Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 9 (1.2.1897)
- Date
- 1897-02-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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MXTO1. Jahrgang. M S. Der Israelit. Ein Gentrak-Hrgan für das orthodoxe Iudenthmn. Begründet von Dr. £e!jromnu in Wtntnz Montag, de« 1. Februar 5657 (1897). Leitender Artikel. Usbsr talmu-ische Bildung. Von I. Eifenmann, Canlor. Gailingen, 29. Jan. Wer mit den Verhältnissen der Gegenwart ein wenig nur vertraut ist, muß offen ein gestehen, daß für unsere Kinder nebst einem gründlichen Bibel-, Tefftla- und Chumeschunterricht auch ein talmudischer Unterricht unbedingt nothwendig ist. Wir können uns mit den 3—4 Stunden wöchentlichen Religionsunterricht nicht begnügen, sondern müssen, so wir es ernst mit unserer heiligen Religion meinen, dahin streben, daß den Knaben — Mädchen sollen zum Gesetzesstudium nicht angehalten werden — auch der Schatz jener heiligen Bücher erschlossen wird, deren erhabene Lehren ihm als Wegweiser und Begleiter durchs Leben dienen sollen, damit von der Fülle der trefflichen Ideen, die in diesen Büchern niedergelegt ist, sein Geist geschärft uud ausgebildet werde. Denn, wie wäre es möglich unsere Bibel ihrem Inhalte nach voll und ganz zu fassen, wenn wir sie bloS in der Ueberfetzung lesen, nicht aber ibrem Sinne gemäß gründlich erklären können? Die Thora ohne Erläuterung und Erklärung läßt das Herz kalt und unbefriedigt, daher heißt es auch: „Lege sie in ihren Mund, (5. B. M., 32.) d. h. mache die Lehre ihnen mundgerecht, hauche ihr Geist und Leben ein. Erst durch die Tradition, oder mündliche Ueberlieferung, erfahren wir, wie jedes Wort, jeder Buchstabe, jedes Strichlein unserer h. Schrift seinen großen Werth und seine große Bedeutung hat, wie über jede veränderte Stellung der Wörter, über jedes fortgelassene Zeichen, wenn auch anscheinend noch so unwesentlich, unser Verstand sich Rechenschaft zu geben hat. Durch die Tradition gewinnt das Kind voller Verständniß und Helles Bewußtsein, nicht nur für die unsterblichen Verdienste unserer geistvollen und reichbegabten Helden und Lehrer, sondern auch für die heiligen und ehrwürdigen Gebräuche, die das Judenthum seit Jahrtausenden zieren. Nur der, welcher den Inhalt der Mischna und Gemora kennt, wird nach und nach die Gründe für viele Gebote und Satzungen unserer Thora richtig verstehen und gründlich erfassen lernen und nur der allein wird sie mit voller Freude und Lust zur praktischen Ausübung bringen. In diesem Sinne äußert sich auch ein sehr berühmter Rabbiner Deutschlands, der, wie vielleicht kein zweiter, bewährter Fachmann ist: Ich meine Herrn Dr. I. Hildesheimer in Berlin. Derselbe schreibt: „Es gibt nur ein Mittel, Begeisterung zu wecken, Muth zu entflammen, zur That zu entzünden, zu Opfern zu erziehen, gegen jede Unbill und jede vielleicht im Schooße der Zukunft verborgene Gewitterwolke zu stählen und zu waffnen, ein Mittel, das durch kein anderes zu ersetzen, dem kein anderes auch nur im allerentferntesten nahe kommt, mit welchem alles gewonnen ist, ohne welches aber jede heilige Regung in Trümmer fällt, dies ein Mittel ist — Rückkehr zu „Schas uposkim"; und Eröffnung der Schulen dafür." Das Studium der schriftlichen und mündlichen Lehre war es aber auch, welches unseren Vätern Kraft und Stärke verlieh, alle Leiden mit Geduld zu tragen, und welches anderseits ihre Söhne und Töchter in einer Weise mit sittlichem Adel erfüllte, wie er bei anderen Stämmen der damaligen Zeit nicht zu finden war. Wir bewundern daher heute noch die damaligen Geschlechter, die mit größter Zähigkeit an dem Erbtheil ihrer Väter, an der heil. Tyora, festhielten und dafür sorgten, daß die Tugenden der Treue, Opferwilligkeit, Mäßigkeit und ArbeitSsamkeit, die ihre Familien zierten, ihnen und ihren Kindern erhalten blieben. Ein nichtjüdischer Gelehrter schreibt hierüber Folgendes: