Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 7 (25.1.1897)
- Date
- 1897-01-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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dische Jugend geknickt war, begann der Kampf des Geistes, und Rom^ wurde besiegt. Juda hatte für seinen Glauben gekämpft, ein Kampf, der an den Kampf Jacob's mit dem Genius Efau's erinnerte. Es mußte eine Zeit kommen, in welcher Esau den Jakob um seinen Segen bitten mußte. Dem Talmud ist die Sage über die Entstehung Roms bekannt, der ältere jerusalemische Talmud und der Sifre kennen die Namen Romulus und Romus, der babylonische kennt sie^nicht. Erst die späteren Midraschim führen die Sage von der säugenden Wölfin an. Ein merkwürdiger^Midrasch erzählt, der Boden habe bei der Gründung Roms nicht fest bleiben wollen, bis Wasser aus dem Euphrat geholt und demselben beigemischt worden sei. Die Verfolgungen werden gewöhnlich Hadrian und Trajan zugeschrieben, wenn sie auch nach ihrer Zeit ftattfanden. Von ihnen galt das Wort: „Rom kennt kein Erbarmen". A^er was den großen Haß hervorrief, das war weniger die Zerstörung des Landes und des prachtvollen Tempels — auch Nebukadnezar hatte den Tempel zerstört — sondern, daß die Thora ausgerottet werden sollte, das konnte nicht vergessen werden. Wenn auch der Patriotismus und die Disciplin der Römer anerkannt werden, so wird doch andererseits gesagt, daß sie durch Straßenzölle, Theaterbauten, Bäder und Kopfsteuer das Volk aufzehrten. Die Bestechung war allgemein, die Habgier grenzenlos, Ende der Republik und Anfangs des Kaiserthums begann auch die Kriecherei vor den Reichen und Mächtigen. Rabbi Akiba und seine drei Gefährten brachten einen sehr schlechten Eindruck von ihrer Romrcise mit, die man in die Zeit Domitians setzt: Die knechtische Gesinnung nahm noch zu, als das Heidenthum abgesetzt war. In Bezug auf die Ungerechtigkeit in der Rechtspflege werden manche Beispiele erzählt. Interessant ist, daß die Bildersteckbriefe schon bekannt waren; j denn Rabbi Merrs Bild wurde an den Thoren Roms angeschlagen, damit er nicht daraus entwischen könne. Auch das Menu eristirte schon, indem erzählt wird, daß die Speisen auf einer Rolle niedergeschricben oder gemalt waren, damit jeder sich auswählen konnte. Gegen die üppigen Mahlzeiten der Römer und die dabei herrschenden Unsitten tritt der Talmud auf, ebenso gegen die frivolen Theater und Circusse, die zugleich sich über die Juden lustig machten. Bis zur spätesten Zeit wird Italien und Konstantinopel erwähnt, alle im oströmischen Reich herrschenden Würden werden aufgezählt. Der Thron Salomorts mit seinem prachtvollen Schmuck, wie ihn die Sage schildert, scheint eine Nachbildung des Byzantinischen Throns zu sein, nur im jüdischen Geiste umgearbeitet zu einer Verherrlichung des gerechten Richterthums. Zum Schluß griff der Redner wieder auf die oben angeführte Sage zurück, wonach Aba Kolon Wasser aus dem Euphrat holte zum Bau Roms. Dies ist das Bild der jüdischen Gesetzesforschung, deren Strahl hingeleuchtet hat. Das Judenthum hat der Welt ihren Gott gegeben, auf dem alle Gesittung und Cultur der Neuzeit beruht. Das Judenthum hat seine Mission, es ftrcut den Samen des Guten aus, und wenn 6$ auch Feindschaft dafür erntet, es wird nicht Feindschaft dagegen geben. Die Zeit kommt sicher, da die Erkenntniß der Menschheit aufgehen wird, und auf diese Zeit hofft der Jude. Der Mensch hat nur das Seinige zu thun und sich an das Wort zu halten mit dem der deutsche Dichterfürst so schön umschreibend einen salamonischen Vers wiedergiebt: „Was willst du untersuchen, wohin die Milde fließt? Ins Wasser wirf deine Kuchen; wer weiß, wer sie genießt!" Frankfurt a. M., 19. Januar. Man schreibt uns: Eine ganze Reihe hiesiger christlicher Firmen ist um die Weihnachtszeit mit Schmäh- und Drohbriefen gemeinster antisemitischer Sorte bedacht worden. Ich habe einige dieser Briefe gesehen; sie überbieten an Niederträchtigkeit alles, was ich bis jetzt in dieser Richtung kennen lernte. Man kann doch kaum im Unklaren darüber sein, daß Antisemiten die Urheber dieser Briefe find; trotzdem nahm die „Deusch-soziale Reformpartei" die Gelegenheit wahr, sich öffentlich bemerkbar — und Reklame zu machen. Sie erließ eine Entrüstungsannonce. Die Antisemiten verstehen es ja so gut, sich zu entrüsten. 10<> Mark Belohnung werden vom „Deutschen Verein", berühmt dttrch die Herausgabe des „Deutschen Adreßbuches", ausgesetzt für denjenigen, „wer uns oder der König!. Staatsanwaltschaft die Thäter so bezeichnen kann, daß dieselben gerichtlich belangt werden können." Rührend ist dabei die hohe Meinung, welche die Antisemiten von dem hochentwickelten Anftandsgefühl ihrer „Genossen" haben. Sie sagen nämlich in jener Annonce: „Wer die Anhänger unserer Bewegung und die Mitglieder unseres Vereins kennt, wird zwar ohne Weiteres wissen, daß Niemand von denselben im Stande ist, ein solches Bubenstück zu verüben", um dann gleich in dem Nachsatze: „und aus dem Styl dieser Drohbriefe ist für den Eingeweihten auch ohne Weiteres ersichtlich, von welcher Seite dieselben aufgegeben worden sind, um unsere Bewegung zu discreditiren" — zu beweisen, wie cs in der That mit dem antisemitischen Anstand bestellt ist. Wer gemeint ist, braucht kaum kommentirt zu werden. Später forderte eine hiesige Drucker-Firma mittelst Annonce diejenigen auf, welche antisemitische Sch nähuno Drohbriefe erhalten hatten, ihr dieselben zur Verfügung zu stellen. Die Folge dieser Aufforderung war, wie uns verbürgt mitgetheilt wird, nicht nur die Zusendung vieler Briefe, sondern auch der Besuch eines Kriminal-Polizel-Commiffars bei der