Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 8 (28.1.1897)
- Date
- 1897-01-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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iiJAifvyniwB,?- 'Sf??KT'rv-‘y- »t^STO’* 134 Eine erregte Menge von Bürgern und Lanzknechten drängten sich stoßend und schreiend in die Thorhalle unter den Rufen: „Daö RalhbauS brennt!" „Die Juden haben die Stadt argezündet!" Ein unbeschreiblicher Tumult entstand. Triumphirend blickte die Geistlichkeit auf die rathlosen, maßlos erstaunten und unschlüssigen Gesichter der Ritter. Ein Verständlichmachen war unmöglich. Einer überschrie den andern, während das Geräusch von der Straße her in solcher Werse zunahm, daß die im Hause des Bürgermeisters Befindlichen stch auf keine Weite zu entfernen vermochten. Während Herr von Marpurg mehr durch Zeichen, als Sprache einigen Lanzknechten Bef.hl gab, das Haus mit Gewalt zu sperren, winkte sein Sohn dem bis jetzt unbeachtet gebliebenen Juda. Schon wurden Rufe laut: „Haltet den Juden!" „Heraus mit dem Brandstifter!" als der junge Ritter, gefolgt von Juda, sich einen Weg in die Mitte der Menge erzwang. Wie auf Verabredung drängten sich mehrere Lanzknechte in die Nähe der Beiden und entzogen sie binnen weniger Sekunden den Blicken der Wenigen, die in dem herrschenden Getümmel und Gedränge sie etwa hätten wahrnehmen können. Noch einen Augenblick und sie gelangten an eine Wand. Gedeckt von sechs stämmigen Lanzknechten zeigte der junge Ritter an Juda eine kleine Falllhüre am Boden. Es bedurfte der größten Anstrengung von Seiten der tapferen Söldner dieselbe, obwohl sie nur eine kleine Fläche einnahm, frei zu bekoinmen. Ein Ruck und Juda war durch die aufgehobene Fallthür verschwunden. Dieselbe führte in das finstere Kellergewölbe des Schultheißen. Das Verschwinden de- Juden war nur von wenigen bemerkt worden und diese wußten nicht, wohin er gerathen. Bei dem fürchterlichen Gedränge war es dem Einzelnen unmöglich den Kopf zu wenden, und mehr zu sehen, als den Rücken des vor ihm Stehenden. So hatte sich, umgeben von den sechs Lanzknechten und deni jungen Ritter die kleine Falllhüre geöffnet und geschloffen. So war der, von einer vor Wuth blinden Menge verfolgte Jüngling inmitten dieser rasenden, blutdürstigen Menschenmasse unbemerkt in wenigen Minuten entkommen. Während die anwesenden Lanzknechte, sowie die meisten Ritter und viele Bürger sich treulich um den alten Marpurger schaarten, tobte draußen der Lärm immer wüster. Ein Zeichen des greisen Schultheißen und seine Lanzknechte bahnten rücksichtslos nach links und rechts stoßend, einen Weg durch den Menschenknäuel, wodurch die Menge lauter und ungeberdeter als zuvor schrie. Jeder suchte der geschlossenen Reihe, die den Schultheißen umgab, nachzudrängen, wodurch es natürlich jedem Einzelnen unmöglich wurde, während der greise Ritter und sein Gefolge in» Freie gelangten. Im achteckigen, geräumigen Hofe des Bürgermeisters waren die Pferde der Ritter angepflockt, die sich auf dieselben schwangen und, geführt von dem tapferen alten Marpurger, in das Menschengewühl ritten, der den ganzen großen Marktplatz auf dem Römerberge anfüllte. Obwohl zwischen all dem bis jetzt Beschriebenen und der ersten Kunde de- Feuers nur geringe Zeit verfloffen war, hatte das letztere doch schon großen Umfang angenommen. Die halbe Judenstadt brannte. Denen, die vorher bei dem Verhör im Hause des Schultheißen anwesend gewesen waren, ward es sofort klar, daß der darin entdeckte Plan der Geißler im letzten Augenblick dennoch gelungen war. Der Anblick, den die unbeschreiblich verwirrte und schwankende Menge bot, ließ dies umso deutlicher erkennen, als ein großer Theil der anwesenden Bürger nicht nur half, das Feuer in der Judenstadt zu' löschen, sondern diese auch gegen die Ausschreitungen des Pöbels energisch vertheidigte. Allerdings waren die Gewaltthaten und Schändlichkeiten, die derselbe verübte so entsetzliche, daß auch jeder ehrbare Mensch, ob Feind oder Freund schon um seiner Menschenehre willen dagegen gekämpft hätte. Kleirre Kinder wurden den Armen ihrer jammernden, kniefällig flehenden Mütter entrissen, um vor deren Augen entweder in die Flamme geschleudert, oder zerstückelt zu werden. Nicht wenige Mütter, denen man ihre Kinder zu entreißen suchte, um sie zu taufen, sprangen selbst mit dem Todesrufe: Schemah Jißroel, höre, o Jsroel, der Herr ist unser Gott, derHerr ist einzig!" in die lohenden Flammen. Die Männer stritten tapfer. Sie fochten mit dem Muthe der Verzweiflung. Nicht um ihr Hab, nicht um ihre Frauen, ja selbst nicht uni ihr Leben kämpften sie, sie kämpften um ihren Glauben. Ihr Glaube war es allein, für den sie den Heldentod starben, für den vor ihnen Unzählige gefallen, für den nach ihnen Hundert tausende ihr Leben unter den entsetzlichsten Folterqualen gelassen haben. Als der Pöbel die Bewaffneten anrücken sah, da steigerte sich seine Raub- und Mordlust, denn das gemeine Volk damaliger Zeit war es gewohnt, die Ritter und Landsknechte stets auf seiner Seite zu haben, bei den damals durchaus nicht seltenen Judenverfolgungen. Ihre Wuth wurde daher maßlos, als sie sahen, daß die Bewaffneten den Juden beizustehen versuchten, während diese wiederum, in dem Glauben, daß die Ritter auch dieses Mal gegen sie kämpfen würden, denselben Feuerbrände und Steingeschoffe entgegensandten. Die allgemeine Verwirrung und Bestürzung wurde noch vermehrt, als plötzlich in geschlossenen Reihen unter frommem Sang die Geißler von allen Seiten herbeiströmten, denen man die Thore geöffnet,