Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 7 (25.1.1897)
- Date
- 1897-01-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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116 unter dem Strich ihr tolles Spiel treiben. Den Blasirten, Unzufriedenen, dem die bloße Lektüre noch nicht stark genug ist, treibt seine Unzufriedenheit mit der Wirklicheil ins Theater, wo er für einige Stunden wenigstens eine andere Welt vorüber ziehen sieht. Einen Dritten treibt sie zum Spiel, einen vierten auf die Reise, einen fünften zum Alkohol und wie die tausendfältigen buntscheckigen Surrogate, der einen, geraden, ehrlichen Wahrheit alle heißen. Diese läßt sich aber in der That durch diesen Flitter, läßt sich überhaupt durch nichts ersetzen. Das frevle Spiel, das in der Jugend mit ihr getrieben wurde, rächt sich durch ein ganzes Leben. Die Nervosität, die Reizbarkeit, die Abspannung und Unzufriedenheit, die sich allenthalben in immer zunehmender Weise geltend machen, sie sind die Rachegeister der verletzten, gekränkten Wahrheit, sind die unabweisbare Consequenz der Abweichung der göttlichen Mahnung: pmn ipsr „Vom ersten Worte der Lüge halte dich fern!" (Fortsetzung folgt). Zeitrrrrgsirachrichrett und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 13. Januar. Gestern Abend fand die dritte ordentliche Generalversammlung des Vereins „Jüdische Lesehalle" im Lokals des Vereins statt. Der derzeitige Vorsitzende Herr Kommerzicnrath Julius Jsaac erstattete einen ausführlichen und sehr übersichtlichen Bericht über die Vereinsthätigkeit im verflossenen Jahre. Er konnte hervorheben, daß der Besuch der Lesehalle ein über alle Erwartungen bedeutender sei, hätten doch im letzten Quartal durchschnittlich täglich 50—70 Personen die Lesehalle besucht und auch die Bibliothek erfreue sich einer eifrigen Benutzung seitens mehr als 100 Lesern. Nicht nur aus Berlin rekrutiren sich die Besucher, auch von auswärts sind viele Herren in die Lesehalle gekommen, um die Einrichtungen derselben sich anzusehen, häufig auch, um sich bei dem Bibliothekar Rath und Auskunft zu holen. Die in einem Gastbuch verzeichneten auswärtigen Herren stammen aus allen Ländern, Oesterreich, Rußland, Frankreich, England, sogar Amerika und die Türkei sind ebenso gut vertreten, wie die Provinzen Deutschlands. Herr Kommerzienrath Jsaac konnte darauf Hinweisen, daß die Lesehalle und der Verein, als er die Leitung übernahm, noch in der Periode der Kinderkrankheiten sich befanden, während jetzt alles geordnet sei und der starke Besuch der Lesehalle und die ausgiebige Benutzung der Bibliothek den besten Beweis dafür erbrachten, daß der Verein ein wirkliches Bedürfniß gewesen sei. Weniger erfreulich klang dagegen der andere Theil des Berichtes, denn der Vorsitzende mußte conftatiren, daß unsere Glaubensgenossen, besonders die wohlhabenderen sich so gleichgiltig dem Verein gegenüber zeigten, daß es nicht möglich war die Mitgliederzahl wesentlich über 100 zu steigern. Da auch ein Theil der Vereine ihre Beiträge verweigert oder zurückgezogen haben, so ist die Einnahme erheblich unter der Summe der Ausgaben geblieben und eine weitere Existenz des Vereins nur dadurch ermöglicht worden, daß der Vorsitzende Herr Kommerzienrath Isaak in seiner bekannten Generosität dem Verein eine Spende von 500 Mark geschenkt hat. An diesen Bericht knüpfte der Vorsitzende die Mittheilung, daß er sein Amt niederlege und an seiner Stelle einen anderen Herrn zu wählen bitte. So lebhaften Beifall der Bericht im allgemeinen fand, so energisch remonstrirten die Anwesenden einstimmig gegen die letzte Erklärung des Herrn Vorsitzenden und als die Neuwahl des Vorstandes zur Diskussion kam, baten die Herren Bambus und Spiewkowskp Herrn Kommerzienrath Jsaac wieder den Posten des ersten Vorsitzenden anzunehmen und dem Verein, wie über die anderen Kinderkrankheiten auch über das Kasiendefizit hinwegzuhelfen. Die Versammlung schloß sich durch einmüthige Akklamationswahl diesen Ausführungen an und Herr Kommerzienrath Jsaac nahm die Wahl nach vielem Bitten mit der Erklärung an, so lange wenigstens dem Vereine vorstehen zu wollen, bis sich definitiv entschieden, ob derselbe die zu seiner Existenz nöthige Mitgliederzahl erreichen könne, oder aus Mangel an Jnteresie seitens der zahlungsfähigen Elemente unserer Gemeinde eingehen müsie. Den Ksssenbericht hatte Herr Benas Levy erstattet, derselbe wies in der Einnahme incl. jener großen Spende von 500 M. 3059 M., in den Ausgaben einen Gesammtbetrag von 2732 M. auf. Herr Benas Levy wurde per Akklamation wieder gewählt, durch gleichen Modus die Herren Dr. Schäfer und cand. med. Zlocisti zu Schriftführern, die Herren Tr. Hildesheimer, Dr. Stier, Maximilian Heymann, Spiewskowsky und Heinrich Fränkel zu Beisitzern ernannt. In das Agilationscomit« wurden die Herrn Dr. Hildesheimer, Benas Levy, Spiewskowsky und W. Bambus berufen und diesen Herren Cooptaationsrecht verliehen. Nachdem noch die Herren Dr. Stier und Dr. Thon einige Vorschläge zur Agitation gemacht hatten, schloß die Versammlung. An unseren reichen Glaubensgenossen in Berlin wird es nun sein, durch Bewilligung der kleinen Beiträge zu zeigen, daß sie ein Werk zu fördern gewillt sind, welches Hunderten strebsamer Leute, besonders junger Leute die erwünschte Gelegenheit bietet, ihre jüdischen Kenntnisie fortzubilden. Wir zweifeln nicht daran, daß dieser Appell seine Wirkung thun wird.