimathsstätte suchen wollten, erschienen sie als die Opfer einer seltenen Feindseligkeit. Und doch haben sie alle ihre Feinde zu überdauern gewußt . . . Fragen wir nach den Ursachen der einzig dastehenden Erscheinung, daß die Juden aus allen ihren Kämpfen doch immer wieder lebensfähig hervorgingen, so finden wir dieselben zumeist in der Zähigkeit, mit welcher dieses seltsame Volk an den geistigen Gütern in allen Lagen seines vielbcwegten Lebens festgehalten hat, die es sich schon zu einer Zeit zu eigen gemacht hatte, als die große Mehrheit des Menschengeschlechts noch in tiefem Barbarismus versunken war. Das Gesetz war die Grundlage aller jüdischen Moral und Philosophie und die Grundsätze, welche in diesen! Gesetze niedergelegt waren, hielten die Juden gegen alle barbarischen Völker aufrecht. Soviel sich auch in Israel selbst Sekten und Schulen bilden mochten, ob die Einzelnen den Schulen von Schamei oder Hillel angehörten, alle hielten doch nur an einem Codex der Moral fest, und alle pflanzten doch nur als ihr Banner das heilige Gesetz aus, das noch heute dem Gewissen der modernen Civilisation zur hellen Leuchte dient." Die Lektüre der Lebensgeschichten unserer verdienstvollen Voreltern in der Ursprache muß demnach unbedingt als das beste Mittel angesehen werden, starke, für alles Hohe und Edle begeisterte Charaktere heranzubilden. Ist es doch dieselbe Sprache, deren sich auch unsere Väter und Mütter vor Jahrtausenden bedient haben. Die leuchtenden Muster von Geistesstärke und Herzensadel, Glaubenstreue und Menschenliebe, die dem Kinde hier vorgeführt werden, werden sein Gemüth zur Bewunderung entflammen und es zur Nachahmung aneifern. Durch die Lektüre unserer heiligen Schriften wird das Kind endlich daraus aufmerksam gemacht, wie rein und wie vollkommen unsere Gotteslehre ist. Es wird ihm gesagt, daß wir in der heiligen Schrift keinen unschönen, noch viel weniger unästhetischen Ausdruck finden, selbst da, wo es vielleicht am Platze wäre, wird er durch Umschreibung des ganzen Satzes vermieden. (Ich erinnere hier beispielsweise an eine Stelle in der Sidra Noach; dortselbst wählt die heilige Schrift statt des Ausdruckes „hatmeo" den ganzen Satz „ascher lo tehoro hi.") .Welche Mittel haben aber die Eltern anzuwenden, damit ihre Kinder einen richtigen talmudischen Unterricht erhalten? Zunächst muß der Vater, so es die Verhältnifle gestatten, darnach trachten, daß seine Kinder, sobald sie das entsprechende Alter erreicht haben, in einer solchen Lehranstalt ihre weltliche und religiöse Ausbildung erhalten, in der ein jüd. religiöser Geist herrscht und an der solche Lehrer wirken, die eifrig bestrebt sind, das Bibel- und Talnrudstudiunt mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln zu fördern und die dafür Sorge tragen, daß die ihnen anvertrauten Kinder recht oft und recht viel aus der klaren Quelle der Thora schöpfen. (Realschule der israel. Religionsgesellschaft zu Frankfurt a. M., Bürgerschule in Fürth, Handelsschule in Gailingen x. x.) Was hat aber der Vater zu thun, wenn es ihm absolut unmöglich ist, seine Kinder solche Lehranstalten besuchen zu lassen? In diesem Falle nmß der Vater, falls er nicht selber im Stande ist, seine Kinder in den talmudischen Fächern gründlich zu unterrichten, dieselben der Leitung eines andern tüchtigen und energischen Religionslehrcrs übergeben, der dafür sorgt, daß die Kinder während der freien Zeit dem Studium des Talmud obliegen. Selbstredend darf man hier keine Opfer an Zeit und Geld scheuen, denn kein Geldbetrag bringt so gute Zinsen und findet so schnelle und reichliche Rückbczahlung, wie der, der für das Erlernen der Thora ausgegeben wird. Auch hierin können uns unsere Vorahnen, namentlich in den Zeiten des Mittelalters, als Muster und Beispiel dienen. Obgleich die Schule der damaligen Zeit, wo das arme Israel um seiner Religion willen verjagt und geplündert wurde, sehr im Argen lag, wurde die talmudischc Bildung doch nicht vernachlässigt. Was die unregelmäßige Schule dem wißbegierigen Jüngling nicht zu geben im Stande war, gab ihm das treffliche Elternhaus , da jede wohlhabende Familie arme Talmudschüler unentgeltlich verpflegte, deren Fleiß wohlthuend auf den Sohn des Hauses einwirkte. Man glaube aber nicht, daß durch einen guten Talmudunterricht, der einige Stunden der Woche in Anspruch nimmt, anderen Schulfächern Abbruch geschehen könnte, nichts weniger als das, jeder pädagogisch gebildete Lehrer wird wohl wissen, daß ein gründlicher talmudischer Unterricht so manchen Schulgegenständen von überaus großem Vortheil ist. In welchem Sprach- und Lesebuch sprudelt z. B. mehr Sittenlehre, mehr Tugendsinn und mehr Weltanschauung, als in den erhabenen Sprüchen der Väter? Liefern unsere frommen Ahnen im talmudischen Zeitalter nicht den besten Beweis dafür, daß der Geist der echten und wahren Religiösität und das ernste, in reiner und edler Absicht betriebene Thorastudium die Kenntnis anderer Wissenschaften in keiner Weise beeinträchtigt? Wie oft entnehmen wir aus den Erzählungen des Talmud, daß es gerade