Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 8 (28.1.1897)
- Date
- 1897-01-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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können; denn was der Eine vom Andern denkt, ist ihnen der Hauptinhalt des Lebens. In den vertrauten Kreisen läßt man die Maske der versteckten Sinnlichkeit vielfach fallen und jede Ausschweifung ist erlaubt, wenn nicht geboten, so lange sie mit einer gewissen Gemüthlichkeit gepaart erscheint. Hier rühmt man sich geradezu der Verführung und der ausschweifendsten Ungebundenheit und nichts ist lächerlicher als Keuschheit und derjenige, der keine galanten Abenteuer zu berichten hat. Die dritte Art der Moral, die sich in ihren Thaten offenbart, gestehen diese Menschen nur sich selbst, sie heißt Ausbeulung der Nebenmenschen. Ihre persönlichen Interessen zu verfolgen, schließen sie Freundschaft, sind sie zuvorkommende Wirthe und die gemüthlichsten Leute, so lange sie ihr Opfer brauchen können. Ist dies nicht mehr der Fall, so vergessen sie ihre sogenannten Freunde in einer einzigen Nacht. Diese Selbstsucht, die das Herz verhärtet und das Gemüth vergiftet, sie heimst die Ernten der Drachensaat ein, welche die Lüge ausgestreut hat. Vielleicht noch niemals hat die laxe Berücksichtigung der Mahnung „sich von jedem Wort der Lüge fern zu halten," sich so bitter gerächt als an unserer Zeit, die bereits eine ganze Litteratur besitzt, welche die Ursachen, die Verbreitung und die Folgen dieser Verlogenheit zum Gegenstände hat. Aber die große Zahl derer, welche diesen Federkrieg gegen die Lüge führen, fördern und stärken ihr Reich, das sie zu bekämpfen vergeben. Gute Beobachter sind sie jedoch, auch wenn die Schlüsse falsch sind, welche sie aus ihrer Beobachtung ziehen. Die Thatsache an und für sich wird Niemand in Abrede stellen, auf welche ein geistreicher, scharfsinniger Kenner unserer Zeit als Zeichen unseres unleidlichen, unhaltbaren Zustandes verweist, wenn er seinen llnmuth in folgende Worte kleidet: „Die Menschheit, die gleich Faust Erkenntniß und Glück sucht, war vielleicht zu keiner Zeit so weit entfernt wie jetzt, dem Augenblick zuzurufen: „Verweile doch, du bist so schön!" Bildung und Gesittung breiten sich aus und nehmen von den wildesten Weltgegenden Besitz. Wo gestern noch Finsterniß herrschte, da flammen heute Sonnen. Jeder Tag sieht eine neue Erfindung emporschießen, welche die Erde wohnlicher, die Widerwärtigkeit des Daseins erträglicher, die dem Menschenleben gewährten Befriedigungen mannigfaltiger und eindringlicher macht. Aber trotz dieser Vermehrung aller Bedingungen des Behagens, ist die Menschheit unzufriedener, aufgeregter, rastloser ah je. Die Kulturwelt ist ein ungeheurer Krankensaat, dessen Luft beklemmendes Stöhnen füllt und auf dessen Betten sich das Leiden in allen seinen Formen windet. Wandere von Land zu Land und rufe die Frage hinein: „Wohnt hier Zufriedenheit? Habt ihr Ruhe und Glück?" Ueberall wird dir die Antwort entgegen tönen: „Zieh' weiter, wir haben nicht, wonach du fragst." Horche über die Grenzen: der Wind trägt dir überall die wüsten Geräusche von Streit und Kampf, von Aufruhr und gewaltsamer Unterdrückung an's Ohr." Wie viele kleinen Lügen durchsetzen und durchwuchern unser ganzes Leben und tragen gleich einer Schimmelvegetation in alle seine Theile Verderbniß und Fäule! Aber es ist ja nicht anders möglich. Wenn man in Lügen geboren wird und auswächft, beständig von Lügen umgeben ist, lügen muß, so oft man öffentlich den Mund aufthut, wenn man die Gewohnheit hat, immer anders zu sprechen und zu thun, als man fühlt und denkt, den beständigen Widerspruch zwischen den inneren Ueberzeugungen und den äußeren Lebensformen als etwas selbstverständliches zu dulden, die Heuchelei als Weltklugheit und Bürgerpflicht und die Ehrlichkeit als Extravaganz zu empfinden, wie soll man da ein gerader Charakter bleiben, in den menschlichen Verhältnissen aufrichtig und im Privatleben wahr sein? Man lügt denn auch auf der Promenade und im Salon, wie man in der Versammlung und auf dem Amte und auf dem Markte lügt. Aller gesellschaftliche Verkehr hat diesen Charakter der Verlogenheit. Erblickt man einen Bekannten, so grüßt man ihn, dar heißt, man drückt ihm Wünsche für sein Wohlergehen aus. Erhält man einen Besuch, so zeigt man sich darüber erfreut, überredet den Besucher zu bleiben und dringt in ihn bald wieder zu kominen. Man gibt F.ste, um den Nebenmenschen eine Gelegenheit zu mannigfachem Vergnügen zu bieten, man veranstaltet Gastmähler zu ihrer Sättigung und macht ihnen Geschenke. Wenn ihnen etwas Trauriges oder Heiteres widerfährt, so eilt man zu ihnen, um sie zu trösten oder sich mit ihnen zu freuen. Hat man sie eine Weile nicht gesehen, so sucht man sie auf, um sich von ihrem Wohlergehen zu überzeugen und zu fragen, ob sie keiner Dienste bedürfen. Das ist der theoretische Sinn unserer Umgangsformen. Thatsächlich ist aber nach der drastischen Darstellung eines gründlichen, wenn auch stark verbitterten Kenners unsrer Zeit ungefähr jede Berührung eines Menschen mit seinem Nachbar eine Heuchelei und Unwahrheit. Wir wünschen einem Norübergehenden einen guten Tag, cft würden wir am liebsten bören, er habe beim nächsten Schritt das Gleichgewicht verloren. Wir fordern einen Besucher auf, bald wi. der zu komm.n, und haben bei seinem Anblick dieselbe Empfindung, wie wenn wir unversehens eine Blindschleiche berühren. Wir veranstalten Feste und laden zu ihnen Leute, die wir verachten, die wir hassen, denen wir hinter dem Rücken alles Böse