Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 8 (28.1.1897)
- Date
- 1897-01-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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131 nachsagen, oder die UNS im besten Falle so gleichgültig sind, daß wir nicht einen Handschuh auSzieheu möchten, wenn wir ihnen mit dieser geringen Anstrengung ein Vergnügen bereiten könnten. Wir gehen zu Festen anderer, verbringen Nachtstunden, die wir tausendmal lieber dem Schlafe widmen möchten, mit albernem Geschwätz, lächeln verbindlich, während uns der Gähnkrampf fast überwältigt, drechseln Komplimente, von denen wir kein Wort glauben, danken der Hausfrau für ihre liebenswürdige Einladung, für die wir sie im Herzen, ins Land, wo der Pfeffer wächst wünschen, versichern den Hausherrn unserer beständigen Ergebenheit und lassen uns am nächsten Morgen verleugnen, wenn er etwa kommt, uns um eine ernste Gefälligkeit zu bitten. Leute, die wir verabscheuen, besuchen wir, blos weil wir ihnen den Besuch schulden oder weil wir ihrer bei einer Gelegenheit bedürfen könnten. Wir machen bei verschiedenen Gelegenheiten Geschenke und ärgern uns darüber, zu solchen Ausgaben gezwungen zu sein. Wir verkehren in zur Schau getragenen Intimität mit Leuten, von denen wir alles Böse denken und sagen und von denen wir wiffen, daß sie uns gegenüber ganz so handeln. Durch diese innere Unwahrhaftigkeit wird uns das gesellschaftliche Zusammenleben, das doch die Vermehrung des individuellen Wohlbefindens bezweckt, zu einer Quelle beständigen Unbehagens. So oft wir mit den Nebenmenschen in Berührung kommen, bringen wir dav.n Langeweile, Aerger, Neid, Verachtung, Beschämung, Hohn, kurz die widerwärtigsten und peinlichsten Empfindungen heim. Und doch verurtheilt man sich freiwillig zu diesen Unannehmlichkeiten und die meisten Menschen aus den sogenannten befferen Ständen gehen ganz in dem Gesellschaftsleben auf, von dem sie wohl wiffen, daß es ihnen weder Freuden, noch Anregungen, noch Erhebungen gewähren kann. Was veranlaßt sie zu dieser unaufhörlichen, anstrengenden Comöoie, in der sie lächeln müssen, wo sie die Zähne fletschen möchten, und mit Leuten schön thun, die ihnen den Tag verleiden, an dem sie ihnen vor die Augen kommen? Die Moral, aber jene dritte Sorte, welche unverbrämt als die vollendete Selbstsucht erscheint. Der Eine, der noch die Welt zu erobern hat, läuft zu Festen und Empfängen, zu NachmittagS-TheeS und Abend-nt homes, um Bekanntschaften zu machen, die er zu Gönnerschaften zu züchten trachtet, um eine gute Parthie aufzujagen, um seinen Ruhm zu pflegen, um sich durch die Schwächen und Fehler der anderen sicher und bequemer fördern zu lassen, als es durch die Bethätigung eigener Vorzüge möglich wäre. Der Andere, der bereits eine Stellung errungen hat, verurtheilt sich zu den Mühen und Geldopfern der Repräsentation, um gegen Ranggenossen zu intriguiren und sie einfach zu ärgern, um den Leuten einen hohen Begriff von seinem Reichthum, seinem Ansehen und Einfluß beizubringen, um Hofmacher um sich zu sammeln, kurz um seine Eitelkeit mannigfach zu befriedigen. Im dicksten Menschengewühl sehen diese Geschäftsleute nur eine einzige Person: ihre eigene. Im lebhaftesten Gespräche, während sie ganz von sich abzusehen und im Worte anderer zu leben scheinen, hören und sehen sie nur eins: ihr Ich. So fälscht diese Moral des Egoismus auch die harmlosesten Beziehungen der Menschen zu einander und alle Umgangsformen werden zu Lügen, weil rücksichtslose Selbstsucht sie als einziger Inhalt erfüllt. Der Einwand, daß dies alles auch früher in allen Zeiten und Zonen so war, ist nach vielen Seiten hin nichtig. Er ist nicht einmal zutreffend. Wir haben von den WahryeitSwidrigkeiten der früheren Zeilen als legitime Erben Besitz ergriffen und sie mußten sich naturgemäß unter unseren Händen in der geschehenen Weise vergrößern. Wenn Jemand vom geraden, rechten Wege nur einen Schritt abweicht, so braucht er naturgemäß nur in derselben Richtung einen Fuß vor den anderen zu setzen, um mit jeder Bewegung sich immer weiter von dem rechten Ziel zu entfernen. Aber wie man auch darüber denken möge, über einen Punkt kann kein Zweifel sein und das ist derjenige, auf den diese unsere Betrachtungen hinzielen. Ueber einen Punkt herrscht eine Confusion der Begriffe, eine Verkennung und Verleugnung der offenkundigen Wahrheit, wie dies in früheren Zeiten niemals der Fall war, es ist dies unser nächstes, heiligstes Anliegen , unser Judenthum und unsere Stellung zu ihm. Was wir bis jetzt von Verkümmerung und Entstellung der Wahrheit Revue passiren ließen, berührte nicht spezifisch-jüdisches, sondern hatte rein menschliche Momente zum Gegenstand. Die hohe, hehre, göttliche Wahrheit reicht ja mit ihrer allumfassenden Machtsvhäre weit über die Schranken von Religion, Confession und Nationalität hinaus. Sinnig deutet diese Anschauung eine Bestimmung des jüdischen Rechts an. Nach jüdischem Recht wird ein Kaufgeschäft mit Worten allein nicht perfekt, und so lange nicht durch genau formulirte Akten der Eigenthumswechsel thatsächlich vollzogen wurde, ist juridisch der Rücktritt möglich. Dennoch wird der Rücktritt, selbst wenn ein Geschäft mit bloßen Worten abgeschlossen wurde, als tadelnswerther Vertrauensbruch erklärt. D'osn nn p«: rtJEX -icine citfe crc . ::cri Wenn aber zu dem Worte bereits eine Geldzahlung hinzugekommen und auch dann noch juridisch ein Rücktritt zulässig wäre, so lange der Eigenthums- Wechsel sie kacto noch nicht vollzogen ist, so hat aus