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Der Israelit · 1897-01-28 · Heft 8 (28.1.1897) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 8 (28.1.1897)
Date
1897-01-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
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mnn. Jahrgang. M 8. Der Israelit. Ein Kenlrat-Hrgan für das orthodoxe Iudenthum. Begründet von Br. Itzffmann in Mainz Donnerstag, den 28. Januar 5657 (1897). Kür 3wei Mnvk abonnirt man bei allen Postanstalten für die Monate kedrusr nvä Wirr auf den „Israelit". Dieser Preis tritt aber nur ein bei Abonnements, welche rechtzeitig am Post-ZeitungSfchalter des Wohnortes des Bestellers oder bei dem betreffenden Landbriefträger aufgegeben werden. Die ErMition ües „Israelit". Leitender Artikel. Drei inhaltsschwere Morte. (Zu Paraschat d’bbipö.) Mainz, den 24. Januar. II. Wir haben in dem ersten Theil dieser Betrachtung darauf hingewiesen, welchen hervorragenden Antheil Lüge und Täuschung bei der Erziehung unserer Jugend hat und wie die verderblichen Folgen davon im Leben sich allenthalben geltend machen. Unser gesellschaftliches, geschäftliches und politisches Leben trägt davon auf Schritt und Tritt die Spuren der Vertrauenslosigkeit und Unwahrhaftigkeit in geradezu erschreckender Weise an sich. Wie das von Hause aus einheitliche Leben seine besonders geartete Moral hat, je nach den äußeren Formen, in welchen es sich vollzieht, diese Doppelzüngigkeit der Moral, die ist das erste, was dem aufmerksamen Beobachter dabei in's Auge fällt. Welch' eine Kluft klafft zwischen dem gesellschaftlichen und dem politischen Leben, zwischen dem Menschen und dem Bürger! Wenn im gesellschaftlichen Leben sich zwei Leute über den Besitz eines Gegenstandes nicht einigen können, so treten sie vor den Richter, und dieser spricht nach den Anforderungen von Recht und Gerechtigkeit dem einen den streitigen Gegenstand m und weist den anderen ab. Wenn sich zwei Völker über einen Gegenstand nicht einigen können, so schlagen sie sich gegenseitig, und wer am besten schlagen kann, wer die besten Kanonen und die schlagfertigsten Soldaten hat, der hat Recht. Wenn Jemand mit Hilfe seiner starken Fäuste den Kessel eines anderen sich mit Gewalt nähme, so würde ihn unsere Moral einen Kefseldieb und Raufbold nennen. Wenn ein Volk dem andern einen Streifen Erde auf Grund seiner stärkeren Bataillone wegnimmt, so nennt die höhere Moral das Volk eine kriegerische Nation und seinen Gewaltakt eine Annexion oder Einverleibung. Wenn Jemand im täglichen Verkehr bewußt die Unwahrheit sagt, so nennt ihn unsere Moral einen Lügner. Wenn ein geriebener Politiker in Sachen der höheren Politik dasselbe thut, so nennt ihn die Moral einen feinen Diplomaten. Diese Vergleiche ließen sich noch lange fortsetzen, aber die doppelte Elle, mit welcher unsere Moral mißt, tritt einem nicht erst in dem Gegensatz zwischen dem politischen und gesellschaftlichen Leben entgegen. Im täglichen Leben und Verkehr haben die meisten Dutzendmenschen nicht nur eine zweifache, sondern sogar eine dreifach verschiedene Moral. Die erste für die Gesellschaft und die Familie, die zweite für den vertrauten Kreis, die dritte für ihr geheimes Innere. Da sie in der Jugend die Grundsätze ihrer Religion und Sittlichkeit auswendig lernen, so kommt ihnen ihr Gedächtniß in der großen Gesellschaft trefflich zu statten. Da sind sie lauter Heilige, lauter ehrenwerthe Leute, die es sich schon zur Sünde anrechnen, wenn es ihnen nicht leicht wird Gutes zu thun. Der Gefallene wird ohne Erbarmen von ihrer scharfen Zunge durchbohrt, von ihren spitzen Federn zerstochen. Obgleich Jeder sich selbst genug kennt, glauben sie doch durch solche Heuchelei einander täuschen zu

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